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Kultur Regional HGB-Absolventen zeigen ihre Diplomarbeiten
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12:54 15.07.2018
Der Boden als „fünfte Wand“: die HGB-Diplomausstellung in der Galerie der Hochschule. Quelle: Dirk Knofe
Leipzig

Während die Diplomarbeiten des Wintersemesters im sensuellen Überangebot des Rundgangswochenendes etwas untergehen, können die Absolventen im Sommer die volle Aufmerksamkeit genießen. Das dazugehörige Sommerfest der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst und der benachbarten Galerie für Zeitgenössische Kunst ging am Wochenende bis tief in die Nacht.

Videoprojektionen, Puppentrickfilm oder eine neue Schrift: In der HGB präsentieren die Diplomanden des Sommersemesters ihre Arbeiten. Manches überrascht.

37 Diplome sind es diesmal. Das zufällige Aufeinandertreffen bezeichnet Ilse Lafer, seit einigen Monaten Kuratorin der hauseigenen Galerie, deshalb als Zwangsverwandtschaft. Man kennt sich zwar an dieser überschaubaren Hochschule, hatte bisher aber nicht unbedingt miteinander zu tun. Externe Ausstellungsorte gibt es im Unterschied zu den Vorjahren fast keine, innerhalb des Hauses wird nur die eigentliche Galerie bespielt.

Um aus dieser geballten Kombination unterschiedlichster Sichtweisen und mehrerer Sparten eine sehenswerte Ausstellung zu machen, hat Ilse Lafer die Diplomanden zur Beteiligung eingeladen. Die Resonanz war zunächst bescheiden, wuchs dann aber kontinuierlich. Und im Endeffekt seien durchweg alle mit dem Resultat zufrieden, sagt die Kuratorin.

Um Fläche zu gewinnen, wird der Boden der Galerie als „fünfte Wand“ genutzt, auf langen Podesten sind Exponate aneinandergereiht. Es fällt auf, dass nicht nur auf eine Sortierung nach den vier beteiligten Fachbereichen verzichtet wurde, sondern viele Werkgruppen auch auseinandergenommen sind, um sie in differenzierte Korrespondenz mit anderen Arbeiten zu bringen.

Für die Besucher ist das gut, wenn sie einfach nur die Vielfalt genießen wollen, aber anstrengend, wenn daraus Schlüsse auf Tendenzen und Entwicklungen der HGB gezogen werden sollen. Herkömmliche Formen der bildlichen Darstellung fallen beim Betreten der Galerie gar nicht so sehr in Auge.

Genregrenzen verwischen

Die Statistik sagt etwas anderes. Immerhin zehn Absolventen haben Malerei und Grafik studiert, sechs weitere Fotografie. Der Eindruck mag damit zu tun haben, dass sowohl die Grenzen der Genres immer stärker verwischt werden – als auch mit der Zunahme konzeptueller Herangehensweisen.

So erkennt man beispielsweise die Fotos von Eva Dittrich, eines davon auf Fallschirmseide gedruckt, gar nicht sofort als solche. Dass der bekannte Blick von der Innsbrucker Großschanze direkt auf den Friedhof führt und für die Künstlerin mit der Verarbeitung eines persönlichen Verlustes zu tun hat, ist ein für das Verständnis nötiges Hintergrundwissen.

So gar nichts mit Fotografie zu tun haben allerdings die Objekte von Andreas Schröder. Das sind zum einen etwas kunstgewerblich anmutende, in Salz konservierte Bücher, zum anderen lange Gewindestangen, von denen Unterlegscheiben geräuschvoll herabtrudeln. Hier ist die mitgelieferte philosophische Erläuterung durchaus verzichtbar.

Als traditionellen Maler kann man am ehesten Martin Voigt bezeichnen. Seine exakten Bilder haben eine leicht romantische Anmutung, sind aber, wie die Zigarettenkippe neben einem Vogelnest zeigt, auch ganz gegenwärtig. Collageartig wirken die Bilder Juliane Mahlers, wie Comics hingegen die von Max Richter. Als „highly hybrid“ bezeichnet Teun Verheij seine Malerei. Dazu gehört dann, dass er in ein altes Seestück einen volllaufenden Pool hineinmalt.

Selbst ein Bild machen

Auffällig ist die Neigung vieler Diplomanden, Kunst als ein Mittel der Recherche und Archivierung anzusehen. So erarbeiten sowohl Elizaveta Kuznetsova mit zeichnerischen und Johannes Ernst mit fotografischen Mitteln Kataloge von Mustern. Lea Michel bringt Darstellungen fiktiver US-Präsidenten, unterteilt in Kategorien, in eine Buchform.

Bei Natalia Bougais Audiodatei muss ich der Zuhörer selbst ein Bild machen von den Fotoabzügen, die ihr Vater einst in einer Moskauer Wohnküche entwickelte. Auch Clemens Fellmann sieht seine „Sechs Vermutungen“, das sind auf Holzgestelle gespannte Textilien, als Forschungsarbeit zur Wahrnehmung von musealen Skulpturen an.

Fast schon banal, aber mit sehr viel ernster Arbeit verbunden, muss dagegen die von Jonas Deuter entwickelte Schriftfamilie „Ira“ erscheinen. Die Herausforderung besteht darin, einen serifenlosen Font mit gleichbleibender Strichstärke gut lesbar zu machen. Die Aufgabe erscheint spröde, hat aber mehr Inhalt als die zweckfreien Spielereien mancher Kommilitonen.

Neben einer ganzen Reihe von Werken, bei denen die Künstlerpersönlichkeiten sich selbst und ihre Arbeitsmöglichkeiten reflektieren, fällt eine eigentlich sehr stille Videoprojektion auf. Die sanfte Musik von Satie unterstützt den zunächst poetischen Eindruck. Nicole Raithel hat einen völlig traditionellen Puppentrickfilm gedreht, in dem es um die als „Babyblues“ bekannte postnatale Depression geht. Es gelingt ihr überzeugend, das schwierige Thema so darzustellen, das beklemmende Hilflosigkeit zurückbleibt. Es bedarf nicht immer freischwebender Experimente, um gute Resultate abzuliefern.

Diplomausstellung 2018: bis 28. Juli, geöffnet Di–Fr 14–18 Uhr, Sa 12–16 Uhr; Galerie der HGB, Wächterstraße 11 in Leipzig

Von Jens Kassner

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