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16:06 28.11.2017
Jörg Widmann, Kardinal Reinhard Marx, Preisträger Mark Andre, Thomas Sternberg und Margareta Gruber bei der Preisverleihung (v.l). Quelle: Foto: André Kempner
Leipzig

„Avantgarde“ – der Begriff fällt oft am Montagabend während dieser Feier-Doppelstunde in der mit allerlei hochkarätiger Prominenz aus Klerus, Politik und Kultur gut gefüllten Leipziger Propsteikirche am Martin-Luther-Ring. So betont Reinhard Kardinal Marx, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, schon zur Begrüßung immer wieder die „Bedeutung der kulturellen Avantgarde im Rahmen der Kirche“. So als finde auch er es überraschend, dass wenig später Mark Andre, 53, Komponist mit deutschen und französischen Wurzeln, den Kunst- und Kulturpreis der Deutschen Katholiken überreicht bekommt.

Drum geht Marx in seiner so unsortierten wie empathischen Kulturpredigt bis Giovanni Pierluigi da Palestrina (um 1525–1594) zurück, den Gregor XIII. über die Maßen gefördert und zur Schaffung einer ganz neuartigen, mithin avantgardistischen Kirchenmusik ermutigt habe. Das bringt zwar die Historie ein wenig durcheinander, weil Gregor, dessen Pontifikat von 1572 bis 1585 dauerte, eher mit dem späten Madrigal-Palestrina zu tun hatte als mit dem Reiniger der polyphonen Musik. Aber am Kern der Sache ändert das nichts: Seit es die Kirche gibt, ja seit es Religion gibt, wird in ihrem Namen große Kunst produziert, auch solche, die ihrer Zeit voraus ist. Dass dies auf Seiten der Hierarchie nicht immer gut ankam noch kommt, steht auf einem anderen Blatt.

Wie auch immer: Mit Andre erhält die mit 25 000 Euro dotierte und in unregelmäßigen Abständen seit 1990 in den Sparten Literatur, Architektur, Musik, Film, Bildende Kunst oder Theater verliehene Auszeichnung, einer, der für Marx „ein Musik-Avantgardist, aber kein abgehobener Mensch ist“. Ein merkwürdiges Gegensatzpaar.

Viel deutlicher wird auch im Votum der neunköpfigen Jury unter Vorsitz des Cellisten Julius Berger nicht, was es mit dem Avantgardismus auf sich hat: Andre sei, befand die, „ein Avantgardist, der nicht nach Gefälligkeit, Popularität oder gar Marktförmigkeit schielt; er weiß sich einzig der Suche nach dem anderen, dem neuen Klang verpflichtet und scheut vor dem Experiment nicht zurück“. Was ihn mit seinem Lehrer Helmut Lachenmann verbindet, der am Montag 82 wurde und derlei seit Jahrzehnten tut. Immerhin, und das macht diesen Komponisten, obschon Protestant, doppelt preiswürdig für Deutschlands Katholiken, schöpften seine Werke „motivisch aus einem explizit christlichen Bekenntnis“. Wovon die 2014 in Stuttgart uraufgeführte Oper „Wunderzaichen“ Zeugnis ablegt, aus der es unter dem avantgardistischen Trinitatis-Kreuz via Beamer Ausschnitte zu hören und zu sehen gibt – die allerdings niemandem, der Jossie Wielers Stuttgarter Inszenierung nicht beiwohnte, einen belastbaren Eindruck von der seltsamen spirituellen Kraft von Andres Musik vermitteln.

Das gelingt schon eher Schwester Margareta Gruber in ihrer bemerkenswert persönlichen Laudatio. Die Theologin attestiert dem „avantgardistischen Künstler“ einen „heiligen Ernst“, er schaffe – nicht nur in „Wunderzaichen“ – eine „Musik vom Verschwinden als besonderer Art der Anwesenheit“, schildere in Klängen „die Gegenwart des Auferstandenen in der Weise des Sich-Entziehens“, schöpfe aus einer „Mystik der Gegenwart der göttlichen Funken“. Was man abstrakt bis verstiegen finden könnte – würde sich die Theologie-Professorin nicht am Ende beinahe naiv dafür bedanken, dass Andre sie auf ihrem Weg zu Gott weitergebracht habe.

In der ersten Laudatio des Abends ist zuvor der (Gewandhaus-)Komponist und Klarinettist Jörg Widmann eher musikologisch an die Sache herangegangen, hat den Bogen von Schönberg bis zu den Kosmogonien Stockhausens geschlagen, aus seiner intensiven Zusammenarbeit mit dem Kollegen berichtet und ist zu dem Schluss gekommen: „Die Stille klingt, wie die Stille nur bei Mark Andre klingt“. Nach der eigentlichen Preisvergabe durch Thomas Sternberg, den Präsidenten des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, lässt Widmann diese Stille selbst sprechen: Von der Orgel-Empore spielt er Andres Klarinettenstück „Atemwind 1“, ein Kosmos von Atemgeräuschen und Gurgeln, von Brodeln und entferntem Zischen, Saugen und Klappern. Töne furchen sich hinein, überformen sich in unerhörter, folglich avantgardistischer Weise selbst und gegenseitig, funkeln und überschlagen sich, verfremden sich und andere, löschen sich und andere aus, klingen wie Licht, das Risse im Eis durchströmt.

Widmann spielt diese Musik, die ihr Werden beschreibt bis kurz vor dem Moment, an dem sie wirklich Musik würde, mit beinahe bürokratischer Perfektion und ohne performative Wichtigtuerei – und macht sie genau dadurch zum Vehikel von Spiritualität, Transzendenz oder Mystik.

André selbst sagt in seinen Dankesworten, seine Musik handle „vom Prozess des Verschwindens und danach“. Er hoffe, dass aus ihr „die Kraft des Heiligen Geistes erlebbar“ werde und der dabei helfe, „dass wir bald wieder unter dem Dach einer geeinten Kirche beten können“. Womit sich der Kreis schließt zu Kardinal Marx, der den Kunst- und Kulturpreis der deutschen Katholiken 2017 in den Kontext des „Ökumene-Jahres 2017“ stellte – in dem Protestanten 500 Jahre Reformation feiern.

Von Peter Korfmacher

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