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Kultur Regional Herbert Blomstedt und das Gewandhausorchester in der Kongreßhalle
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16:06 17.06.2019
Herbert Blomstedt, Ehrendirigent des Gewandhausorchesters. Quelle: dpa
Leipzig

Am Augustusplatz haben derzeit die Bauarbeiter das Sagen. Drum kehrte das Gewandhausorchester am Wochenende für zwei Bachfest-Konzerte in die Kongresshalle am Zoo zurück, die Heimstatt des Klangkörpers nach dem Krieg und bis zur Eröffnung des dritten Gewandhauses 1981. Beide haben sich verändert in den letzten 38 Jahren, das Orchester und der Raum. Weswegen der Ausflug ins Langzeit-Interim nicht viel über die alten Zeiten auszusagen vermag.

Klassischer Mehrzweck-Saal

Vor allem der Raum: Nach der Komplettsanierung wurde 2015 ein Saal wiedereröffnet, dessen Lage zwar noch mit der des alten übereinstimmt, dessen akustische Parameter sich aber grundsätzlich verändert haben: andere Empore, andere Materialien, andere Einbauten, andere Bestuhlung, andere Bühne – und eine andere Bestimmung. Für elektroakustische Signale ist der Raum nun optimiert, ein klassischer Mehrzweck-Saal und für Orchesterkonzerte ziemlich ungeeignet. Jedenfalls wäre, hätte die Kongresshalle früher wirklich so geklungen, das älteste bürgerliche Orchester der Welt nicht so lange dort Gast geblieben: Trocken ist es am Zoo, sehr trocken sogar. So trocken, dass selbst die wunderbare Vilde Frang sich in Bachs E-Dur-Violinkonzert etwas abmühen muss, bis sich im Kopfsatz die vielen Töne zu Linien vereinen, ihr zarter Geigengesang beim Adagio im Legato einrastet.

Wiederkehrer Blomstedt

Das Gewandhausorchester allerdings hat weniger Probleme mit dem Saal, der nicht nur staubig klingt, sondern überdies extrem distanziert. Es mag daran liegen, dass sein Ehrendirigent Herbert Blomstedt, der die beiden Bachfest-Abende leitet, auch ein Wiederkehrer ist: 1970 bereits stand er hier am Pult seines späteren Orchesters.

Vielleicht liegt es aber auch daran, dass dieser Dirigent und sein Ex-Orchester um Konzertmeister Sebastian Breuninger sich bewundernswert schnell auf einen Saal einzuschwingen verstehen. Im Ergebnis jedenfalls klingt dieser Bach zwar sehr weit weg, aber transparent und filigran – beinahe ein wenig darmsaitig.

Oboenkonzert

Die distanzierte Balance kippt allerdings in Bachs Doppelkonzert für Violine, Oboe und Streicher c-moll BWV 1060R, besser bekannt in der Version für zwei solistische Tasteninstrumente. Gewandhausorchester-Solooboist Domenico Orlando spielt seinen Solo-Part sehr schön, sehr lebendig und fein durchartikuliert. Aber der Kontakt zu den Kollegen hinter und Vilde Frang neben ihm scheint schwierig. Und so ist der Gesamteindruck eher der eines Oboenkonzerts mit untergeordnet sekundierender Violine.

Völlig anderer Sound

Mendelssohns „Schottische“ bereitet nach der Pause allen Beteiligten weniger Probleme. Das mag damit zusammenhängen, dass diese Musik tief verankert ist in der kollektiven Orchester-DNA, aber auch damit, dass die akustischen Probleme des Saales offenhörlich mit zunehmender Besetzung abnehmen. Doch obschon dieser weise zurückhaltende Mendelssohn lebendig ausdifferenziert klingt, die Pastelltöne durchaus romantisch flirren, die Instrumentations-Effekte blitzen, der Sturm des Kopfsatzes angemessen tobt und Blomstedt das Adagio cantabile in versonnener Schönheit schwelgen lässt, fällt auch hier das Ungleichgewicht auf: Der Saal saugt nicht nur Obertöne ab und Nachhall, er nagt auch am Bass-Fundament, so dass das Gewandhausorchester einen völlig anderen Sound entwickelt als gewohnt.

Das wiederum deutet darauf hin, dass die Kongresshalle vor 1981 akustisch doch bereits in diese Richtung ging. Denn es könnte erklären, warum Kurt Masur auch nach dem Umzug ins neue Gewandhaus im Zweifelsfalle immer noch lieber zwei Kontrabässe zu viel besetzte als einen halben zu wenig.

Heiter durchgeistigt

Wie auch immer: Wir alle können froh sein, dass das Gewandhausorchester längst wieder in einem Saal spielt, der zu den besten der Welt zählt. Und darüber, dass dieser Klangkörper zur Not auch in einer wattierten Tropfsteinhöhle noch klingt und die schlagtechnisch bisweilen nur angedeuteten Ideen seines heiter durchgeistigten Ehrendirigenten zum Hörer trägt, natürlich auch. Der begeisterte Applaus im doppelt ausverkauften Saal beweist es mit Nachdruck.

Von Peter Korfmacher

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