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Kultur Regional Grandios: Nelsons dirigiert Brahms und Schubert, Solisten sind Kavakos und Capuçon
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13:58 11.10.2019
Andris Nelsons dirigiert das Gewandhausorchester. Quelle: Gert Mothes
Leipzig

Wenn es im Repertoire eine Sinfonie gibt, die den weisen Greisen am Pult vorbehalten scheint, dann Schuberts „Große“. Wohl weil Wilhelm Furtwängler, Otto Klemperer, Georg Solti

, Günter Wand oderHerbert Blomstedt sie in ihrer Reifezeit so beseelt, tief, monumental musizierten. Doch angesichts des Umstands, dass Schubert keine 32 Jahre vergönnt waren und er diese C-Dur-Sinfonie als 29-Jähriger schrieb, und auch Mendelssohn erst 30 Lenze gesehen hatte, als er sie 1839, 11 Jahre nach Schuberts Tod, im Gewandhaus uraufführte, kann es nicht schaden, dieses Klischee zu überdenken.

Variation als Prinzip

Andris Nelsons, 40, ist verglichen mit dem komponierenden Giganten aus Wien und dem Giganten unter den Gewandhauskapellmeistern fast ein alter Mann. Aber reicht es für Schuberts Achte? Und wie es reicht. Denn Schubert und Nelsons, sie kommen vom ersten Ton des emblematischen Horn-Themas an in beglückender Symbiose zusammen. Schuberts Sinfonik entwickelt sich anders als die Beethovens. Wo der ältere Bonner seinen Kosmos aus ständig sich neu erschaffenden Zellen entwickelt, baut Schubert seine nicht minder gewaltigen Sätze auf dem Prinzip der Variation auf, indem er thematische Komplexe strukturell unangetastet lässt, aber fortwährend anders umrankt, unterfüttert, begleitet. Kurzum: Wo Beethoven als Dramatiker ans Wesentliche rührt, tut Schubert es als Erzähler – und der findet in Nelsons den perfekten Interpreten.

Mittelstimmenzauber

Denn der Gewandhauskapellmeister besitzt einen untrüglichen Instinkt dafür, welcher Verästelung der Partitur er gerade zu folgen hat – ohne den Rest aus den Augen zu verlieren. So spürt er im Kopfsatz den herrlichen Polyphonien Schuberts hinterher, befreit den Mittelstimmenzauber vom Staub der reinen Kontrapunkt-Lehre, lässt Melodien atmen und schwingen, verzahnt sie hier und, mehr noch, im B-Teil des Andante con moto so natürlich und sinnlich, dass Beethoven doch wieder verwandt erscheint. Und zwar der der Neunten, der im Adagio und bei der ersten Vorstellung des Götterfunkens ähnlich innig zu singen verstand.

Neu ausgeleuchtet

Die „Längen“, die Schumann bei seiner berühmten Rezension dieser Sinfonie noch „himmlisch“ fand, sie sind heikel. Denn Schuberts Variations-Sinfonik lebt aus der Wiederholung, doch sobald die nach Wiederholung zu klingen beginnt, ist nichts mehr himmlisch. Dann ist diese knappe Stunde nur noch lang. Dabei formt das Wiederholungsmoment selbst die innere Struktur aus: Schuberts Harmonik setzt auf gemeinsame Töne zwischen benachbarten Akkorden, macht Veränderung und Fortschreitung durch Ton-Wiederholungen um so ohrenfälliger – sofern ein Interpret es versteht, die harmonischen Scharniere beweglich zu halten. Doch wer das so beherrscht wie Andris Nelsons, dem gelingt das magische Kunststück, jeden einzelnen Ton bei jeder einzelnen Wiederholung anders klingen zu lassen, ohne den Fluss zu hemmen. Und Nelsons hat sogar noch hinreichend Kapazitäten, Wiederholungen ganzer Formteile völlig neu auszuleuchten.

Schubert für die Insel

Dabei sind seine musikalischen Ideen die eine, und ist das Gewandhausorchester die andere Seite dieser Medaille. An der Inspirationsfront war es Liebe auf den ersten Blick zwischen dem ältesten bürgerlichen Orchester der Welt und dem jungen Chef. Bei der Präzision gab es Reibungsverluste. Doch mittlerweile haben beide Seiten sich aufeinander eingeschwungen: Die selbstverständliche Leichtigkeit, mit der dieses Orchester auf seinen Chef reagiert, wie die Streicher um Frank-Michael Erben elegant wie virtuos die Figurationen flirren lassen, wie die sensationellen Holzbläser solistisch und im Satz Schuberts weltliche Choräle beseelen, wie das Blech Weihe und Kraft zuschießt, all das erlaubt gestaltende Kommunikation in beide Richtungen. Nelsons konfrontiert Schubert nicht mit einer unumstößlichen Idee, sondern nimmt die Fäden auf, die sein Orchester ihm aus allen Richtungen entgegenhält, und verknüpft sie zu einem Organismus, der heller klingt, lichter, nicht harmloser, aber unbeschwerter und, ja, auch schöner als die meisten Annäherungen reifer Granden. Ein Schubert für die Insel.

Akteure auf Augenhöhe

Oder für Europa und Boston. Denn die Große ist im Gepäck, wenn das Gewandhausorchester in einer Woche auf Tour geht, zunächst durch Europa, dann für eine Residenz in der musikalischen Partnerstadt Boston. Dann sind auch der Geiger Leonidas Kavakos und der Cellist Gautier Capuçon dabei und mit ihnen das Doppelkonzert von Johannes Brahms. Und auch hier verständigen sich die Beteiligten in alle Richtungen: Da nimmt im Kopfsatz das Horn den Klang des Solocellos auf, das ihn seinerseits nahtlos, aber mit Charakter von der Solo-Violine übernahm, der die Holzbläser ihn erreichten. Die drei da vorn, der ziemlich geschniegelte Capuçon und die recht ungeschniegelten Kollegen Kavakos und Nelsons, ihnen ist die Lust am Musizieren anzusehen. Und anzuhören natürlich auch. Aus ausgelassener Musizierwut heraus, die kein Risiko scheut, der aber jede eitle Selbstdarstellung fremd ist, die sich überdies ungefiltert aufs Gewandhausorchester überträgt, haftet mit einem Male auch dem viel gescholtenen Doppelkonzert nichts Sperriges mehr an, nichts Gewolltes, Schroffes, Gestrenges. In edler Schönheit strömt es dahin, von innen aufgeladen mit Spannung von Akteuren auf Augenhöhe. Atemberaubend, und ebenso rückhaltlos akklamiert wie der ebenso atemberaubende Schubert.

Den Schubert gibt’s am morgigen Sonntag, 11 Uhr, nochmal im Großen Concert, dann flankiert von Beethovens erstem Klavierkonzert mit Rudolf Buchbinder am Flügel. Mit etwas Glück gibt’s an der Tageskasse noch Restkarten..

Von Peter Korfmacher

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