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13:40 07.04.2019
„Aufstand!“ mit dem Gewandhauskinderchor im Mendelssohn-Saal.
„Aufstand!“ mit dem Gewandhauskinderchor im Mendelssohn-Saal. Quelle: André Kempner
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Leipzig

Heute ein Stein des Anstoßes, wenige Jahre später eine Legende. Fast jede Generation erlebt in ihrer Jugend ein epochales Ereignis, bei dem eine Demonstration wichtiger wird als der Schulbesuch. In Deutschland sind es aktuell die Schülerdemonstrationen gegen den Klimawandel.

Bei der Uraufführung von „Aufstand!“, dem jüngsten Projekt des Leipziger Regisseurs Philipp J. Neumann und dem ersten abendfüllenden musikalischen Bühnenwerk von Gewandhaus-Pianist Walter Zoller, geht es um drei Demonstrationen unter Mitwirkung Minderjähriger und das diesen nachträglich zugeschriebene utopische Potenzial.

In leider nur zwei Vorstellungen dieses Auftragswerks des Gewandhausorchesters agierten am Wochenende als Solisten und riesige Gruppen der Gewandhauskinderchor, der Gewandhausjugendchor und Musiker.

Premiere „Aufstand!" im Mendelssohn-Saal. Quelle: André Kempner

Jeder Kubikzentimeter des Mendelssohn-Saals wurde für diese aufwendige Produktion mit einem beträchtlichen elektroakustischen Equipment genutzt. Am Ende rezitieren die Solisten im letzten Teil aus dem Neuen Testament, aus Platon, Rosa Luxemburg und Michael Endes „Momo“. Das Auditorium bricht in derart laute Begeisterung aus, als wolle man sich die aufgekommenen unbehaglichen Gedanken aus dem Kopf klatschen.

Philadelphia, Soweto, Genua

Drei Streiks werden in opernhaft durchkomponierten Spielszenen vorgeführt: Auch 16 000 Kinder kämpften in Philadelphia am 1. Juni 1903 um höheren Lohn, bessere Arbeitsbedingungen und kürzere Arbeitszeiten, gegen die Ausbeutung in den Fabriken.

Am 16. Juni 1976 gingen im südafrikanischen Soweto mehrere Tausende Schüler gegen die Einführung von Afrikaans als verbindliche Unterrichtssprache, verordnet von der Apartheid-Regierung, auf die Straße.

Die Episode über die 300 000 Demonstranten, die 2001 in Genua gegen globale Missstände rebellierten, war eine lohnende Aufgabe für die älteren Mitwirkenden. Ihnen schrieb Neumann, der auch Regie und Bühnenbild verantwortet, Argumente gegen Ressourcenmissbrauch und Umweltverschmutzung in die Dialoge.

Erst erklimmen, dann zerlegen

In der Mitte des Mendelssohn-Saales erhebt sich ein Koloss, den die Mitwirkenden in Neumanns und Fanny Schöneichs genau erarbeiteter Choreographie erst erklimmen und dann zerlegen. Die einzelnen Bausteine werden zu Fabrikspindeln, Möbelteilen und Zivilisationsballast.

Selbst wenn die angegrauten Kostüme von Karoline Schreiber heller und freundlicher wirken als die Arbeitsanzüge in „Metropolis“, schnurren die ersten beiden Episoden mit einer Fritz Langs Film ebenbürtigen Präzision ab und wirken die jugendlichen Darsteller wie Ornamente einer geometrischer Anordnung.

Alle sind von beeindruckender Textverständlichkeit und starker Bühnenpräsenz. Dabei auch von einer Zuversicht, die skeptische Bedenken von sich weist. Man sieht in diesem Musiktheater-Beitrag zum 30. Jahrestag der Friedlichen Revolution Menschen von bemerkenswerter Sanftheit.

Energie und Emotionen

Mit seinem elfköpfigen Instrumentalensemble unterstreicht Frank-Steffen Elster den gewaltfreien Widerstand. Manchmal klingt Zollers Partitur wie ausgedünnter Schostakowitsch oder, wenn die guten Scharen marschieren, nach Kurt Weill.

Eine szenisch für fast alles kompatible Musik, die die jungen Darsteller dazu motiviert, Emotionen und Energie aus sich selbst zu generieren. Kräftige Kontraste sind selten in dieser Uraufführung, bei der der Gewandhaus-Kinder- und Jugendchor zu einer fast zweistündigen Leistungsschau ausholt. Die Klimaschutzaktivistin Greta Thunberg hätte sich über dieses Bekenntnis zur Solidarität und den Willen zur Veränderung gefreut. Ovationen.

Von Roland H. Dippel