Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Kultur Regional Intime Bilder, berührende Töne mit Gidon Kremer und der Kremerata Baltica im Gewandhaus
Nachrichten Kultur Kultur Regional Intime Bilder, berührende Töne mit Gidon Kremer und der Kremerata Baltica im Gewandhaus
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
Jetzt kostenlos Testen Zur Anmeldung
11:38 16.02.2020
Gidon Kremer mit Kremerata Baltica im Gewandhaus. Quelle: André Kempner
Anzeige
Leipzig

Fast beiläufig kam es am Sonnabend zum Abschluss des „Fokus Weinberg“ im Gewandhaus zum Leipzig-Debüt des russischen Regisseurs Kirill Serebrennikov (50). Der russische Regisseur hat einen Teil des Programms mit Gidon Kremer und der Kremerata Baltica kuratiert: die „Chronik der laufenden Ereignisse“ mit Musik und Video.

Serebrennikovs Fall beschäftigte auch Deutschland von den Kulturszenen bis zur Bundeskanzlerin. Eineinhalb Jahre stand der Leiter des Moskauer Gogol-Centers in seiner Heimat unter Hausarrest – beschuldigt der Veruntreuung von Subventionsgeldern aus öffentlicher Hand.

Verfolgte Künstler

Als wahrer Grund wird unter anderem vermutet, dass zwei seiner Projektideen zu realistische Züge trugen: eine Verfilmung des Lebens von Peter Tschaikowski, in der auch dessen sexuelle Neigungen thematisiert werden sollten, sowie ein Ballett-Projekt über die bisexuelle russische Ballettikone Rodolf Nurejew.

Trotz der Sanktionen hat Serebrennikov Inszenierungen erarbeitet wie „Così fan tutte“ (Oper Zürich), „Hänsel und Gretel“ (Staatsoper Stuttgart) und „Nabucco“ (Hamburgische Staatsoper) – in Kommunikation via Internet. Gidon Kremer wollte mit Artem Firsanov, Aleksey Venzos und Valery Pecheykin mit Episoden über je ein Jahrzehnt aus dem Leben des Komponisten Mieczysław Weinberg (1919–1996) ein Sujet über verfolgte Künstler entwickeln.

Blick hinter geschlossene Augen

Einen Konzertfilm, aber kein Filmkonzert, die Musik sollte im Vordergrund stehen. Serebrennikov brachte Kremers Idee auf eine andere Spur. In vier satzartigen Blöcken entsprechend den Jahreszeiten erklingen in dieser Koproduktion des Gewandhauses mit dem Holland Festival, der Alten Oper Frankfurt, dem Konzerthaus Berlin und der Elbphilharmonie Hamburg Stücke aus den Sinfonien, Kammer- und Filmmusiken sowie, berückend gesungen von Eszter Zemlényi, den jüdischen Liedern Weinbergs. Der Titel „Chronik der laufenden Ereignisse“ erinnert an eine Untergrundzeitung in der Sowjetunion.

Mit Ausnahme von Sandro Kanchelis burleskem Animationsfilm, der sich über einige russische Nationalklischees belustigt, nehmen die Bilder durch Konzentration gefangen: Die Kamera scheint sich hinter die geschlossenen Augen und unter die Haut von Menschen bohren zu wollen, um jeden freien Gedanken zu erhaschen.

Poetische Sequenzen

Im Sommer fallen klobige Schatten auf gipserne Gesichtsmasken, im Menscheitswinter steigt hinter einem nackten Säugling der Atompilz auf. Es sind poetische Sequenzen, welche die reale und die symbolische Kraft des Sehens und Verbergens beschwören.

Wie schon im Großen Concert letzter Woche bewegt die tonale, unspektakuläre Energie von Weinbergs Musik. Zum Beispiel eines der Lieder mit Klavier, wenn leise Triangel-Töne eine abgründige Stimmung schaffen. Parallel zum Film fällt erst recht auf, mit was für kultivierten Mitteln Weinberg Kolorit entwickelt.

Oder liegt dieser bewegende Eindruck an der ebenso emotionalen wie eloquenten Kremerata Baltica, die sich bereits für die Wahrung der Menschenrechte in Russland politisch engagierte? Mit Bravour bewältigt sie ohne Dirigent auch feinste Temposchwankungen und rhythmische Trapezkünste.

Ausgeglichen und harmonisch

Nichts an diesem außergewöhnlichen Konzertabend wirkt aufgesetzt. Vor der Pause zelebriert der Pianist Georgijs Osokins mit Johann Sebastian Bachs Chaconne D-Dur aus BWV 1004 ein Kabinettstückchen und findet in der Bearbeitung Ferruccio Busonis eine fachgerechte Spielform für das frühe 20. Jahrhundert. Souverän und immun gegen Stilzwänge zeigen sich Gidon Kremer und Madara Petersone mit Weinbergs Sonate für zwei Violinen op. 69. Kanonisches, berückend Melodisches und Elegisches reihen sich.

Weinberg ist auch in einfachen Satzformen nicht glatt, sondern konzentriert. Kremer spielt das mit gleicher, schlanker Intensität wie Tschaikowski, die Violinstimmen sind meist durch einander figurativ verfolgende Phrasen oder große Intervalle getrennt. Trotzdem wirkt auch dieses Werk Weinbergs auf anspruchsvoller Höhe ausgeglichen und harmonisch.

Kurze Ovationen für einen Konzertabend, der in Erinnerung bleibt und ein großes Versprechen für weitere Gewandhaus-Abende an den Schnittstellen von Entdeckung, künstlerischer Kraft und gesellschaftlichen Anliegen beinhaltet. Serebrennikovs Debüt an der Oper Leipzig steht noch aus.

Von Roland H. Dippel

Die Berliner Sängerin Missincat ist auf Tour und präsentiert ihr aktuelles Album „10“ – ihre erste Platte komplett auf Italienisch. Am Freitagabend machte sie Station in Leipzig und spielte ein gut besuchtes Konzert im Horns Erben.

15.02.2020

Das Potsdamer Duo Schwarze Grütze, mehrfach preisgekrönt, hat ein neues Programm ausgeheckt. Darin bewegen sich Stefan Klucke und Dirk Pursche „Vom Neandertal ins Digital“. Vor der Premiere am Sonntag in der Leipziger Pfeffermühle beantworteten sie unsere Frage auf gewohnt amüsante Art.

15.02.2020

Als Sänger der Band Rammstein bricht Till Lindemann seit 25 Jahren hauptberuflich Tabus. So auch am Freitagabend vor rund 3600 Fans in Leipzig.

14.02.2020