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Kultur Regional In die Welt und zurück: neue Gruppenschau mit Werken der Sammlung Hildebrand
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18:30 18.06.2019
Petrit Halilajs Stinkefinger ist Teil der aktuellen Ausstellung in der Galerie G2. Quelle: dotgain.info
Leipzig

Wer begrüßt schon seine Besucher mit einem Stinkefinger? G2, die private Kunsthalle am Dittrichring ist so frei. Der gestreckte Mittelfinger ist fast raumhoch, aber aus Stahl gebogen. Der Kosovare Petrit Halilaj, Jahrgang 1986, ist Schöpfer dieser charmanten Provokation.

Vorlage war die Kritzelei in der Bank einer Schule seiner Heimatgegend, das Gebäude wurde wenig später abgerissen. Spurensicherung also, aber auch Suche nach Herkunft – eine Selbstvergewisserung, die schmerzlich sein kann.

Statt einer Sonderausstellung mit ein oder zwei Personen wählt einmal im Jahr Direktorin Anka Ziefer aus dem Fundus aus, den der Sammler Steffen Hildebrand zusammengetragen hat und weiter zusammenträgt.

Spontane Zeichnungen

Vieles in der neuen Schau ist tatsächlich neu hinzukommen, nicht alles. Sie stellt einen Kontrast dar zur Dauerausstellung, in der Leipziger Malerei einen gewissen Schwerpunkt bildet. Der aktuelle Ausstellungstitel „Wege zur Welt“ gibt die Richtung vor. Sehr international, wenig Malerei, überwiegend jung.

Aber nicht nur. Der US-Amerikaner Matt Mullican gehört mit fast 70 zu den alten Hasen. Und er ist Maler. Aber keiner, der wie viele Leipziger fabuliert. Seine Tafelbildserie – quadratisch und in Schwarz-Rot gehalten.

Es sind spontane Zeichnungen, die unter Hypnose entstanden, dann aber aufwendig in einer Art von Abreibung der oberen Farbschicht entstanden. „Learning from that person’s work“, wie der Zyklus heißt, ist also ebenso wie bei Halilaj eine Suche nach verborgenen Schichten, wenn auch auf ganz andere Weise.

Alte Bekannte

Noch älter ist Judith Bernstein, 76, ebenfalls US-Amerikanerin. Bei ihr liegt der Fokus auf dem Feminismus. Vom Alter wie auch der Arbeitsweise ist die 1991 geborene Kroatin Nora Turato das Gegenstück zu Mulligan und Bernstein. Ihre Schrifttafeln sind zwar unikat, haben dennoch den Duktus preisgünstiger Computerausdrucke.

Ergänzt werden sie durch ein Video, das nur aus Worten besteht. Setzt man sich die Kopfhörer auf, erscheint das Ganze als ein melodischer Singsang. So wird erkennbar, dass die schlecht in Sammlungen zu konservierende Performance ihr eigentliches Metier ist.

Manche der hier neu Versammelten kennt man in Leipzig ganz gut. So Grit Hachmeister mit einem Foto aus ihrer Serie zur Geschlechtsumwandlung. Oder Sven Johne. Als Fotografie wird auch sein Tableau „Anomalien des frühen 21. Jahrhunderts“ bezeichnet. Doch die Bilder sind diversen Medien entnommen und mit Texten kombiniert.

Es handelt sich um eine Ansammlung freiwilliger „Loser“, die einen radikalen Einschnitt in ihrer Lebensweise vorgenommen haben. Auch Stefan Vogel lebt in Leipzig. Er ist mit dem großformatigen Schriftbild „I do not think anymoremore“ vertreten.

Berühren ist leider verboten

Weltbekannt sind der Mexikaner Jose Dávila, von dem zwei Werke der geometrischen Abstraktion zu sehen sind, und auch der israelische Däne Tal R. Mit ihm ist nun doch noch erzählende Malerei in die Kollektion gekommen. Eine Autobahn scheint bei „Riders in the Sky“verkehrt herum, also hängend, ein Waldstück in Zentralperspektive zu überqueren. Die im Vordergrund versammelten Konturen können spielzeugartige Figuren sein, aber auch Grabsteine.

Vom Schweizer David Renggli ist ein Teil seiner Serie „The Charme of Ignorance“ ausgestellt. Die Collagen – alle im gleichen Format – entstehen in einem festgelegten Rhythmus von drei Minuten. Mehr Aufwand steckt dann zweifellos im dem Bild „Fleshout“ des Polen Paul Czerlitzki. Viel zu sehen ist aber nicht. Die Tafel bezieht ihren Reiz aus der künstlich-künstlerisch verschrumpelten monochromen Oberfläche. Berühren ist leider verboten.

Ein Pendant zu Petrit Halilajs Mittelfinger ist der Riesenspargel der Amerikanerin Hannah Levy, aus Silikon gefertigt. Schlaff hängt das grünliche Ding in zwei spitzigen Klauen aus Edelstahl. Assoziationen zu einer misslungenen Geste maskuliner Macht- und Prachtausübung sind durchaus gewollt.

Wege zur Welt: G2 Kunsthalle, Dittrichring 13; bis 15. September, Mi 15–20 Uhr, öffentlich geführte Rundgänge auf Deutsch Do–So 15 Uhr, Mo 11 Uhr, auf Englisch So 16 Uhr, Mo 12 Uhr

Von Jens Kassner

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