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Kultur Regional Hohes Tempo, durchwachsene Gags: Die Pfeffermühle zeigt Märchen-Kabarett
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16:43 03.12.2019
In der Leipziger Pfeffermühle gab es am Sonntag eine Premiere mit dem Stück „Ach wie gut, dass niemand weiß…“. Quelle: Foto: Dirk Knofe
Leipzig

Märchen und Politik – oder soll man sagen Fake News und Politik? – das gehört zusammen. Da liegt auch die Verbindung von Märchen und politischem Kabarett auf der Hand. Pinocchio in Gestalt von Kabarettist Detlef Nier singt den Zuschauern in der Pfeffermühle ein Lied davon. Aufgrund plötzlichen Nasenwachstums würde die Holzfigur wohl schon bei der ersten Wahlkampfrede vornüber kippen. Und auch andere Jobs, zum Beispiel als Lehrer, kommen nicht in Frage, denn: „Sag ich zu Chantal: ‚Du kriegst mal ‘nen guten Job‘, da wächst mir meine Nase einen Meter aus‘m Kopp!“

Mit bissigem Wortwitz wie bei der Pinocchio-Nummer sorgt das Kabarett bei der Sonntag-Premiere des neuen Programms „Ach wie gut, dass niemand weiß…“ für Spaß im ausverkauften Saal. Pünktlich zum ersten Advent werden Märchen und Kindergeschichten in den Mixer der Moderne geworfen und mit einem Schuss Häme über alle politischen Lager und Themen verteilt.

Ein großes, braunes Gespenst

Ein wirklich lustiger Einstieg gelingt dem Ensemble mit den „Berliner Stadtasylanten“. Vier Parteien streiten sich darum, wer die anderen und das Land am besten tragen kann. Die SPD (Burkhard Damrau) wird nicht müde, den Geist von Willy Brandt zu beschwören, dabei ist sie „längst tot und nur zu faul zum Umfallen“. Die Linke (Elisabeth Sonntag) würde sich gern auf die CDU (Detlef Nier) stützen, doch deren Furcht vor Kommunisten sitzt zu tief. Die Grünen (Marcus Ludwig) stehen währenddessen ganz oben und kritisieren alles und jeden, was den Unmut der anderen auf sich zieht. So wird der streitlustige Haufen zu einem „großen, braunen Gespenst“. Ein sehr treffendes und gagreiches Gleichnis, das zu den Highlights des Abends gehört.

Durchwachsene Pointen

Mit hohem Tempo geht es weiter, wodurch die fast zwei Stunden angenehm kurzweilig erscheinen. Die Pointen allerdings sind durchwachsen. Die kreativsten Ideen schneiden die Kabarettisten leider nur kurz an, so zum Beispiel in einem herausragenden Kinderlied-Medley. Da verläuft sich Hänsel nicht im Wald, sondern zum Antidiskriminierungshaus und bleibt verwirrt und nun „divers“ zurück, denn „alte, weiße Männer passen heut nicht mehr ins Bild“. Es folgen die Hits „Grün, grün, grün sind alle Parteien“ und „Angela war kein schönes Kind“. Von diesen Boshaftigkeiten hätte man sich längere Szenen gewünscht.

Die ausgespielten Nummern bleiben hingegen eher blass. Kirchenkritik in Form eines betrunkenen Pastors, Gretel als vegane, gluten- und laktoseintolerante Fairtrade-Verfechterin und sogar der Kapitän der untergegangen Costa Concordia, deren Havarie wohlgemerkt sieben Jahre zurückliegt, kommen zu Wort. Die ewig gleichen Witze über Veganer, Gender-Wahnsinn und Mietexplosion hat man einfach schon zu oft gehört.

Einiges Potenzial verschenkt

Dabei hätte das Märchen-Thema viel Potenzial geboten, um beispielsweise – wie in der Ankündigung verlautet – die penetrante Annäherung des Froschkönigs mal aus #metoo-Perspektive zu betrachten. Leider halten sich die Pfeffermüller nicht konsequent an diesen Rahmen und zeigen viele klassische Kabarett-Szenen, die keinen oder kaum Bezug zu Märchen haben.

Publikum lacht sich trotzdem kaputt

Für die Mehrheit spielt das aber keine Rolle. Die Pfeffermühle kann auf sein Premieren-Publikum zählen, das sich über beinahe jeden Witz so laut ausschüttet, dass man teilweise die nächsten Zeilen des Darstellers nicht versteht. Keucher kurz vorm Erstickungstod, frenetische Händeklatscher, Schenkelklopfer und sogar Zwischenrufer, die allen Anwesenden ihre Gedanken zum Handlungsverlauf mitteilen möchten, sind an sich schon ein Erlebnis.

Nächste Vorstellung von „Ach wie gut, dass niemand weiß...“ heute um 20 Uhr, außerdem am 12. und 14. Dezember, Karten in allen LVZ-Geschäftsstellen, unter der kostenlosen Nummer 0800 2181050 sowie auf der Seite www.ticketgalerie.de.

Von Friederike Ostwald

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