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Kultur Regional „Herz der Finsternis“ als neoliberales Urverbrechen
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11:12 08.10.2019
Sebastian Schneider in „Herz der Finsternis“. Quelle: Nikolas Darnstädt
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Leipzig

Der Fluss ist hier gleich einer Hauptschlagader, die durch diese afrikanische Urwaldlandschaft mäandert, hinein in die Tiefen, in denen irgendwo weit stromaufwärts, wie in einem gefräßig wucherndem Organismus, das „Herz der Finsternis“ schlägt. 1899 schickte Joseph Conrad in seiner wohl berühmtesten Erzählung „Heart of Darkness“ den Seemann Marlow in selbiges. Die Schaubühne Lindenfels begibt sich jetzt ebenfalls auf die Reise.

Mit einer Theaterproduktion (Regie Nikolas Darnstädt), die diese Prosa als eine Geschichte der „europäischen Ursünde“ liest; als – so geht’s weiter im Ankündigungstext zum Stück – die Geschichte „des Urverbrechens unserer heutigen neoliberalen Wirtschaftsform, die Geschichte von unserer individualistisch zerrütteten Gesellschaft.“ Was dann freilich einmal mehr in eine der schon ähnlich zahlreichen Kerben schlägt, mit denen die einschlägige Rezeption seit jeher gern ihre Interpretationsmuster in Conrads Text hinein schnitzt (oder hackt).

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Versuch einer Begradigung?

Man kann das gut und gern auch als Versuch einer Flussbegradigung, einer Kanalisierung dieses Textstromes sehen, den Conrad mit „Herz der Finsternis“ in Bewegung setzt. Und spannend auch an dieser Schaubühnen-Aufbereitung des Textes wird somit vor allem sein, wie sich eben dieser Text dieser Begradigung widersetzt. Denn dass Conrad eine kritische Bestandsaufnahme der Kolonialpolitik liefert ist so unbenommen und offensichtlich, wie es eine Oberströmung nur sein kann – was aber darunter strömt, zirkuliert und mäandert, was sich entzieht und herabzieht, ist die weit dunklere, die essenziellere und darin auch poetischere Substanz, die diesen Text ausmacht.

Es wird sich zeigen, was davon und wie es in Darnstädts Inszenierung jenseits (besser: unterhalb) ihrer dezidiert gesellschaftskritischen Intention spürbar bleiben wird. So, wie es sich auf seine freilich ganz andere Weise auch in „Apoclaypse Now“, Francis Ford Coppolas legendärer, eigenwillig manisch-fiebriger Adaption des Buches zeigt. In der Schaubühne läuft der Film am Dienstag in seiner vom Regisseur restaurierten Fassung.

Dienstag, 18 Uhr: Apocalypse Now, Eintritt 7,50/6,50 Euro; Donnerstag bis Samstag, je 20 Uhr: „Herz der Finsternis, 15/9 Euro – beides in der Schaubühne Lindenfels, Karl-Heine-Straße 50

Von Steffen Georgi