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Kultur Regional Henning Venske bei den Academixern
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17:14 23.10.2018
Zum letzten Mal in Leipzig: Lachmesse-Gast Henning Venske am Montag im Academixer-Keller in Leipzig.
Zum letzten Mal in Leipzig: Lachmesse-Gast Henning Venske am Montag im Academixer-Keller in Leipzig. Quelle: André Kempner
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Leipzig

Das war’s. Am 25. November ist Schluss. Henning Venske hört auf nach 57 Bühnenjahren. So gipfelte sein Lachmesse-Gastspiel am Montagabend im Academixer-Keller in einem historischen Moment, als der Kabarettist zum letzten Mal in Leipzig sein Pult zusammenklappte, die Hand hob, winkte und verschwand. „Summa Summarum“ heißt das Abschiedsprogramm. Und alles in allem, fasst er mit Goethe zusammen, ist der Zweck des Lebens das Leben selbst. Da schreckt er vor ein wenig Pathos nicht zurück.

Vorausgegangen sind über zwei Stunden schönster Bösartigkeiten an einem Abend über Sinnkrisen des Denkens, Vergeblichkeit des Hoffens und den Trugschluss des Verstehens. Nach kurzer Aufwärmphase über pharmazeutische Hilfsmittel zur Verschönerung, Verschlankung und Verjüngung eines 79-Jährigen Kabarettisten läuft er heiß.

Es geht ums Ganze: Deutschland. Im Dreiteiler am Stehpult könnte Venske als Vortragsreisender durchgehen, säße neben ihm nicht seine „Lieblingsbigband“: Frank Grischek nämlich, der auf dem Akkordeon Piazzolla, Jean-Baptiste „Toots“ Thielemans, Chopin, Händel oder Schostakowitsch und damit auch Denkpausen einstreut.

Venskes „Lieblingsbigband“: Frank Grischek. Quelle: André Kempner

Venske hält aber gar keinen Vortrag – er liest die Leviten. Unter angelegentlicher Rückversicherung bei Heinrich Heine oder Arno Schmidt oder Jean-Luc Godard malt er die Geschichte des Landes seit dem Zweiten Weltkrieg in so schwarzen Farben, dass die Gegenwart braun aussieht.

Dabei sagt er zunächst nichts Neues, sondern ruft liebgewonnenes Vergessen in Erinnerung. Er markiert die Eckpunkte von Verlogenheit, Ignoranz, Kriegslust. An all diesen Eckpunkten stehen Politiker. Venske konzentriert sich auf die Bundespräsidenten. Alle seit Theodor Heuss (wobei zu Steinmeier nicht viel zu sagen bleibt). Er demaskiert sie, kann sich besser an Nazi-Vergangenheiten erinnern, als sie selbst es konnten. Er dechiffriert die Zumutungen ihrer „wie in Gelee gemeißelten“ Sätze (Köhler) und Eitelkeiten (Gauck). Oft genügt es, sie ganz langsam vorzulesen. „Große Formulierungen bedürfen keiner Gedanken“, fasst Venske zusammen.

Eine andere Konstante ist Helmut Kohl. Egal wen man frage, „alles geschah unter Kohl“ – nie mit ihm. Was sich nicht auf dessen Kanzlerjahre beschränkt. Venske erkennt Kohl in der Maske von Willy Brandt, Helmut Schmidt, Gerhard Schröder („Rotkohl“) und Joschka Fischer („Grünkohl“). „Schließlich erschien er als seltsame Frau im Hosenanzug.“ Der immerhin attestiert er Komik und Biss. „Wir werden auch noch erleben, dass Horst Seehofer das Genick gebrochen wird“. Beifall im fast ausverkauften Saal.

Von Miedermoral bis Frauenautobahn

Dennoch ist dieses Programm nicht „aktuell-politisch“ zu nennen. Weil die Politik, der hier der Mittelfinger gezeigt wird, nicht aktuell ist, sondern Geschichte. Sie kann Vergangenheit genannt werden (Zweiter Weltkrieg) oder Verfassung („verfassungsfeindlich“). Man muss nicht einmal Venskes Meinung sein, um ihm zuzustimmen. Er macht ja die Mechanismen nachvollziehbar.

Dabei kredenzt er weniger die leicht zu erhaschenden Leckerlis der Wortspielerei als vielmehr jene schwere Kost des Erkennens von Zusammenhängen. Das ist nicht witzig, nicht immer komisch. Worüber also lachen die Leute? Über die Wahrheit im Bösen, das wiederum nur deshalb als böse empfunden wird, weil es wahr ist. Das kann beglückend sein.

„Warum sind wir eigentlich nicht klüger geworden?“, fragt der Bühnenkünstler gemein. „Weil der Staat der Verarmung von Millionen Menschen keinesfalls im Wege stehen will.“ Von den Spießerjahrzehnten mit ihrer „Kommunistenfeindlichkeit“ kommt er zu den 68ern und dem „langen Marsch von der sexuellen Befreiung zur sexuellen Belästigung“.

Von Mieder-Moral und lieblichem Wein ist es nicht weit zu den Gastarbeitern, die Pasta ins Land brachten: „Beim Essen haben sich die meisten Deutschen als erstaunlich integrationsfähig erwiesen.“ Heute sind natürlich alle weiter und: „Sicher, irgendwann wird es auch Frauen-Autobahnen geben und ein Frauen-Wetter.“

Zwei Wünsche

Radikal ist die Kunst, der Henning Venske sich verschrieben hat, der er sich so virtuos wie konsequent hingibt. Dafür haben sich jene Zuschauer eine Karte gekauft, die ihn früher schon im Fernsehen sahen, falls er nicht gerade Haus- und Sendeverbot hatte. Oder später mit der Münchner Lach- und Schießgesellschaft oder im Duo mit Jochen Busse. Dafür sind die jungen Menschen gekommen, die sich auf dem Weg zur Pausenzigarette über Widerstand unterhalten und sagen: „Es ist aber auch anstrengend“.

Dann legt Venske noch eine Schippe Pessimismus drauf. Mit dem Erreichen der Vereinigung beißt die Geschichtsstunde endlich allen ins Bein, denn „in den blühenden Landschaften ist ja wenigstens die braune Saat aufgegangen“. Der Kabarettist, der auch Bücher schreibt, arbeitet sich an Politfunktionären ab, an deren klangvollen Binsenweisheiten und an ihrer Hohlsprech-Rhetorik wie in der Formulierung, ein Problem „anzudenken“. Das sei „wie anvögeln und stehenlassen“.

Auch ist die Zeit für Wünsche gekommen: Wer Krankenhäuser („Final Service“), Wasser oder Autobahnen privatisiert, dem wünscht er „eine Privatisierung des Strafvollzugs“. Der Schriftsteller Martin Walser hingegen sollte wegen seiner 98er Paulskirchen-Rede von der „Moralkeule“ mit „einem Spaziergang durchs nächtliche Chemnitz belohnt“ werden.

Das Szenario des komplett von Migranten übernommenen Ostens ist so überzogen, dass die Heiterkeit kaum geringer ausfällt als beim Resümee, der permanente Wettbewerb mache selbst die Gewinner müde und dumm. Aus diesem Abend geht keiner dümmer raus. Höchstens erschöpft. Jedoch aufs Angenehmste.

Die Leipziger Lachmesse geht noch bis 28. Oktober; www.lachmesse.de

Von Janina Fleischer