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Kultur Regional Ilja Richter und die stocksteifen Krieger für das Seelenheil
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16:06 24.02.2020
„Vergesst Winnetou!“ Mit seiner „wilden Lesung mit Musik“ gastierte Ilja Richter am Sonntag in der Leipziger Pfeffermühle. Quelle: Christian Modla
Leipzig

Wenn die in Deutschland weltbekannte Melodie von Martin Böttcher erklingt, dann ist gleich klar, was kommt: Winnetou und Old Shatterhand reiten durch die jugoslawischen Weiten des Wilden Westens, um Gaunern das Handwerk zu legen. Auch Ilja Richter nähert sich in seinem Programm „Vergesst Winnetou“, das am Sonntag im Kabarett Pfeffermühle zu sehen war, musikalisch.

„Disco“ macht den Mann bekannt

Zu Beginn allerdings werden die Streicher brutal unterbrochen, denn der durch die ZDF-Sendung „Disco“ in den 1970er-Jahren bekannt gewordene Richter möchte sich primär dem Phänomen und auch dem Menschen Karl May nähern, der uns diese exotischen Larven ins kollektive Hirn gesetzt hat. Im Gedächtnis treiben sie Blüten und nötigen Persönlichkeiten wie dem Philosophen Ernst Bloch, dem Dramatiker Carl Zuckmayer oder dem Schriftsteller Erich Loest verschiedene Stellungnahmen ab. Immerhin ist May der nach Auflage weltweit erfolgreichste deutsche Schriftsteller. Loest hat sogar, so erfährt das Publikum im Laufe des kurzweiligen Abends, in seiner Geburtsstadtstadt Mittweida eine Plakette am Gericht anbringen lassen, in dem Winnetous Erfinder einstmals wegen Hochstapelei und Billardkugelklau verurteilt wurde; einte doch beide Autoren die intime Kenntnis sächsischer Haftanstalten – wenn auch aus sehr unterschiedlichen Gründen.

Aus Assoziationsfetzen wird Flickenteppich

Schauspieler Richter knüpft aus diesen Assoziationsfetzen einen bunten Flickenteppich aus launigen Anekdoten, persönlichen Erinnerungen und gekonnten Abschweifungen. Rast er zu Beginn noch ohne Punkt und Komma über diesen Erregungsdamm, so schälen sich im Verlauf der Vorstellung klare Konturen und pointierte Setzungen heraus.

Der Protagonist parodiert großartig

Höhepunkte dabei sind Richters musikalische Einlässe zum Schlager der 1920er-Jahre bis hin zu Reinhard Mey (der Name ist schließlich Programm). Und seine großartigen Fähigkeiten im Bereich der Parodie – ganz gleich, ob der Wiener Schmäh zum Einsatz kommt oder es um Didi Hallervorden, Peter Maffay oder den genannten Mey geht. Auch persönliche Erinnerungen dürfen nicht fehlen. Etwa Richters Erlebnisse als Kinderschauspieler in „Annie get your gun“ 1963 im Theater des Westens, wo allerdings Buffallo Bill und nicht Old Shatterhand im Fokus des Interesses stand. Aber Western in Deutschland, das ist im Grunde genommen immer Karl May.

Ohrwurm lässt das Publikum schwelgen

Dabei wird es mitunter kulturgeschichtlich, wenn Richter feststellt, dass der sächsische Autor keine Selbstironie gekannt habe und seine Helden stattdessen stocksteife Krieger für das Seelenheil sein mussten, während der Humor an Figuren wie Sam Hawkins ausgelagert wurde. Das Bild, das der Protagonist von May zeichnet, ist dabei kein sonderlich neues: der verstockte Proletarier zwischen Bildungszwang und Geltungsdrang, der sich in der Blase seiner eigenen Lebenslüge verstrickte und in Radebeul seine Fans empfing, während der von im vergötterte Richard Wagner Verehrern Audienzen erwies. Entsprechend kennzeichnet Richter Mays Werk als Oper ohne Musik – und versieht die Heldengeschichten nun eben selbst mit Musik. Und fügt dann auch noch den Soundtrack von Marin Böttcher an, zu dem er das Publikum später noch einmal in Ruhe schwelgen lässt.

Mit diesem Ohrwurm geht es irgendwann zurück ins stürmische Leipzig. „Hell and damnation!“, hätten Karl-May-Freaks geflucht.

Von Torben Ibs

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