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Kultur Regional Goldberg, Bernhard und die Leipziger Jazztage
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00:24 22.09.2018
Findet im ständigen Miteinander seine Positionen: der Jazzpianist Michael Wollny. Quelle: Jörg Steinmetz
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Leipzig

Gut gelaunt sitzt Michael Wollny im Café schräg gegenüber der Hochschule für Musik und Theater in Leipzig. Dort ist er Professor für Jazzklavier. Die Arbeit macht ihm Spaß, seine aktuellen Platten „Oslo“ und „Wartburg“ sind erfolgreich, entsprechend gefüllt ist sein Tourkalender. 2017 hat Wollny den Kulturpreis Bayern in der Kategorie Musik erhalten, vor sechs Wochen wurde er zum zweiten Mal Vater. Zum fünften Mal wird er in diesem Jahr bei den Leipziger Jazztagen (11. bis 20. Oktober) auftreten. Im Zentrum seines Programms steht Thomas Bernhards „Der Untergeher“.

Thomas Bernhards schreibt von „klavierspielenden Zugrunderichtern“ und von „Musikhochschulstumpfsinn“. Wie ist Ihre Bilanz der viereinhalb Jahren an der Hochschule?

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Ach, den Bernhard sollte man vielleicht nicht auf diese Weise wörtlich nehmen. Ich weiß nicht, ob ich da überhaupt eine Bilanz ziehen wollte. Das würde ja so nach Abschluss klingen. Selbst eine Zwischenbilanz fiele mir schwer. Es geht immer weiter und immer tiefer rein. Man versteht immer mehr von diesem Haus, seinen Studenten und dem Akt des Lehrens. Es macht mir immer noch mindestens genauso viel Spaß wie am Anfang. Immer wieder neue Gesichter, neue Fragestellungen, neue Konstellationen von Leuten. Man findet auch über sich jeden Tag wahnsinnig viel heraus.

Ist das auch so, weil hier in Leipzig vielleicht weniger das übliche Ding herrscht, das sich Abarbeiten an Jazzstandards und an der reinen Lehre?

Das gehört natürlich auch hier zur handwerklichen Grundausbildung. Aber für die Abschlüsse sind die Studenten vollkommen frei von Vorgaben. Und es gibt einen breiten Kosmos um die Hochschule, viel Eigeninitiative, viele Spezialprojekte bis hin zu traditionellen Hommagen, Electro- und DJ-Parties, oft mit Unterstützung des Jazzclubs. Beim Unterrichten gibt es diese paradoxe Erfahrung, die man vom Spielen kennt, dass man sich auf etwas minutiös vorbereitet und sich dann aus dem ersten Impuls heraus etwas völlig anderes ergibt.

Wie organisiert man die Lehre?

Die vielen Impulse während der Arbeit will ich gar nicht steuern. Im Ergebnis muss man sein Instrument beherrschen, da gibt es nicht nur den einen wahren Weg. Mir ist außerdem wichtig, dass es innerhalb meiner Pianisten einen Klassengedanken gibt, dass die alle miteinander und voneinander lernen. Vor dem Wintersemester machen wir immer eine Art Klassenfahrt in die Uckermark in ein Landhaus mit Steinway, mit Filmen und gemeinsamem Kochen am Abend. Neuanfänger sollen gleich Teil einer Community sein. Als Pianist ist man schnell isoliert in seinem Überaum.

Den orthodoxen Jazzstandard sucht man auf Ihren Platten vergebens. Björk, Berio oder Samuel Barber allerdings findet man.

Zu diesen Stilistiken oder Vorlagen habe ich meiner Biografie wegen eine größere Nähe. Ich bin damit aufgewachsen. Man speichert Klänge in sich, die man dann wieder absondert. Jazz kam später als Möglichkeit, das alles miteinander zu amalgamieren. Klassische Jazzvorlagen spiele und übe ich natürlich auch im Unterricht, aber ich möchte sie nicht auf die Bühne bringen.

Der Erfolg, den Sie mit diesem Vorgehen haben, verblüfft. Da scheint so wenig kalkuliert.

Das würde nicht funktionieren. Mit jeder neuen Platte wird man immer weniger unschuldig. Man weiß um ganz viele Dinge. Deswegen versuche ich, mich immer wieder auf den Prozess zu besinnen und suche Dinge, die ihn befördern. Bei mir gibt es lange Phasen von Brainstorming, dann folgen Versuche, Einfälle zu notieren. Dann eine Art Casting, mit wem ich das machen will. Dann ein erstes Zusammentreffen, Ausprobieren, Verwerfen. Aus dieser nicht immer angenehmen Verwirrung heraus entsteht etwas Neues. Ganz zum Schluss – manchmal erst auf der Bühne – verdichte ich die Beiträge zu einer Art Ergebnis.

Es gibt Festivals der großen Namen, es gibt Festivals mit Programmatik und Anregerfunktion wie die Leipziger Jazztage. Da hinein passen alle Ihre bisher vier Projekte dort. Mit Ihrem Trio waren Sie aber noch nie dabei?

Man freut sich ja nicht ohne Grund, wenn man eine Working Band hat, mit der man über Jahrzehnte etwas verfolgt und aufbaut. Das ist ein ganz hoher Wert, weil da viele Sachen erst möglich werden. Das andere sind diese einmaligen Projekte der Erstbegegnung. Das ist für einen Musiker ebenso inspirierend wie unbequem.

Sie haben mit diesem Trio einen hohen Popularitätsgrad erreicht. Und dabei sind Sie deutlich abenteuerlustiger als Vergleichbares in diesem nun wirklich nicht seltenen Format. Empfinden Sie das auch als Erfolg?

Ich freu mich darüber. In der Kulturlandschaft scheint mir das Denken vom Ende her immer mehr um sich zu greifen: Das muss jetzt so und so viele Leute erreichen, deswegen hat das inhaltliche Konsequenzen. Dass ich das bei mir selbst nicht so fühle, empfinde ich als den größten Erfolg. Ich glaube, dass meine langjährige Zusammenarbeit mit meinem Label ACT eine große Rolle spielt. Es gibt da durchaus Reibung, aber eben auch Vertrauen und Unterstützung in der Sache. In diesem ständigen Miteinander finde ich meine Positionen.

Man kann also die Leipziger Jazztage auch als Anreger begreifen?

Klar. Es gibt immer gute Themen, die Zusammenhänge stiften und Anregung sind, etwas zu machen. In diesem Jahr haben wir zum ersten Mal nichts komplett Neues. Vor drei Jahren sollte ich fürs Musikfest Frankfurt etwas Neues machen, ein wichtiges klassisches Werk von allen Seiten beleuchten. Damals waren es die Goldberg-Variationen. Ich wollte keinen swingenden Bach. Schließlich kam mir die rettende Idee, das Thema über Bande zu spielen ...

... nämlich über Thomas Bernhard ...

Ich wollte eine Improvisation über den „Untergeher“ machen, wo die Goldberg-Variationen ja durchgehend präsent sind. Leafcutter John kann mit seinem Vinyl-Auflegen Glenn Gould auf die Bühne bringen. Alex Nowitz hat die richtige Stimme für die Musikalität von Bernhards Sprache. Beim ersten Mal haben wir vorher zwei Wochen lang intensiv geprobt. Beim zweiten Mal haben wir viel offengelassen. Am 13. Oktober gehen wir nach dem Soundcheck auf die Bühne und lassen uns überraschen. Vielleicht sollten wir eher von Bernhard-Tangenten sprechen. Seine Sprache triggert, was wir machen.

Leipziger Jazztage: 11. bis 20. Oktober; „Goldberg-Tangenten“ mit Michael Wollny (Konzertflügel), Leafcutter John (Elektronika), Alex Nowitz (Sprecher): 13. Oktober, 20 Uhr, Kunstkraftwerk (Doppelkonzert mit Fazer), www.jazzclub-leipzig.de; Karten (30/23 Euro) u.a. in der Ticketgalerie in Leipzig (LVZ-Foyer, Peterssteinweg 19; im Barthels Hof, Hainstr. 1), unter der gebührenfreien Telefonnummer 0800 2181050, auf www.ticketgalerie.de

Von Ulrich Steinmetzger