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Kultur Regional Gewandhausorchester und Open-Air-Gemeinde glücklich im Breitwand-Sound
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11:27 30.06.2018
Klassik Airleben 2018: Andris Nelsons und das Gewandhausorchester sorgen mit Filmmusik für ein großartiges Kopfkino-Erlebnis.
Klassik Airleben 2018: Andris Nelsons und das Gewandhausorchester sorgen mit Filmmusik für ein großartiges Kopfkino-Erlebnis. Quelle: André Kempner
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Leipzig

„E.T. mag ich am liebsten“, bekennt Andris Nelsons, als ihn Moderatorin Friederike Westerhaus nach seinem Lieblingshelden fragt. Als der heute legendäre Film um den knuffeligen Extraterrestrischen 1982 die Kinos erobert, ist er noch sehr klein, der jetzige Gewandhauskapellmeister. Vier Jahre zählt er da, zu jung – um die Abenteuer des Außerirdischen bewusst mitzuerleben.

Und weil Kulturerzeugnisse aus dem kapitalistischen Westen ohnehin nur mit erheblicher Verzögerung in den Ostblock gelangten, wenn überhaupt, hat es eine Weile gedauert, bis er die Bekanntschaft von E.T., Indiana Jones & Co. machen konnte. Heute schwärmt Nelsons fürs amerikanische Blockbusterkino, liebt es vor allem wegen der Musik eines Mannes, den er auch persönlich schätzt: John Williams. „Seine Musik ist so stark, dass sie die Filme selbst mitbringt. Wenn Sie E.T. oder StarWars hören, haben Sie die Bilder sofort im Kopf.“

Klassik Airleben 2018 im Rosental. Das Gewandhausorchester spielte unter der Leitung von Andris Nelsons. Quelle: Kempner

John Williams, das Filmmusik-Genie, hat sämtliche Star-Wars-Episoden vertont, fünf Oscars erhalten und war rund fünfzig Mal nominiert. Seine Melodien kann fast jeder beim Massenpicknick im Rosental mitsummen, selbst wenn er oder sie die Geschichte vom Kampf Luke Skywalkers, Prinzessin Leias, Han Solos und Obi-Wan Kenobis gegen Darth Vader und den Todesstern des Imperiums nicht ohne Weiteres rekapitulieren könnte.

Gewandhausorchester im Breitwand-Sound

Beim Verfertigen seiner Partituren hat sich Williams von Wagner, Mahler und Strauss inspirieren lassen – Komponisten, die einem Luxusklangkörper wie dem Gewandhausorchester wie auf den Leib geschnitten sind. Entsprechend wohl fühlen sich die Musiker im epischen Breitwand-Sound, vom martialischen „Raiders March“ aus „Indiana Jones“ über „Jurassic Park“ bis zu den bekanntesten Melodien aus dem Sternenkrieg, die jeder Erstklässler singen kann. Das Blech strahlt, das Holz charmiert und die Streicher glänzen um die Wette. Ermüdungserscheinungen zum Saison-Abschluss? Fehlanzeige!

Und immer wieder diese gleißenden Trompetenfanfaren, die den Start markieren. Vieles wiederholt sich in der Bauart der Filmscores, doch Williams ist als Arrangeur musikalischer Einfälle und Klangeindrücke geschickt genug, jedes Mal eine neue, mitreißende Klangerzählung entstehen zu lassen, die man sogar ohne bewegte Leinwaldbilder verlustfrei erleben kann.

Bei einer Nummer werden die Ohren ganz besonders gespitzt. „Hören Sie auf die Celesta, das sind wirklich magische Klänge“, kündigt Nelsons die Musik aus Harry Potters „Stein der Weisen“ an. John Williams kann eben nicht nur überwältigen, sondern auch verzaubern. Der gut gelaunten Open-Air-Gemeinde ist beides recht. Das Aufgebot an Picknickkörben, Kühltaschen und Bierkästen ist auch dieses Jahr rekordverdächtig. Geschmaust und geschlemmt wird, so weit das Auge reicht. Es ist das gewohnt bunt-bewegte Bild: Kinder tollen herum, schicken Seifenblasen in den Abendhimmel, Hunde werden an der Leine geführt, vereinzelt klingelt das Handy bei den Nebenleuten.

70.000 Besucher an zwei Abenden

Insgesamt 70.000 Besucher an zwei Abenden lockt die Mischung aus Freiluftspektakel und Konzertatmosphäre ins Rosental. Am Sonnabend geben sich neben Gewandhausdirektor Andreas Schulz auch Kulturbürgermeisterin Dr. Skadi Jennicke und Landesvater Michael Kretschmer die Ehre. Privat sei er gekommen, weil seine Frau morgen Geburtstag habe und ein Besuch bei Klassik Airleben für sie das schönste Geschenk sei. Gerd Rupp, Vorsitzender Geschäftsführer von Porsche Leipzig, versichert, dass die Autobauer auch über die fünfte Ausgabe hinaus das Open-Air-Event als Hauptsponsor unterstützen werden. Wenn es 2019 in die nächste Runde geht, ist auch Andris Nelsons wieder dabei. „Hier wird eine musikalische Familie aus Orchester, Publikum und Stadtgesellschaft erlebbar“, schwärmt er.

Dass trotz ausgelassener Picknick-Stimmung aufmerksam gelauscht wird, begeistert den französischen Pianisten Jean-Ives Thibaudet. Bei George Gershwins Konzert in F greift er beherzt in die Tasten. Doch im zweiten Satz, dem Adagio verliert sich die Musik in melancholische Tagträume. Verhältnismäßig ruhig wird es da im weiten Rund. Gershwins großartiges Konzert, 1925 entstanden, durchweht das Lebensgefühl der Roaring Twenties: Die vibrierende Energie der amerikanischen Großstadt mit ihrem Straßenlärm, Schlagermelodien und Partygetöse verschmelzen zu einem wilden Amalgam aus Jazz und Klassik.

Thibaudet federnd und lechtend

Thibaudet hat nicht nur den Swing im Blut. Er lässt alle noch so wuchtigen Akkordreihen federn, leuchten und schillern, kann aber auch die stählerne Virtuosenpranke auspacken. Passend zum Klavierkonzert wird mit der Suite aus „Girl Crazy“ noch mehr symphonischer Jazz serviert. Der fehlt noch der Groove, für den Thibaudet dann aber in den Variationen zu „I Got Rhythm“ sorgt.

Zuletzt noch eine Zugabe, bei der die Herren an den Hörnern zu wahren Supermännern werden.

Die 238. Gewandhaus-Saison beginnt mit dem Großen Concert am 31.08.2018, gefolgt vom Gewandhaustag am 01.09.

Von Werner Kopfmüller