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Kultur Regional Iva Pekárková schreibt Romane mit dem Blick einer Reporterin
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19:44 27.12.2018
Iva Pekárková schreibt derzeit in Leipzig an ihrem kommenden Roman und lässt sich von den Graffiti neben der Kulturfabrik in Connewitz inspirieren. Quelle: Katerina Lepic
Leipzig

„Da ist es“, sagt Iva Pekárková und zieht nach kurzem Wühlen ein Buch aus ihrer Tasche. „Trísky“ steht auf dem Cover, das bläuliche Flächen zeigt, verschwommene Unschärfen, angedeutete Bruchlinien. Pekárková denkt nach und sucht nach einer Übersetzung für „Trísky“, ihren jüngsten Roman, im Oktober erschienen.

„Splitter“, sagt sie schließlich über ihren Cappuccino hinweg, um sich gleich darauf zu korrigieren im Lärm des Innenstadt-Cafés. „Nein, nicht Splitter. Bruchstücke vielleicht.“ Leichter übersetzen lässt sich der Untertitel. Man muss kein Tschechisch verstehen, um die Worte „Roman“ und „investigative Reportage“ zu entziffern. Was gilt denn nun?

„Beides“, sagt Pekárková, die den Dezember über im Rahmen des tschechisch-deutschen Residenzprogramms in Leipzig schreibt. Die meisten ihrer Bücher basieren auf genau recherchierten Ereignissen oder eigenen Erfahrungen, die sie im Laufe des Schreibprozesses verfremdet und zu einem Roman verdichtet.

Ein Happy End lässt auf sich warten

„Trísky“ ist die Geschichte einer starken Frau, die auf den Rollstuhl angewiesen ist, aber ihr Leben meistert, einen Sohn großzog, einen Job hat, sich für wohltätige Zwecke engagiert. Irgendwann begann sie mit Computerspielen im Internet – und so wurde aus dem Roman ein Liebesroman. Sie traf im virtuellen Raum der Online-Spiele einen pakistanischen IT-Spezialisten, heiratete ihn später auf Sri Lanka.

Pekárková arbeitete langsam an dem Roman, weil sie ein wahres Happy-End schreiben wollte. Doch das will sich bis heute nicht einstellen. Die tschechische Regierung betrachtet die Verbindung als Schein-Ehe und verweigert dem Pakistaner die Einreise. Sie ignoriert sogar einen gegenteiligen Gerichtsbeschluss. Pekárková hat sich durch die Akten gequält. Das Originalmaterial ist in ihren Roman geflossen – authentisch bis zu den Schreibfehlern der Behörden.

„Mein Roman reflektiert, was mit dem Land geschieht“, sagt Pekárková. Ein Land, von dem sie erwartet hätte, dass es mehr macht aus seiner Freiheit, als sich einzuigeln und mit Argwohn auf alles Fremde zu schauen. „Aber das ist eine generelle Tendenz“, sagt sie.

Eine Tendenz, die mit dem Brexit auch ihre Wahlheimat Großbritannien eingeholt hat. Über Konsequenzen für sie denkt Pekárková nicht nach. „Die Dinge ändern sich wöchentlich. Ich weigere mich, mir Sorgen zu machen.“

Flucht vor offenem Rassismus

Seit 2005 lebt sie mit ihrem nigerianischen Freund in London. Das Leben ist unbeschwerter als in Tschechien. Pekárková erzählt von subtilem Druck ihr gegenüber und offenem Rassismus, den ihr Partner dort erdulden musste. „In London dreht sich keiner nach uns um.“ Und beide erlebten durch ihre jeweilige Prägung die Umwelt unterschiedlich. „Wir vergleichen. So bringt er mich auf die besten Stories.“

Pekárková wurde 1963 in Prag geboren. Und schon einmal hatte sie ihrer Heimat den Rücken gekehrt, damals, zu Beginn der 80er Jahre in der sozialistischen Tschechoslowakei. „Es war die Zeit, als alles innerhalb bestimmter Normen abzulaufen hatte. Wir waren überzeugt, dass es keine Chance auf Veränderung gab – höchstens, dass es noch ein bisschen grauer und noch ein bisschen depressiver werden könnte.“

Taxifahrerin in New York

Pekárková war Anfang 20, hatte Biologie studiert und entschied sich für die Flucht über das damalige Jugoslawien. Über ein Flüchtlingslager in Österreich gelang der Sprung in die USA.

„Es heißt, ein richtiger amerikanischer Autor muss arm gewesen sein und jeden Job gemacht haben. Den Weg bin ich gegangen“, erzählt Pekárková. Sie hat sich erst in Boston durchgeschlagen und wurde später Taxifahrerin in New York, chauffierte ihre Kundschaft in einem der typischen Yellow Cabs durch die Großstadt. Vor allem weil sie, anders als in einer Festanstellung, jeden Tag neu entscheiden konnte, ob sie arbeiten wollte.

Ob sie damals schon wusste, als sie ihr altes Leben hinter sich ließ, dass sie Autorin werden wollte? Pekárková muss lachen. „Das wusste ich schon, bevor ich schreiben konnte.“ Der Schriftstellertraum reifte mit vier.

Zur Buchmesse kommt „Noch so einer“

Ihre New-York-Erfahrungen hat sie dann in dem Roman „Taxi Blues“ verarbeitet, durch den typische Big-Apple-Figuren geistern, Verrückte und Einwanderer. Und eine Protagonistin, die am Steuer eines Taxis sitzt und sich in einen Senegalesen verliebt, dessen traditionelle Stammesgeister noch durch dessen modernes Großstadtleben spuken.

Taxi Blues“ im Jahr 2000, zuvor bereits „Truck Stop Rainbows“ (1995) wurden vom Piper Verlag auf Deutsch veröffentlicht. Im kommenden Jahr zur Buchmesse soll die Erzählung „Noch so einer“ im Wieser Verlag auf Deutsch erscheinen.

Dazwischen klafft für deutschsprachige Leser eine beträchtliche Lücke im Werk der Tschechin, leider, denn die gebürtige Pragerin verhandelt zupackend und gesegnet mit einem reichen Erfahrungsschatz Themen unserer Zeit, vor allem den ungebremsten Aufschlag der Globalisierung.

Leipzig-Aufenthalt zum richtigen Moment

Literarisch ist die Autorin jedoch gerade in die Vergangenheit getaucht. Ihr kommender Roman spielt in der DDR. Es geht um das Erwachsenwerden in einem sozialistischen Land. In einer Atmosphäre, wie sie sie als Jugendliche empfunden hat. „In Leipzig kann ich über die Vergangenheit reflektieren, auch wenn das Buch eher in einer Nicht-Zeit angesiedelt ist.“

So kommt der Leipzig-Aufenthalt zum richtigen Moment, um sich außerhalb von London in den Schauplatz einzufühlen und das neue Buch in Schwung zu bringen. Connewitz und die Graffiti an alten Mauern inspirieren sie.

Nur all die Weihnachtsmärkte in der Stadt machten ihr zu schaffen. „Ich wünschte, ich wäre nicht gegen Weihnachten allergisch“, sagt sie und lacht. „Aber ich werde überleben.“ Wer ihre Lebensgeschichte kennt, zweifelt daran nicht.

Residenz-Programm für Autoren

Tschechien ist Gastland der Leipziger Buchmesse 2019 (21.–24. März). Im Rahmen eines Residenzprogramms für den Austausch deutscher und tschechischer Schriftsteller leben und arbeiten fünf Autoren aus dem Nachbarland für jeweils einen Monat in Leipzig. Im Gegenzug erhalten fünf deutsche Autoren die Möglichkeit für einen Aufenthalt in Brünn (Brno). Unterstützt wird das Programm von der Mährischen Landesbibliothek, der Leipziger Buchmesse, den Städten Leipzig und Brünn und dem Goethe-Institut Prag sowie der Leipziger Wohnungs- und Baugesellschaft. Vor Iva Pekárková waren Petr Borkovec, Jaromir Typlt und Kateřina Tučková in Leipzig zu Gast, als letzte Autorin kommt Lucie Lomová. Gleichzeitig können die deutschen Autoren Luise Boege, Bettina Hartz, Isabelle Lehn, Roman Israel und Bernhard Setzwein für jeweils vier Wochen in Brünn leben und arbeiten.

www.ahojleipzig2019.de

Von Dimo Rieß

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