Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Kultur Regional „Grüßen Sie mir Ihr ganzes liebes Haus!“ – Clara Schumann und der Verlag Breitkopf & Härtel
Nachrichten Kultur Kultur Regional „Grüßen Sie mir Ihr ganzes liebes Haus!“ – Clara Schumann und der Verlag Breitkopf & Härtel
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:57 16.07.2019
Ausstellung „300 Jahre Breitkopf & Härtel und 200 Jahre Clara Schumann" im Museum für Druckkunst in Leipzig. Quelle: André Kempner
Leipzig

Christine Hartmann bringt es auf den Punkt: „Stellen Sie sich vor, Sie befinden sich in einem riesigen Feinkostgeschäft, haben aber nur einen winzigen Warenkorb bei sich und fünf Minuten Zeit, alle Einkäufe zu erledigen. Was tun Sie?“

So in etwa darf man sich die Rahmenbedingungen vorstellen, unter denen Hartmann die aktuelle Ausstellung im Museum für Druckkunst vorbereitet hat. Denn die Schau, die am Freitagabend mit einer kleinen Feierstunde eröffnet worden ist, verfolgt ein ambitioniertes Doppelziel: Breitkopf & Härtel und Clara Schumann, die beiden alles überragenden Leipziger Jubilare, will sie ehren, und muss sich dabei mit 12 Vitrinen und 20 Quadratmetern Wandfläche als Ausstellungsraum begnügen.

Zum Thema: Mehr News und aktuelle Ausstellungen der Leipziger Museen

Unerschlossenes Archivmaterial

Was verschwindend gering ist, angesichts der zahlreichen vorhandenen und noch ungehobenen Schätze, anhand derer man 300 Jahre Verlagsgeschichte Revue passieren lassen könnte. Wie Museumsdirektorin Susanne Richter erklärt , hat man sich für die Ausstellung einige Leihgaben aus dem Wiesbadener Verlagsarchiv kommen lassen, wo Breitkopf & Härtel heute seinen Stammsitz hat. In Leipzig hingegen schlummern 310 laufende Meter Archivmaterial noch weitgehend unerschlossen vor sich hin.

Diese bilden ein vom Sächsischen Staatsarchiv verwaltetes Depositum, erklärt Matthias Otto stellvertretend für den Verlagschef Nick Pfefferkorn. Aber nicht nur deswegen sei es eine Selbstverständlichkeit gewesen, eine solche Jubiläumsausstellung in Leipzig auszurichten. Schließlich hat in der Messestadt, genauer im Haus zum „Goldenen Bären“ in der heutigen Universitätsstraße, im Jahr 1719 alles begonnen.

Griechisch-hebräische Bibel aus dem Jahr 1725 Quelle: André Kempner

Der erste unter dem Namen Breitkopf überlieferte Buchtitel ist ein Bibeldruck – hebräisch das Alte, griechisch das Neue Testament. Davon und von den folgenden Jahrhunderten der Verlagsgeschichte erzählen vier Themeninseln, gestaltet von der Leipziger Design-Agentur Ungestalt.

Schnell wird klar, dass Breitkopf & Härtel in seinen Glanzzeiten weit mehr war als ein reiner Musikverlag, als den man ihn heute vorwiegend kennt. Nachdem die Räumlichkeiten im Zentrum zu klein geworden waren, zog das Unternehmen 1867 um in eine riesigen Neubau in der Nürnberger Straße, mitten im Graphischen Viertel. Dort fand sich ausreichend Platz, um Schriftgießerei und Druckerei unter einem Dach zu vereinen.

Pianoforte-Produktion

Um 1905 konnte man sogar verkünden, mit dem neuen, 950 Quadratmeter messenden „Shedsaal“ über den wohl größten Drucksaal Deutschlands, ja vielleicht der Welt zu verfügen. Ebenso auf seine Errungenschaften im Bereich Schriftgießerei durfte man stolz sein: Die Seele der Druckerei, wie diese liebevoll genannt wurde, produzierte ihre Bleilettern bereits ab dem 18. Jahrhundert im eigenen Haus, um auf Persisch, Arabisch und später in Hieroglyphen drucken zu können.

Später kam noch die Buchbinderei hinzu, um die Verarbeitung und Auslieferung der fertigen Druckerzeugnisse noch zu beschleunigen. Einzig der Ausflug in den Instrumentenbau blieb aus wirtschaftlichen Erwägungen nur eine Episode: 1806 beginnt man mit der Pianoforte-Produktion, um sie 1872 wieder einzustellen, obwohl die Erfolge durchaus vorzeigbar waren: Geschätzt wurden die Breitkopf-Flügel von keinen Geringeren als Franz Liszt und Clara Schumann, die zur Hochzeit 1840 einen solchen von ihrem Ehemann geschenkt bekam.

Win-Win-Situation

Die musikalische Liaison zwischen dem Verlag und den Schumanns reicht natürlich noch viel weiter. Im Falle Claras würde man heute von einer Win-Win-Situation sprechen: Rund die Hälfte ihrer Werke ist zu Lebzeiten bei Breitkopf & Härtel erschienen (bei Robert war es nur ein Fünftel).

Der Verlag hatte seinerseits mit der gefeierten Klaviervirtuosin Clara Schumann nicht nur ein prominentes Aushängeschild gewinnen können, sondern auch eine kompetente Mitarbeiterin, die bei der Edition der deutschen Chopin-Ausgabe und erst recht bei der Gesamtausgabe der Werke ihres Mannes den entscheidenden Beitrag leistete.

zAusstellungseröffnung mit Friedhelm Pramschüfer, Matthias Otto, Susanne Richter und Thomas Frenzel (v.l.). Quelle: André Kempner

„Grüßen Sie mir Ihr ganzes liebes Haus“, schrieb sie an den ihr freundschaftlich verbundenen Verlagsleiter Hermann Härtel, der zusammen mit anderen Leipziger Unterstützern die Behandlungskosten übernahm, die während der letzten Jahre ihres Mannes in der Nervenheilanstalt Endenich anfielen. Das freundschaftliche Verhältnis kühlte sich allerdings ab, wie Thomas Synofzik, Leiter des Robert-Schumann-Hauses Zwickau, nicht verschweigen möchte, als Härtel sich weigerte, die „Szenen aus Goethes Faust“ ins Verlagsprogramm aufzunehmen, da ihnen bereits der Makel des in geistiger Umnachtung entstandenen Spätwerks anhaftete.

Auch darüber gibt die Ausstellung noch bis zum 23. Juni Auskunft, genau wie über die schweren Zerstörungen in der Bombennacht 1943, die eine herbe Zäsur in der Erfolgsgeschichte des Verlags markiert. Auf einer Fotographie sind die Angestellten bei der Arbeitspause im Freien zu sehen. Wie auf dem Sonnendeck eines Kreuzfahrtschiffs erholen sie sich auf Sitzbänken und Liegestühlen, wo einst eine 400 Quadratmeter große Produktionsstätte errichtet war. Zur Rückschau in die drei Jahrhundert umspannende Vergangenheit gehört eben auch der optimistische Blick in die Zukunft.

„Eine musikalische Liaison. Breitkopf & Härtel und Clara Schumann
Beitrag zum Festjahr Clara19
Bis 23. Juni 2019 im Museum für Druckkunst Leipzig

Die Rolle des Verlags während der NS-Zeit beleuchtet eine Ausstellung von Studierenden der Universität Leipzig, die derzeit im Ariowitsch-Haus zu sehen ist bis 7. April zu sehen, Mo-Do 9-17 Uhr, So zu Veranstaltungen; Hinrichsenstraße 14)

Von Werner Kopfmüller

Kommentare 0 Nutzungsbedingungen
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Manchmal schräg, manchmal poppig: Das Duo I'm Not A Blonde aus Mailand gastierte mit seinem tanzbaren Elektrosound im Club Noch Besser Leben

03.03.2019

Es war ein ermüdender Abend mit Transmission – The Sound of Joy Division am Samstag. Die Tribute Band entwickelte leider nicht die Kraft, die nötig ist, um das Original zu vertonen. Es war eher ein Abliefern.

03.03.2019

Werner Schneyder ist im Alter von 82 Jahren gestorben. Der Kabarettist und Autor wurde in Deutschland vor allem als Box-Kommentator bekannt.

03.03.2019