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Kultur Regional „Ist der Osten anders?“ – Erkenntnisse aus der erschöpften Gegenwart
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12:46 23.05.2019
Gregor Gysi, Heinz Bude und Moderator Jens Bisky beim Auftakt der zweiten Expertengesprächs-Runde am Schauspiel Leipzig im Oktober 2016. Quelle: Rolf Arnold
Leipzig

Man kann es mit Shakespeare formulieren: Etwas ist faul in den Staaten der Demokratie. Der Grundkonsens über demokratische Spielregeln bröckelt, rechtspopulistische Parteien haben in Deutschland zwar noch nicht wie in Polen und Ungarn die Gewaltenteilung ausgehöhlt, scharen aber Unzufriedene hinter sich und bieten neue Erzählungen der Selbstverortung im gegenwärtigen Identitäts-Diskurs. Der hierzulande ein Spezifikum aufweist, weil sich die Identität nach Ost- und West-Sozialisation aufschlüsselt – oder ist diese Zeit der inneren Spaltung überwunden?

„Den Osten und den Westen gibt es nicht mehr“, sagte etwa der Soziologe Heinz Bude am 30. Oktober 2016 im Schauspiel Leipzig bei der Diskussion mit Gregor Gysi und Moderator Jens Bisky von der „Süddeutschen Zeitung“.

Nicht nur diese Diskussion ist jetzt nachzulesen im Sammelband „Ist der Osten anders?“, eben erschienen im Verlag Theater der Zeit. Ein dünnes, aber gedankenschweres Buch, das die Reihe der Expertengespräche der Spielzeiten 2016/17 und 2017/18 am Schauspiel Leipzig bündelt.

Licht aktueller Tendenzen

Teil eins versucht sich unter der Überschrift „Woher Wohin“ an einer Gegenwartsanalyse, gemixt aus der theoretischen Sicht von Wissenschaftlern und der Einschätzung von Politikern wie Gregor Gysi und Daniel Cohn-Bendit. Zudem geht es um historische Entwicklungen, die für heutige Identitätsfragen eine Rolle spielen oder den gegenwärtigen Stellenwert der Religion.

Dabei wird im Licht aktueller nationalistischen Tendenzen argumentiert. Es geht um Fragen wie: Wer wählt die AfD? (Laut Budes Erhebung eben nicht nur die ökonomisch Abgehängten und selbstgerechten Besitzstandswahrer, sondern zu einem weiteren Drittel die „Verbitterten“: gut gebildete Systemhasser, die das Gefühl haben, von den äußeren Umständen gebremst zu werden.) Warum verfangen die politischen Angebote der Linken nicht mehr? (Worauf auch Gysi keine schlüssige Antwort weiß.)

Was wird aus der EU, wenn die sinnstiftende Erzählung, dass nur ein gemeinsames Europa den Frieden sichert, nicht mehr reicht? Düster sieht es aus – aber immerhin verbreitet Cohn-Bendit Optimismus, weil er eine neue Daseinsberechtigung für die EU ausmacht. Nationalstaaten seien angesichts der Globalisierung bald handlungsfähig – nur im Verbund lassen sich Rahmenbedingungen gestalten. „Das muss man mit den Menschen jetzt diskutieren: Wollt ihre eure Zukunft in die Hand nehmen?“

Zustand der „Postdemokratie“

Optimismus, generell der Blick in die Zukunft kommt kurz in den Debatten, die eher den angstvoll rückwärtsgewandten Zeitgeist spiegeln. Ein Jahr nach Cohn-Bendit wird der Publizist Robert Misik in Bezug auf Identitäten sagen: „Eine Erfolgserzählung basiert auf einem vorher formulierten Ziel.“ Es herrsche aber „erschöpfte Gegenwart“ und die liefere keine Ziele.

Die erschöpfte Gegenwart wiederum analysiert der Soziologe Oliver Nachtwey, zusammen mit Hans Vorländer zu Gast im November 2016, und bringt einen wichtigen Aspekt so auf den Punkt: „Wir müssen die Demokratie vor den Demokraten schützen“. Zumindest vor jenen Demokraten, die nicht mehr in Alternativen denken. „Alle Politik wird nur noch als Sachzwang exekutiert“, sagt Nachtwey und spricht vom Zustand der „Postdemokratie“.

Ist der Osten anders? Herausgegeben von Jens Bisky, Enrico Lübbe und Torsten Buß. Theater der Zeit; 164 Seiten, 16 Euro Quelle: Theater der Zeit

Teil zwei des Buches bringt einen Themenschwenk, lehnt sich an die Doppelinszenierung „Die Maßnahme/Die Perser“ von Enrico Lübbe an, bezieht sich vor allem auf Brechts „Maßnahme“ von 1930. Der Historiker Gerd Koenen spricht über „Erzählungen vom Kommunismus und ihr Verhältnis zur Realität“, Willi Winkler hält einen Vortrag über die RAF, und Karl Schlögel ordnet im Gespräch mit Bisky die Moskauer Schauprozesse von 1937 ein.

Das sind nicht nur historisch erhellende Beiträge, der Bezug zur Gegenwart stellt sich her: Letztlich landet man bei Misiks „erschöpfter Gegenwart“ oder bei Bude, der „akzeptierte Verlierer“ als notwendig für den Zusammenhalt einer Gesellschaft begreift. Doch für Verlierer gebe es keinen Marx mehr und keine andere Erzählung, die, so Bude, sagt: „Die Geschichte ist auf eurer Seite.“

Koenen wiederum zieht die Linie bis zum heutigen China, blickt auf die Verbindung von Kommunismus mit radikalem Kapitalismus. Dennoch sei die chinesische KP „in ihrer Grundstruktur doch klassisch leninistisch“ organisiert. China wirkt als Konkurrenz-Modell heute mit Wucht auf die liberalen Demokratien des Westens zurück – auch so schließt sich Teil zwei des Buches an die Debatte über die Gegenwartsgesellschaften des ersten Teils an.

Manches bleibt fragmentarisch

Die Beiträge vernetzen sich in der Rückschau. Und der Leser erhält durch die pointierten, meist im wörtlichen Gespräch geäußerten Gedanken, schnell erhellende Einblicke, meist ohne den sperrigen Wissenschafts-Jargon vieler Sachbücher. Dass manche Herleitung oder Erklärung fragmentarisch bleibt, liegt in der Natur der Sache eines Gesprächsbandes. Für Vertiefung verweist ein Anhang auf die Publikationsliste der Diskutanten.

Begonnen wurde die Experten-Reihe am Schauspiel 2015, angeschlossen an die Inszenierung „Die Schutzflehenden/Die Schutzbefohlenen“ loteten die Gäste das Thema Flucht und Vertreibung aus, zusammengefasst im Buch „Du weißt ja nicht, was die Zukunft bringt“.

Beharren und Widerspruch

„Bei den Hintergrund-Recherchen zu der Inszenierung haben wir gemerkt, wie viele Nebenaspekte berührt sind. Die Erkenntnisse wollten wir mitliefern“, erklärt Torsten Buß die Entstehungsgeschichte der Gesprächsreihe, die aktuell unter dem Titel „30 Jahre später“ ihre Fortsetzung findet

Zum Auftakt des vierten Debatten-Jahrgangs am 4. April hat Jana Hensel bereits auf der ostdeutschen Identität beharrt und Budes Sicht vom Ende des typischen Ost-West-Gegensatzes widersprochen. Vielleicht ist ihre Diskussion mit Frank Richter eines Tages ebenfalls nachzulesen. Einstweilen lohnt sich die Lektüre von Band II.

Nächster Gesprächstermin: „Leipzig in den 90er Jahren“ mit Ursula Lehmann-Grube und Andreas Voigt; 13. Juni, 20 Uhr, Zeitgeschichtliches Forum, Grimmaische Straße 6

Ist der Osten anders? Herausgegeben von Jens Bisky, Enrico Lübbe und Torsten Buß. Theater der Zeit; 164 Seiten, 16 Euro

Von Dimo Riess

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