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Kultur Regional Hensel, Engler und das Wir
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00:24 22.09.2018
Jana Hensel und Wolfgang Engler. Quelle: Milena Schloesser
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Leipzig

Mit dem „Wir“ ist es so eine Sache. Der Weg „vom Ich zum Wir“ trug in der DDR Losungs-Charakter und löste Kollektivierungsängste aus. Noch heute wirkt die Vereinnahmungs-Tendenz des Wortes nach. So gesehen ist der Titel gewagt: „Wer wir sind“ heißt ein Gesprächsband von Wolfgang Engler und Jana Hensel, das „Wir“ spielt an auf „die Erfahrung, ostdeutsch zu sein“. Darüber sprechen der Berliner Philosoph und Soziologe, 1952 in Dresden geboren, und die 42-jährige Autorin, aufgewachsen in Leipzig, am Donnerstag im Haus des Buches.

Beide haben sich schon vor Jahren mit Land und Leuten beschäftigt. Engler, 2005 bis 2017 Rektor der Schauspielhochschule „Ernst Busch“, veröffentlichte 1999 „Die Ostdeutschen. Kunde von einem verlorenen Land“. Dann zog er die Linien weiter, es folgten unter anderem „Die Ostdeutschen als Avantgarde“ und „Bürger, ohne Arbeit. Für eine radikale Neugestaltung der Gesellschaft“. In „Unerhörte Freiheit. Arbeit und Bildung in Zukunft“ beschäftigte er sich mit der Dialektik von Freiheit und Freiheitsfähigkeit und öffnete die soziale Frage zur kulturellen. Sein Buch „Die Ostdeutschen“ leitete Engler übrigens aus der Ich-Perspektive ein.

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Jana Hensels Veröffentlichungen sind auf andere Weise populär, bei ihr setzte der Erfolg mit „Zonenkinder“ ein. „Das schöne warme Wir-Gefühl“ ist dort das erste Kapitel überschrieben, es geht um „unsere Kindheit“. Hensel hat „Neue deutsche Mädchen“ nachgelegt (zusammen mit Elisabeth Raether) und „Achtung Zone – Warum wir Ostdeutschen anders bleiben sollten“.

Wolfgang Engler, Jana Hensel: Wer wir sind. Die Erfahrung, ostdeutsch zu sein. Aufbau Verlag; 288 Seiten, 20 Euro Quelle: Aufbau Verlag

Bei den früheren Werken informiert Amazon: „Wird oft zusammen gekauft mit ,Wer wir sind’“. Das kann für treue Leser sprechen. Möglich ist ein aufflammendes Interesse – jetzt, da viele nach Chemnitz schauen oder Köthen. Viele, die den Blick selten von ihrem Weltanschauungsatlas mit den Grenzen von 1989 heben, im Grunde nur dann, wenn im Osten wieder etwas passiert ist. Was mit Rechten, was mit Gewalt.

Dieser „ewig fremde Blick“ gehört zu dem, was Engler und Hensel gemeinsam feststellen, während sie über die Innen- und um die Außenwahrnehmung der Ostdeutschen sprechen. „Das Einzige was sich immerfort ändert, ist der Blick auf das, was nicht mehr zu verändern ist, die Vergangenheit“, sagt Engler. Er sagt viele solcher Sätze, die auf ein tiefes Verständnis von Entwicklungen und Ursachen schließen lassen, das wiederum auf intensiver Beschäftigung beruht. Und auf Beobachtung. Dennoch findet er zu keinem abschließendes Urteil, sondern hält sein Fragen und Denken offen. „Geistiger Konformismus“, sagt er, „erwächst aus der Blindheit für den eigenen Blick.“

Da die beiden Kontrahenten, als die sie hier antreten, immer wieder eine Diskussionsbasis schaffen müssen, wird auch viel erklärt. ’89 und so. Das macht „Wer wir sind“ für jeden verständlich, ohne über die Maßen objektiv zu sein. Und es provoziert natürlich Widerspruch. Wenn Jana Hensel sagt, dass ihre Generation das Gefühl hatte, „unseren Eltern in vielem irgendwie voraus zu sein“. Wenn sie sagt, viele Ostdeutsche hätten begonnen, die westdeutsche Erfahrung der „Generation Golf“ für ihre eigene zu halten (weshalb sie „Zonenkinder“ schrieb). Für ihr „Wir“ sei sie damals kritisiert worden, aber „ich brauchte dieses ,Wir’“, denn „wenn ich mit meiner eigenen kleinen Geschichte gekommen wäre, hätte man sie zur Seite schieben können“.

„Welchen Kotau verlangen Sie von mir?“

Womöglich würde dieses Bestseller-taugliche „Wir“ derzeit stärker aufgeweicht im Zulauf zur oder Abgrenzung von Pegida und AfD, stimmte nicht auch, was Engler so formuliert: „Indem man die Herkunftsgesellschaft der Ostdeutschen für jegliches kritikwürdiges Verhalten verantwortlich macht, legitimiert man die strukturellen Gebrechen und Ungerechtigkeiten der Ankunftsgesellschaft.“

Wer „Wir“ sagt, kommt an „Wir schaffen das“ kaum vorbei. Auch nicht daran, die Erfahrungen der letzten 30 Jahre zu beschreiben, genau zu unterscheiden, wie Hensel betont, „zwischen der DDR-Erfahrung und der ostdeutschen Erfahrung“. Im Kapitel über aktuelle Debatten zeigen die Autoren, wie Streit gewaltfrei möglich ist. Zum Beispiel im Gespräch über Identitätspolitik, wenn Engler in die Schublade „weißer Mann“ gerät, der „seine Privilegien“ verteidige. „Welchen Kotau verlangen Sie von mir?“, fragt er.

Am Ende attestiert Hensel beiden eine „grundsätzlich andere Sicht auf bestimmte Phänomene der Gegenwart“. Diese verschiedenen Sichtweisen gilt es zu bewahren.„Vielfalt herstellen. Dissens markieren“, fordert Engler: „Den Regierenden ihr Geschäft sauer machen. Denen eine Stimme geben, die es am nötigsten und zugleich am schwersten haben, öffentlich Gehör zu finden: das zählt zu den Grundpflichten jedes Intellektuellen.“ Denn mit dem „Die!“ ist es auch so eine Sache.

Wolfgang Engler, Jana Hensel: Wer wir sind. Die Erfahrung, ostdeutsch zu sein. Aufbau Verlag; 288 Seiten, 20 Euro

Jana Hensel und Wolfgang Engler im Gespräch mit LVZ-Chefredakteur Jan Emendörfer: Donnerstag, 19.30 Uhr, Haus des Buches, Gerichtsweg 28 in Leipzig; Karten (4/3 Euro) an der Abendkasse

Von Janina Fleischer