Interview mit dem Komponisten Gerd Kühr, dessen Oper "Paradiese" in Leipzig uraufgeführt wird.
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Kultur Regional Gerd Kühr schreibt Oper über das Leben – Uraufführung in Leipzig
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Interview mit dem Komponisten Gerd Kühr, dessen Oper "Paradiese" in Leipzig uraufgeführt wird.

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19:26 29.06.2021
Schrieb eine Oper über das ganze Leben: der Komponist Gerd Kühr.
Schrieb eine Oper über das ganze Leben: der Komponist Gerd Kühr. Quelle: Christian Modla
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Leipzig

Am 9. Juli löst Leipzigs Opernintendant Ulf Schirmer ein Versprechen ein: Er dirigiert die erste ernstzunehmende Opern-Uraufführung am Haus während seiner Intendanz, die 2011 begann. Das Libretto schrieb der emeritierte Leipziger Literaturinstituts-Professor Hans-Ulrich Treichel für den bei Graz und in Berlin lebenden Komponisten Gerd Kühr. Peter Korfmacher sprach mit Kühr.

Die ersten Worte Ihrer neuen Oper „Paradiese“ lauten: „Genossinnen und Genossen! Ich bitte euch ...“ Und der Chor antwortet: „Hoch die internationale Solidarität!“ – ein bemerkenswerter Beginn für ein Auftragswerk der Oper Leipzig.

Mit Leipzig hat es so viel nicht zu tun. Die Szene spielt an der Freien Universität in Berlin – im Jahr 1968.

Ist das eines der „Paradiese“ des Titels Ihrer Oper?

Vielleicht. Ich denke, jeder muss sich selbst darüber im Klaren werden, was seine Paradiese sind – oder waren. Oft wissen wir es erst im Nachhinein. Für viele jedenfalls gehört diese Zeit dazu, und dieses Gefühl, etwas verändern, bewegen, verbessern zu können.

Zur Person

Gerd Kühr, geboren 1952 in Kärnten, studierte Geschichte sowie Dirigieren und Komposition in Salzburg. 1979–1984 hatte Kühr Lehraufträge und war Repetitor an der Oper in Köln. 1985–1994 Lehrauftrag an der Musikhochschule Graz. Seit 1995 Ordentlicher Professor und Leiter einer Kompositionsklasse an der Hochschule in Graz. Der internationale Durchbruch gelingt 1988 mit der Uraufführung der Oper „Stallerhof“ (Libretto: Xaver Kroetz) in München. Seither ist Gerd Kühr als Dirigent und Komponist weltweit gefragt.

Eine Oper über die Westberliner Studentenbewegung also?

Nein, darauf spielt nur ein Akt der Oper an. Berlin interessiert mich aber als einzige wirkliche Großstadt im deutschsprachigen Raum. An keiner anderen Stadt kann ich als Historiker, der ich auch bin, so vieles zeigen.

Zeigen wovon?

Vom Leben. Von dem, was ein Leben ausmacht.

Ein ziemlich schwerer Stoff.

Ach, letztlich handeln davon doch alle Opern! Tatsächlich aber steckt viel drin in „Paradiese“ – so viele Themen, die ich unbedingt einmal in einem Musiktheater unterbringen wollte. Darum ist dieses Stück sehr dicht geworden, sehr kompliziert. Es steht nicht ein einziger Aspekt im Mittelpunkt, es fließen viele wesentliche Teilgeschichten ineinander. Darum ändert sich die Ordnung von Raum und Zeit. Was viele schnelle Wechsel auch der Stimmung bedingt – eine große Herausforderung für die Inszenierung und die Ausführenden!

Wie es Bernd Alois Zimmermann in seinen „Soldaten“ angestrebt hat?

Weniger konstruiert und intellektuell. Mein Ansatz ist einfacher: Oper ist ohnehin unlogisch, das fängt ja schon mit dem Gesang an. Also erlaube ich mir die Konsequenz, die Logik von Raum und Zeit ebenfalls aufzuheben. Oder besser: beider Konturen verschwimmen zu lassen. So, dass der Zuschauer manchmal nicht weiß, wie die Situation zu deuten ist.

Das Libretto schrieb Ihnen Hans-Ulrich Treichel. Wovon ging Ihre Zusammenarbeit aus? Gab es ein Szenario? Einen Treichel-Text, der sie inspirierte? Ist „Paradiese“ eine Literaturoper?

Nein, „Paradiese“ ist die Ausarbeitung meiner Grundidee. Einer Idee, die seit 15 Jahren in mir arbeitet. Sie hat in langen Gesprächen mit meiner inzwischen verstorbenen Frau Kontur angenommen – sie war Literaturwissenschaftlerin und ihr ist die Oper gewidmet. Am Anfang standen Begriffe wie Nähe und Distanz, Gleichzeitigkeit und Differenz – diese Themen wollte ich anhand verschiedener Lebensläufe und ihrer Suche nach Sinn und Orientierung verarbeiten. Diese Idee ist so offen, dass sie Hans-Ulrich Treichel keine Fesseln anlegte.

Also haben Sie das Textbuch gemeinsam entwickelt?

Nein, nein, die Arbeit hat schon er gemacht, aber es flog viel hin und her. Dieser Austausch ist mir sehr wichtig. Ich habe mittlerweile vier Opern komponiert und immer mit Autoren zusammengearbeitet.

Kommen wir zurück zum Anfang: Er legt nahe, dass Agit-Prop folgt.

Diese Befürchtung hatte die Regisseurin Barbora Horáková zunächst auch. Aber „Paradiese“ ist kein Politstück, jedenfalls nicht vordergründig.

Wie schaut es mit Humor und Sinnlichkeit aus? Darf Ihre Musik schön sein, darf man lachen?

Wir jedenfalls haben bei der Arbeit viel gelacht. Die Musik muss immer wieder schön sein, manchmal aber auch nicht – wie das Leben selber. Und weil das Leben so ist, kann man vielleicht auch behaupten, dass ich nichts Formvollendetes im klassischen Sinn geschaffen habe. Denn das Leben ist auch nicht formvollendet.

Opernhäuser schmücken sich mit Uraufführungen, sie garantieren überregionale Aufmerksamkeit. Die meisten Werke wandern danach sofort ins Archiv.

Darüber kann ich mich nicht beschweren: Meine erste und meine dritte Oper sind recht häufig nachgespielt worden.

Und die zweite?

Leider kein einziges Mal.

Warum?

Mir ist zu Ohren gekommen, man habe sie für „zu katholisch“ befunden, was mich mehr als nur ein bisschen wundert. Jedoch wird es gewiss auch andere Gründe geben.

Der Beginn deutet schon darauf hin, dass dieser Vorwurf den „Paradiesen“ erspart bleibt ...

... sehr wahrscheinlich, dafür sind manche der Paradiese zu explizit heidnisch oder jedenfalls diesseitig. Aber das sind sie nicht wegen dieses Vorwurfs. Ich denke an so etwas nicht bei der Arbeit. Ich mache das, was ich machen will und machen muss – und das ist es dann.

Ist die Uraufführungs-Inszenierung eine Corona-Produktion?

In gewisser Weise ja. Bei den Solisten und dem Chor auf der Bühne wird man davon nicht mehr viel merken, da wurde unglaublich viel getestet und wann immer möglich mit Maske geprobt. Größere Probleme gibt es im Graben: Wegen der Sicherheitsabstände von anderthalb Metern zwischen den Orchestermitgliedern passt meine Wunschbesetzung nicht in den Graben, und ich stand vor der Wahl, entweder die Streicher zu reduzieren oder das Schlagwerk aus dem Graben herauszunehmen.

Wofür haben Sie sich entschieden?

Für die Reduzierung der Streicher, das Orchester muss als Einheit im Graben bleiben.

Was war zuerst da: Idee oder Titel?

Die Idee – eigentlich sogar fast das ganze Werk. Wir mussten immer wieder ermahnt werden, endlich mit dem Titel herauszurücken. Dann kam ein Anruf, der uns klar machte, dass wir uns jetzt wirklich entscheiden müssen. Ich bin noch einmal lange mit Hans-Ulrich Treichel spazieren gegangen. Dann hatte er den Geistesblitz, und ich wusste sofort: Das passt.

Seit 2017 haben Sie intensiv an „Paradiese“ gearbeitet, die Vorgeschichte geht noch weiter zurück – haben Sie schon ein neues Projekt begonnen?

Das werde ich in näherer Zukunft nicht tun. Zwar wurde ich gefragt und sollte etwas anderes machen – aber gleich im Anschluss kann ich das nicht. Ich brauche jetzt erst einmal einen Einschnitt. „Paradiese“ ist ein zu persönliches Projekt.

„Paradiese“ an der Oper Leipzig: Uraufführung: 9. Juli, 19.30 Uhr, Vorstellungen: 10., 11. Juli; Karten und Infos: Tel. 0341 1261261, www.oper-leipzig.de

Von Peter Korfmacher