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Kultur Regional Grauen als Groteske - Holocaust-Überlebender Edgar Hilsenrath gestorben
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16:45 01.01.2019
Der Schriftsteller und gebürtige Leipziger Edgar Hilsenrath ist gestorben. (Archivbild) Quelle: Tim Brakemeier/dpa
Berlin/Wittlich

„Wenn ich meinen Eltern glauben kann, wurde ich am 2. April 1926 in Leipzig geboren ...“ So begann der Schriftsteller Edgar Hilsenrath seinen Essay in der LVZ-Serie „Nachdenken über Leipzig“, in dem er vom Leben der Familie erzählt – und vom Tod vieler Familienmitglieder in den Konzentrationslagern der Nazis. Am Sonntag ist der Holocaust-Überlebende und Autor im Krankenhaus Wittlich (Rheinland-Pfalz) nach einer Lungenentzündung gestorben. Er wurde 92 Jahre alt.

„In Amerika auf verlorenem Posten“

In Deutschland tat man sich lange schwer mit seiner Anerkennung. Dabei gehörte Edgar Hilsenrath zu den bedeutendsten deutsch-jüdischen Autoren. Während seine ersten Bücher in Großbritannien, den USA, in Frankreich und Italien Bestseller waren, von denen weltweit Millionen Exemplare verkauft wurden, zeigten sich deutsche Verleger zurückhaltend. Trotzdem entschied sich Hilsenrath für die Rückkehr ins Land der Täter. „In Amerika war ich auf verlorenem Posten mit der deutschen Sprache“, sagte er.

Sein bekanntester Roman ist „Der Nazi & der Friseur“ (1977), eine Satire, in der ein SS-Mörder nach Kriegsende die Identität eines seiner Opfer annimmt. Ihm gelingt das Unerhörte: eine Slapstick-Satire über den Holocaust. Zum Erfolg des Buches trug eine Kritik von Heinrich Böll in der „Zeit“ bei, der die verstörende Sprache als „düstere und stille Poesie“ lobte. „Das Gruselspiel war ja kein Spiel, es ist durch Hilsenrath wirklich geworden, und es hat sie ja wohl gegeben – oder? – diese Nazis, die getan haben, wovon keiner gewusst, was keiner gewollt, und wenn man alles vergessen sollte: die Goldzähne und die, die sie einmal getragen haben, vergisst man nicht, wenn Schulz-Finkelstein da im Wald der sechs Millionen spazieren geht“, schrieb Böll.

Geboren in Leipzig, aufgewachsen in Halle

Geboren in Leipzig, wuchs Hilsenrath in Halle auf. „Mein Vater war Pelzhändler und hatte sein Geschäft am Brühl“, schrieb er im Essay „Nachdenken über Leipzig“, „bald sattelte er um und stieg ins Möbelgeschäft ein. Wir zogen nach Halle an der Saale, wo mein Vater ein bekanntes Möbelgeschäft übernahm. In Halle ging ich in den Kindergarten und später zur Schule. Halle war eine Hochburg der Nazis. Lehrer und Schüler schickanierten mich.“

1938 floh die Familie zu den Großeltern nach Siret in der Bukowina (Rumänien). Edgar Hilsenrath überlebte den Holocaust im Ghetto, traf nach dem Krieg in Frankreich die Familie wieder, ging in die USA, wo er sich anfangs als Kellner, Bürobote und Nachtportier über Wasser hielt. 1975 kehrte er nach West-Berlin zurück. „Ich habe diese Rückkehr nie bereut“, sagte er.

Sein Debüt „Nacht“ (1954) führt ins Ghetto der ukrainischen Stadt Moghilev-Podolsk, im Jahre 1941 Endstation für deportierte Juden aus der Bukowina – unter ihnen der spätere Autor. Nach der Befreiung durch die Rote Armee hatte sich der 18-Jährige zu Fuß bis Bukarest und von dort per Bahn nach Palästina durchgeschlagen. Er arbeitete im Kibbuz und berichtete später: „Ich kam ohne einen Cent nach Haifa und traf einen britischen Offizier, der ein deutscher Jude war. Er steckte mir ein paar Pfund in die Tasche. Ich überlebte, wenn es auch nur auf Parkbänken und als Tellerwäscher war.“

1989 mit dem Alfred-Döblin-Preis ausgezeichnet

Er freute sich über späte Anerkennung sowie Lese-Anfragen. Für sein Buch „Das Märchen vom letzten Gedanken“, das sich mit den Gräueltaten an den Armeniern in der Türkei auseinandersetzt, erhielt Hilsenrath 1989 den Alfred-Döblin-Preis. Seine letzte Auszeichnung war 2016 der Hilde-Domin-Preis der Stadt Heidelberg. Sein Lebenswerk verleihe der Erfahrung von Exil „in literarisch einzigartiger, kühner Weise Ausdruck“, hieß es in der Begründung der Jury. „Der Ort seines Erzählens ist das Lachen, das einem im Halse stecken bleibt – zwischen Zynismus, Trauer und Selbstbehauptung.“

Keiner der großen Verlage, sondern der kleine Dittrich Verlag sorgte dafür, dass der Autor halbwegs präsent blieb: Er verlegte eine zehnbändige Werkausgabe, organisierte Ausstellungen und Lesereisen. Die Werkausgabe wird inzwischen vom Verlag Eule der Minerva vertrieben.

„Von hier kriegt mich keiner weg.“

Durch Schlaganfälle und Diabetes gesundheitlich angeschlagen, aber hellwach, lebte Hilsenrath lange in Berlin. Als anlässlich seines 80. Geburtstags 2006 im Rathaus Schöneberg eine Feier organisiert wurde, hatte sich der jüngere Bruder aus den USA angekündigt. „Er will mich mitnehmen, hat als Ingenieur viel Geld verdient und lebt mit mehreren Autos und Booten in Arkansas. Ich bin nicht neidisch und werde ablehnen“, erzählte Hilsenrath, „von hier kriegt mich keiner weg.“

Später zog er in die Eifel, wo sich seine zweite Frau Marlene (63) bei den Linken engagiert. Er gehöre zu den wenigen Juden seiner Generation, die ohne Gram und ohne Hassgefühle in Deutschland leben. „Das ist wirklich mein Zuhause.“

Von Thomas Mayer

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