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Kultur Regional Im Würgegriff des Welttheaters – Johannes-Passion mit den Thomanern
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15:26 19.04.2019
Bachs Johannes-Passion mit den Thomanern in der Ausverkauften Thomaskirche. Quelle: Dirk Knofe
Leipzig

Eigentlich kennt man das in der Osterzeit ja so: Wer die mystische Versenkung sucht, zu poetischer Empfindsamkeit neigt, dem sei zur Matthäus-Passion geraten. Wer es hingegen mit packender Dramatik hält, verstörende Herbheit und ungeschliffene Wucht bevorzugt, der ist bei der Passion nach Johannes genau richtig.

Doch so trennscharf lassen sich die beiden Schilderungen vom Leiden und Sterben Christi, die der größte aller Thomaskantoren der Nachwelt hinterlassen hat, nicht auseinanderhalten. Denn Johann Sebastian Bachs Johannes-Passion ist nicht nur brodelndes Welttheater über Tod, Auferstehung und Erlösung.

Wenn sich ihr musikdramatischer Würgegriff lockert, die Hörer aufatmen können, dann eröffnen sich Räume entrückter Innerlichkeit, mitfühlender Einkehr. Momente wie diese sind es, in denen die Aufführung am Gründonnerstag in der Thomaskirche am stärksten berührt.

Thomaskantor Gotthold Schwarz. Quelle: Dirk Knofe

Dabei gibt Thomaskantor Gotthold Schwarz ein energisches Tempo vor, wie das mittlerweile Standard in der historischen Aufführungspraxis geworden ist. „Herr, unser Herrscher“ tönt es im Eingangschor von der Orgelempore, mit schmerzlich-süß reibenden Akkorden und flüssigen Melismen. Die Streicher des Gewandhausorchesters schreiten voran, die Oboen singen ihr betörendes Klagelied.

Lyrisch, beinahe vergeistigt

In den nun folgenden zwei Musikstunden ist es Tenor Wolfram Lattke, der als Evangelist vom Passionsgeschehen berichtet. Lyrisch, beinahe vergeistigt bereitet er den Erzählweg nach Golgatha, mit geschärfter Diktion, aber nie manieriert. Man lauscht ihm gebannt, weil er auch über lange Textstrecken hinweg das Geschehen in Schwung hält, im Tempo anzieht, sich aber Zeit lässt, um Überraschungsmomente vor- und auszubreiten. Wie seine Stimme beim Wort „Schädelstätte“ ausbleicht, um gleich darauf ein markerschütterndes „Golgatha“ herauszuschleudern, das ist ergreifendes Musiktheater.

In der Verdichtung zwischen Lattke als Evangelist und Bass-Bariton Klaus Mertens als Jesus entfaltet die Leidensgeschichte ihre vehementeste Wirkung. Mertens gibt einen aristokratischen Gottessohn, der wirklich nicht von dieser Welt ist und seine unerschütterliche Würde auch vor dem darüber resignierenden Pilatus (Jochen Kupfer als ätherischer Bass-Einspringer) und im Angesicht der wütenden Volksmenge bewahrt.

Balsamischer Vollklang

Doch die Turbae-Chöre, szenisches Herzstück der Passion, klingen bei den Thomanern insgesamt zu brav. Zwar quirlig und beweglich in den fugierten Stimmverläufen, aber in Timing und Intonationssicherheit manchmal etwas unentschieden.

Am wohlsten fühlen sich die Thomaner im balsamischen Vollklang, zu hören in der Choral-Arie „Mein teurer Heiland, lass dich fragen“. Dabei heben sich die Anteile der jungen Sänger in Gestus und Charakter deutlich ab von ihrer Umgebung, wie nach Tobias Hungers schuldbewusst-zerknirschter Tenorarie „Ach, mein Sinn“. Da gerät der Choral leider dynamisch unsensibel und unnötig skandiert.

Frei und raumfüllend

Gotthold Schwarz formt das Passionsgeschehen ohnehin nicht zu einer übergreifenden Klangerzählung, sondern lässt die teils schroff voneinander getrennten Binnenabschnitte für sich bestehen: In seiner ersten Arie „Von den Stricken meiner Sünden“ klingt die Stimme von Altus Benno Schachtner noch eng und festgedrückt, strömt im kontemplativen „Es ist vollbracht“ aber frei und raumfüllend, der „Held aus Juda“ im Mittelteil kommt allerdings herausgeschossen wie ein Springteufel aus seiner Schachtel.

Auch Joanne Lunn hat ihren kupferfarbenen Sopran im ersten Anlauf („Ich folge dir gleichfalls mit freudigen Schritten“, tolle Flötenbegleitung: Katalin Stefula) noch nicht ganz auf Betriebstemperatur gebracht, singt sich den Schmerz in „Zerfließe, mein Herze“ aber umso betörender von der Seele. Da vernimmt man diese bald 300 Jahre alte, längst zum agnostischen Osterritual institutionalisierte Passion wieder mit einem Gefühl des Getröstetseins, das sich in unserer so trostbedürftigen Zeit nur selten erleben lässt.

Von Werner Kopfmüller

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