Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Kultur Regional Hongkong trifft Leipzig: Neo Rauch zeigt sein „Kollegium“ in Aschersleben
Nachrichten Kultur Kultur Regional Hongkong trifft Leipzig: Neo Rauch zeigt sein „Kollegium“ in Aschersleben
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:48 26.05.2019
Neo Rauch (l.) im Gespräch mit einem Besucher der neuen Ausstellung in der Grafikstiftung in Aschersleben. Die Schau „Das Kollegium“ zeigt Werke von nationalen und internationalen Künstlern – Freunden und Wegbebleitern Rauchs. Quelle: Matthias Bein/dpa
Aschersleben

Manchmal muss man weiter weg, um auf neue Gedanken zu kommen. Es war in der Captain’s Bar im Mandarin Oriental in Hongkong, erzählt Neo Rauch, als ihm die Idee für die Ausstellung „Das Kollegium“ gekommen sei. Seine US-amerikanische Galerie David Zwirner feierte dort vor eineinhalb Jahren ihr 25-jähriges Bestehen – mit Rauch und Kollegen. Jetzt hängen die Arbeiten von zehn Künstlern dieser Galerie an den Wänden der Grafikstiftung Neo Rauch in Aschersleben. Ein hochkarätiger, frischer Besuch – unter anderem mit der Schwedin Mamma Andersson, dem Belgier Michael Borremans, dem Kanadier Marcel Dzama oder Jonathan Meese. Am Samstag wurde die Ausstellung eröffnet.

Das Kollegium aus der Captain’s Bar

Der internationale Besuch ist aber nur die eine Hälfte der Ausstellung. „Ich wollte es nicht so elitär halten“, sagt Rauch, weshalb er noch neun weitere Künstler aus Leipzig fragte, einer Stadt, die ja „eine Hochburg des grafischen Schaffens“ sei. So hatte er die „undankbare Aufgabe, auch hier eine Auswahl zu treffen“, denn: „wer bin ich, dass ich mich hier zum Juror aufschwinge?“ Vertreten sind nun Weggefährten aus Studienzeiten Rauchs an der Leipziger HGB und Nachbarn aus der Spinnerei.

„Das Kollegium“ heißt die neue Jahresausstellung in der Grafikstiftung Neo Rauch in Aschersleben. Zu sehen sind über 50 Arbeiten auf Papier von 20 internationalen und Leipziger Künstlern – Freunden und Wegbegleitern Neo Rauchs.

„Das Kollegium“ mit gut 50 Arbeiten auf Papier ist die inzwischen achte Jahresausstellung in der Stadt, in der der Leipziger Maler aufwuchs. Nach Einzelausstellungen und Gegenüberstellungen wie zuletzt mit seiner Frau, der Malerin Rosa Loy, ist es die erste Gruppenschau. Eine Premiere mit insgesamt 20 Künstlern – feinen stillen Meisterstücken, eruptiven Ausbrüchen und zuweilen wilden Übergängen. Ein spannungsvolles, aber friedliches Kollegium der Bilder, in dem man Stunden verbringen kann, wenn man erstmal Ruhe hat.

Es ist viel los an diesem Samstag. In Berlin ist Pokalendspiel, was die Zahl der Leipziger unter den Gästen ein wenig reduziert hat. Und in Aschersleben wird vernehmlich das Gildefest der Kaufleute gefeiert. Bei der Gilde der Maler ist es aber dennoch brechend voll. Sieben „Kollegen“ – Kristina Schuldt, David Schnell, Sebastian Speckmann, Rosa Loy, Sebastian Burger, Hartwig Ebersbach und Hans Aichinger sind aus Leipzig mitgekommen. Michael Triegel, den Rauch freundschaftlich-ironisch den „jüngsten, noch lebenden Renaissancemaler“ nennt, eröffnete zeitgleich seine Ausstellung „Discordia consors“ im niederländischen Zwolle. In Aschersleben zeigt er unter anderem eine Kreidelithografie mit diesem Titel.

Bildfindung und künstlerisches Ringen

Neo Rauch hat drei Tuschelithografien und zwei großformatige Gemälde für die Ausstellung geschaffen, eins davon trägt den Titel der Schau. In „Das Kollegium“ geht wie so oft bei ihm um Bildfindung und künstlerisches Ringen. Versunken, konzentriert steht ein Mann vor einer Art Werkbank und führt den Pinsel auf einem Lithostein. Ein Mann mit Hut hält ihn am rechten Arm, auf dem Rücken ein Schild, auf dem spiegelverkehrt wie falschherum je nach Lesart „TON“ oder „NOT“ steht. Ein Gehörnter, Geflügelter steht dem Künstler gegenüber. Neben ihm sitzt eine junge Frau nachdenklich über ihrer Arbeit. Ein Mann, vielleicht ein Lehrer, sieht ihr über die Schulter. Im Hintergrund versucht einer, ein Andreaskreuz aufzurichten.

Ein „Kollegium“, in dem auch Zweifel, Suche, Angst und Not versammelt sind? Ein Bild, das nur im Kopf des Malers ist? „Möglicherweise beobachten wir einen Maler, einen Künstler, vielleicht Neo Rauch selber, mitten in seiner für uns scheinbar geschlossenen Welt, die er auf den Stein bannen wird“, sagt Jeannette Stoschek, Mitglied des Kuratoriums der Grafikstiftung und Leiterin der Grafischen Sammlung im Museums der bildenden Künste, in ihrer Rede zur Eröffnung. Und schließt mit der Aufforderung: „Die Bilder sind die Akteure, lassen Sie sich von ihnen führen.“

Lust, Humor, Aufbruch

Das Personal in Rauchs Bildern scheint dazu nur bedingt geeignet, was allein Titel wie „Der blinde Türmer“ andeuten. Was kommt da auf Stadt und Welt zu, wenn die Bewacher nicht sehen? Auf die Räume der Grafikstiftung sind neben solchen kassandrischen Klängen auch ganz viel Lust, Humor und Aufbruch zugekommen. Das beginnt schon bei „Kollegin“ Rosa Loy, die neben ihrem das Kommende träumenden „Winterschlaf“ eine energetische „Erste Mahd“ ausruft. Die US-Amerikanerin Lisa Yuskavage zeigt eine ineinander verwachsen zu sein scheinende Figurengruppe unter dem hübschen Titel „Hippies in Tit Heaven“. Rose Wylie (85) und Hartwig Ebersbach (79), auf dem Papier die ältesten Kollegiumsmitglieder, steuern laut Rauch die jüngsten Positionen bei. Kann man tatsächlich so sehen.

Surrealer Zirkus

Natürlich ist auch bei den Kollegen nicht alles schön und gut. Sebastian Burgers Gottesanbeterin („Eidos“) lauert in Betontrümmern. Von Marcel Dzama ist ein surrealer Zirkus mit Clowns und Löwen zu sehen. Bei genauerem Hinsehen geht es ziemlich grausam ab: Mehrere Tiere und ein Mensch sind erstochen. Und sind die Löwen überhaupt Löwen? Schön, stolz und sehr lebendig blickt dagegen Mamma Anderssons „Serval“ in die Räume.

Der Zuspruch zu Eröffnung und die lange Schlange der Besucher, die sich Plakate von Rauch und Co. signieren lassen, deutet an: Hier ist kein Raumschiff in Aschersleben gelandet. „6000 bis 7000 Besucher kommen im Jahr, rund ein Drittel davon aus der Region“, sagt Stiftungsleiterin Christiane Wisniewski.

Und auch dieses einmalige „Kollegium“ wird ganz gewiss nicht unter sich bleiben.

„Das Kollegium“ in der Grafikstiftung Neo Rauch in Aschersleben (Wilhelmstraße 21–23); bis 3. Mai 2020, geöffnet Mi–So, 11–17 Uhr

Von Jürgen Kleindienst

Kommentare 0 Nutzungsbedingungen
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Der Komiker erzählt dem Leipziger Publikum lockerflockig von seinen Extremsportleistungen

26.05.2019

Musikalische Freunde und Weggefährten gratulierten in der gestopft vollen Philippuskirche dem Leipziger Komponisten Bernd Franke nachträglich zum 60. Geburtstag.

26.05.2019

„Wahrheit oder Pflicht“: Das Partyspiel ist gar nicht notwendig, um im gleichnamigen Stück des Jugendchors der Oper Leipzig so einiges aus dem Ruder laufen zu lassen. Am Donnerstag feierte es in der naTo Premiere.

24.05.2019