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Kultur Regional Hasenohr und Blaue Stunde – die Leipziger Buchmesse hat begonnen
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17:23 21.03.2019
Bücher, Bücher, Bücher am Stand des Verlags Droemer Knaur. Bis Sonntag werden auf der Leipziger Buchmesse rund 280 000 Besucher erwartet. Foto: Quelle: Sebastian Willnow/dpa
Leipzig

Auf dem Boden vor der Messehalle 1 kleben Halteverbotschilder. Es ist die Halle der Manga-Comic-Con (MCC), und den Raum davor brauchen Cosplayer, um ihre aufwendigen Kostüme zurechtzuzupfen, sich und einander zu fotografieren, einfach da zu sein. Also verschwinden die Schilder schon bald unter ihren Plateauschuhen und Plüschhufen. Man versucht einiges, um die Koexistenz von MCC und Leipziger Buchmesse so angenehm wie möglich zu gestalten, hat sogar eine Cosplay-Beauftragte als Vermittlerin an Bord geholt.

Von den insgesamt 2547 Verlagen aus 46 Ländern gehören 350 zur Manga-Comic-Con – und 50 zur Antiquariatsmesse, die zum 25. Mal stattfindet. Dort geht es gediegen und ruhig zu, ist nur dieses Summen zu hören, jener Buchmesse-Sound, der in Intervallen zu Applaus anschwillt, der von den Lesebühnen und aus den Leseforen dringt, bevor er weitergeht: mit dem nächsten Autor, der nächsten Begegnung, dem nächsten Stück Literatur – einem Blick auf die Gegenwart, in die Phantasie, die Welt.

Leipzig liest weltoffen“

In diesen Sound mischt sich eine Melodie, die Jahr für Jahr variiert: Das sind die großen oder die wichtigen Themen, die Aufreger oder Trends. Viele Jahre waren es E-Books, Digitalisierung überhaupt, oft das jeweilige Gastland. Den Ton dieser Leipziger Buchmesse hat der Festakt zur Eröffnung am Mittwochabend im Gewandhaus vorgegeben.

Dort wurde nicht nur der Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung an die Publizistin Masha Gessen verliehen für ihr Buch „Die Zukunft ist Geschichte: Wie Russland die Freiheit gewann und verlor“ (Suhrkamp). Dort wurden von allen Rednern Verständigung, Verständnis und Verstehen beschworen. Da sind sich die Vertreter aus Politik und Kultur einig.

Konkret wird das am Stand vom Aktionsnetzwerk „Leipzig liest weltoffen“ in Halle 2 (A 304), der sich „Stand der Leipziger Zivilgesellschaft“ nennt. Dort gibt es an vier Buchmessetagen 14 Lesungen, die 4 Diskussionsrunden finden im Sachbuchforum (Halle 5, F 401/G 410) statt, „Die ,Rechten’ beim Wort nehmen“ heißt eine dieser Veranstaltungen (heute, 14 Uhr), um „Lehrer unter Druck?“ geht es am Sonntag (16 Uhr).

Eine Klarstellung

Für „Toleranz und Vielfalt“ wirbt der Börsenverein des Deutschen Buchhandels über den Drehkreuzen an den Eingängen zur Leipziger Buchmesse, die am Donnerstag ihre Türen geöffnet hat. Bis Sonntag werden rund 280 000 Besucher erwartet. Gastland ist Tschechien, und unter den rund 3600 Veranstaltungen beim Fest „Leipzig liest“ sind auf der Messe und in der Innenstadt viele Diskussionsforen, in deren Zentrum das politische Buch steht. Oder nur das Politische.

Als Marianne Birthler und Adam Michnik auf dem Podium im „Café Europa“ platzgenommen haben, staunt die Moderatorin, dass „so wenig Leute gekommen sind“. Es ist 12 Uhr mittags, die beiden „Ikonen der Friedlichen Revolution“ sollen über das Jahr 1989 sprechen – und es ist wirklich jeder Stuhl besetzt. Allerdings bleiben, nachdem die Schülerinnen, die sich nur ausruhen wollten, weitergezogen sind, noch Teppichplätze frei.

So hoch also sind die Erwartungen ans Interesse und an ein Thema, das unter der Überschrift „The Years of Change 1989–1991 Mittel-,Ost- und Südosteuropa 30 Jahre danach“ für drei Jahre einen Schwerpunkt bildet. Marianne Birthler, einst Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, gibt den Ton vor, wenn sie als Erstes klarstellt, dass nicht der 9. November, der Mauerfall, den Ostdeutschen die Freiheit gebracht hat, sondern der 9. Oktober.

Überraschungserfolg

Drumherum geht es in den vier Messehallen auch mal unpolitisch zu, wenn in der Steinbuchwerkstatt die Bücher garantiert schwer wiegen, die edition bodoni den Bleisatz aufleben lässt, der Sellmer Verlag die kommenden Adventskalender ausstellt. Aus dem Musikcafé dringt rhythmisches Klatschen – dort erklärt Ekkehard Vogler ein „Algorithmisches Klanglabor!“. Kurz darauf wird im Congress Center die Frage gestellt: „Den Mathematikunterricht der Schuleingangsphase sprachsensibel gestalten – notwendig oder überflüssig?“ Die Tür steht offen. Entdecke die Möglichkeiten.

Währenddessen sorgen in den Gängen wippende Hasenohren der Cosplayer für Frühlingsstimmung, an den Ständen der Verlage zeigt sich die vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels ausgerufene Aufbruchstimmung in ambitionierten Herbstprogrammen, um die es jetzt schon geht . Die Branche freut sich zum Jahresbeginn über ein Umsatzplus von 4,5 Prozent, und Kristin Rosenhahn von hanserblau über einen Überraschungserfolg. Das neue Imprint des Hanser Verlags ist mit seinem ersten Programm in Leipzig, das „die populäre und bunte Schiene“ bedienen soll.

Acht Bücher im Frühjahr, acht im Herbst will das dreiköpfige Team mit Sitz in Berlin herausbringen, wobei die Autoren populär sein sollen oder die Themen, gern „niederschwellig erzählt“. Rocko Schamonis Roman „Große Freiheit“ führt das erste Programm an, für die Überraschung aber hat „Agathe“ gesorgt, das Debüt der dänischen Autorin Anne Cathrine Bomann über einen alternden Psychiater, der noch eine letzte Patientin annimmt. Der Name hanserblau steht für die Blaue Stunde „eine Zeit des Eintauchens, der Inspiration und Zwiesprache“. Da brandet schon wieder irgendwo Applaus auf in der Messehalle 3.

„Es ist wichtig präsent zu sein“

Ebenfall mit ihrem ersten Programm ist Kirsten Witte-Hofmann auf der Buchmesse, es ist das erste überhaupt, erst im Dezember hat die freiberufliche Lektorin ihren Verlag, die Leipziger edition überland, gegründet. Die 46-Jährige mag „den Prozess, Bücher entstehen zu lassen“. Zuvor hat sie bei der Edition Leipzig in der Verlagsgruppe Seemann Henschel gearbeitet, aus jener Zeit stammen viele Kontakte, das Netzwerk, das man braucht. Ihren ersten Autor hatte sie bei den Jungen Verlagsmenschen kennengelernt: Sebastian Ringels „Wie Leipzigs Innenstadt verschwunden ist“ geht nun bereits in die zweite Auflage.

Das zweite Buch – insgesamt sollen es vier pro Jahr werden – ist eine Erzählung von Barbara Handke: „Sommergäste“. Einen eigenen Stand hat Kirsten Witte-Hofmann nicht, sie ist bei Livro in Halle 4 (Stand B 501) zu finden, einer Agentur, die für Selfpublisher und Kleinverleger die Möglichkeit bietet, auf der Buchmesse auszustellen. Mit sechs Veranstaltungen sind beide Autoren bei „Leipzig liest“ zu erleben. „Es ist wichtig präsent zu sein“, sagt Kirsten Witte-Hofmann.

Von Janina Fleischer

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