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Kultur Regional Heinz Rudolf Kunze und Gottes Videobeweis
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18:22 13.01.2019
Wanderklampfe und fescher Künstlerschal: Heinz Rudolf Kunze, 62, im Haus Auensee. Quelle: Christian Modla
Leipzig

Kunze ist die Nummer eins. Kein Wunder, spielt er doch seit fast 40 Jahren in seiner eigenen Liga. Wiki behauptet, dass es der Golem aus Lemgo inzwischen zu mehreren Dutzend Alben gebracht habe. Würde er nach der genauen Zahl gefragt, müsste er wahrscheinlich selber googeln.

Das Konzert im Haus Auensee, der Heimat-Basis seines Managements, beginnt mit „Raus auf die Straße“. Ein neuer, ziemlich fluffiger Popsong, der sofort klar macht, dass die Erfindung des intelligenten Deutschpops sehr weit vor der Welle jener leicht weinerlichen Liederbarden lag, die heute vorzugsweise über TV-Formate zu Popularität kommen.

Der Sound lässt aufhorchen: Kunze ist mit Verstärkung da. Die ist in Septettbesetzung klangdicht und auf jeder Position bestens besetzt. Zwei bezaubernde Damen wiegen sich im Background, beide dürfen aber auch in die Front. Jordis bringt zusätzliche Klangfarben mit ihrer Violine, Natalie hebt mit dem Meister dessen Hit „Mit Leib und Seele“ zu einem hinreißenden Duett. Den beiden satten Gitarren wird ebenfalls Raum zur Entfaltung gegönnt, zwei oder drei Mal finden sie sich zu packenden Unisono-Läufen in bester Iron-Maiden-Manier. Am Dick­saiter Leo Schmidthals, ein Prototyp des gottlob seit einiger Zeit in Mode gekommenen Modells „mitdenkender Bassist“.

Schutzpatronin aller Feministinnen

An Klavier und Wanderklampfe mit feschem Künstlerschal der Meister. Am Anfang bringt er viel Neues, klar. Doch er erlaubt sich auch Ausflüge ganz weit zurück, als er ab 1981 die ersten, damals kaum beachteten Alben veröffentlichte. Ein hoch begabter, zynisch-zorniger Jüngling mit apokalyptischen Visionen. Er bringt an diesem Abend das einigermaßen deprimierende, episch ausgewalzte „Eine Rücknahme der Schöpfungsgeschichte in sieben Tagen“. Tatsächlich, Popsongs durften damals noch so heißen.

Überhaupt legt er mit dem Themenstrang „Schöpfer, Schöpfung und Geschöpf“ einen roten Faden sarkastischer Religionskritik durch die Ansagen und Zwischentexte. „Gott sieht alles. Er hat den Videobeweis“, lästert er spitzzüngig, erklärt die Heilandsmutter Maria zur Schutzpatronin aller Feministinnen, da künstlich befruchtet, und wünscht sich schließlich einen Staat, in dem man für Gotteslästerung einen Orden bekommt. Es gibt auch einen süßen Blasphemie-Bonbon für die Leipziger, als er über des Herrn Beruf mutmaßt: „Als unmittelbarer Vorgesetzter von Johann Sebastian Bach muss Gott offenbar ein Musiker gewesen sein.“

Dazwischen wunderbar poetische Lieder aus allen Schaffensperioden. Das eindringliche „Lebend kriegt ihr mich nicht“ gerät an diesem Abend zu des Rezensenten persönlichem emotionalen Höhepunkt. Andere finden andere, überhaupt wirkt das von Alter und Sozialität sehr heterogen zusammengesetzte Auditorium von einer freundlichen Affirmation beseelt. Oberlehrer Kunze? Quatsch, er war und ist bis heute einfach der klügste Liedermacher deutscher Zunge.

Gänzlich unkunzig

Kritisch müssen jene Stellen angemerkt werden, an denen Meister und Band das Publikum zu rhythmischem Klatschen und Hohoho-Gesang, also eher albernen Rock-Konzert-Stereotypen animieren wollen. Das braucht’s hier nicht, es wirkt gänzlich unkunzig. Zumal die Besucher bei den Songs, die diesen Anmachversuchen folgen, etwa beim verlässlichen Hit „Finden Sie Mabel“ oder dem sogar noch schöneren „Ich geh’ meine eigenen Wege“, gänzlich freiwillig die Hände bewegen und innig mitsingen. Sowieso natürlich bei „Dein ist mein ganzes Herz“, das ist unsterblich.

Am Schluss – es sind fast zweieinhalb hinreißende Stunden vergangen – das bekannte Kunze-Ritual. Er bringt „Wenn du nicht wiederkommst“ vom ’91er „Brille“-Album. Die Band verlässt die Bühne, final scheinbar. Aber eben nur für Kunze-Neulinge. Die wissende Menge indes formt sich zum Chor, die Titelzeile wird Forderung. Und erst, wenn der Gesang die Halle ganz erfasst hat, kehrt der Meister wieder und setzt sich noch mal ans Piano.

Irgendwann geht’s doch hinaus in die nasskalte Januarnacht. Was für ein Glück: Ein Taxi direkt vorm Haus erwischt! Im Player: Kunze. Klar, sagt der Fahrer, er wisse doch, was den Leuten im Ohr klingt, wenn sie dort rauskommen. Es läuft: „Ich hab’s versucht“. Das hat er gar nicht gespielt, obwohl es zu den Schönsten gehört. Ein wunderbarer Schlussakkord und plötzlich das Gefühl, ganz nah dran zu sein an einem perfekten Abend.

Von Lars Schmidt

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