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Kultur Regional Jacob Peters-Messer inszeniert, Elisa Gogou dirigiert Dvoráks „Katja und der Teufel“
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14:02 27.05.2019
Katja (Rita Kapfhammer) auf dem Rücken des Teufels Marbuel (Ulf Paulsen) in der Hölle. Quelle: Claudia Heysel / Anhaltisches Theater.
Dessau

Die Sprache ist ein Problem – und das ist ein Segen. Weil nämlich Antonín Dvorák die Musik seiner 1899 komponierten Oper „Katja und der Teufel“, in Deutschland hin und wieder gespielt als „Teufelskäthe“, untrennbar eng ans tschechische Libretto Adolf Wenigs schmiegte, hat sich mittlerweile herumgesprochen, dass diese Oper unübersetzbar ist. So bleibt ihr die branchenübliche Verstümmelung heute meist erspart – die Aufführung aber, und das ist die Kehrseite, allerdings auch. Denn während „Cert a Káca“ bei unseren Nachbarn nach der triumphalen Uraufführung in Prag vom Start weg ein Dauerbrenner für die ganze Familie wurde, kennt hierzulande kaum jemand mehr als die Ouvertüre.

Musikalisch eine sichere Bank

Schon darum lohnt sich der Weg nach Dessau-Rosslau, wo die Märchenoper am Wochenende im nur mäßig besuchten großen Theater Premiere feierte. Denn musikalisch sind die Opern des reifen Giganten Antonín Dvorák eine sichere Bank: Wie wenig später Richard Strauss schwenkte auch er ins Opernfach ein, als er als Sinfoniker bereits den Olymp erklommen hatte. Und so hat „Katja und der Teufel“ alles, was ein Meisterwerk aus Dvoráks Feder ausmacht: rhythmische Kraft und harmonischen Zauber, klanglichen Charme und folkloristische Wurzeln, dazu Melodien in verschwenderischer Fülle – bis ins filigrane Gespinst der Mittelstimmen hinein.

Sie liegen der Dessauer Kapellmeisterin Elisa Gogou am Herzen. Mehr als alles andere. Drum opfert sie auf dem herrlichen Altar der überdies leit- und erinnerungsmotivisch eng verzahnten Nebenstimmen allzu bereitwillig die übrigen Parameter. Allen voran Tempo und Präzision. So kommt schon die Ouvertüre nicht recht aus den Hufen, klappern Bühne und Graben auf allzu weiten Strecken in erstaunlicher Entfernung hintereinander her, was zu aparten polyphonen Effekten führt. Und dem zarten Glanz, dem federnden Schmelz der Streicher sitzen nur einige der Bläser auf Augenhöhe gegenüber. Im Holz eher als im Blech.

Unwiderstehlicher Charme

Und doch entfaltet Dvoráks Partitur vom ersten Takt an ihren unwiderstehlichen Charme. Weil sie das Märchen von der so zänkischen wie notgeilen Jungfer, bei deren Anblick selbst die Teufel in Schockstarre verfallen, so zielstrebig vorantreibt wie einen Slawischen Tanz in drei Akten mit jeweils gänzlich anderer Farbe bei gleichem motivischem Ausgangsmaterial. Dort hinein flechten sich die Singstimmen mit ihrer virtuos entwickelten musikalischer Prosa.

Sie tun es auf recht unterschiedlichem Niveau: Wunderbar beweglich, funkelnd und quecksilbernd Rita Kapfhammer in der Titelrolle. Mit bemerkenswert sinnlicher und satt tönender Ernsthaftigkeit Iordanka Derilova als Fürstin. Mit solidem Glanz und sicherer Kondition in der mörderischen Tenor-Partie des Schäfers Jirka Richard Samek. Allzu leichtgewichtig legt Ulf Paulsen den Teufel Marbuel an. Der Rest vom solistischen Personal deckt lückenlos das weite Spektrum zwischen akzeptabel und solide ab. Und der im Prinzip schön klingende Chor Sebastian Kennerknechts bekommt bis zum Ende seine Timing-Probleme nicht in den Griff.

Im Dienste der Verständlichkeit

Was Jakob Peters-Messer da geschehen lässt auf der von Markus Meyer sparsam sprechend und in Signalfarben möblierten Bühne, auf der Sven Bindseil die Dorfgesellschaft folkloristisch, die Teufels-Bande in kühnem Magenta, die bei Hofe in trostloses Schwarz kleidet, vermittelt sich bis ins Detail auch ohne tschechische Sprachkenntnisse – und auch ohne mit dem Blick ständig an der Übertitelung zu hängen. Denn Jakob Peters-Messer, der der Oper Leipzig in der vergangenen Saison einen fabelhaften „Don Carlos“ schenkte, setzt auf szenische Logik im Dienste der Verständlichkeit – meist hart an der Musik navigierend.

Im Zentrum des milde politisierenden Märchens steht der Schäfer Jirka, der am Ende reich belohnt wird für seine Mühen, ständig wen aus der Hölle holen oder vor ihr bewahren zu müssen. Dessen Tatkraft überzeichnet Richard Samek bis zur Karikatur. Da trifft er sich mit Paulsens Marbuel, der allzu ungehemmt mit den Fingern fuchtelt und dazu sein Heil im Grimassieren sucht. Szenisch überzeugen Kapfhammers Katja und die Fürstin Derilovas weit mehr. Xanthippe die eine, Tragödin die andere. Die erste hat die Lacher sicher auf ihrer Seite, die zweite diesen oder jenen Seufzer angesichts der Läuterung von der entschieden bösen zur überraschend guten Regentin. Der Chor lässt szenischen Spielraum, Nigel Watsons Unterwelt-Choreographie ist auch im übertragenen Sinne unterirdisch.

Viel Licht wirft nicht wenig Schatten

Kurzum: Da wirft viel Licht nicht wenig Schatten. Was indes nichts daran ändert, dass die zweieinhalb Brutto-Stunden im exzellent klingenden Haus wie im Fluge vergehen. Weil die Inszenierung den Fokus aufs jeweils wichtigste Detail richtet, das Peters-Messer klug mit sanften Gags umgibt. Und, vor allem, weil Antonín Dvoráks bezaubernde Musik sich als strahlende Siegerin erhebt über all die Lässlichkeiten und offenen Fragen dieser Premiere.

Drum ist der Jubel am Ende laut und ausdauernd. Er schließt alle Beteiligten generös mit ein. Und ist unterm Strich berechtigt. Denn dieses hinreißende Stück Musiktheater ist eine der interessantesten Entdeckungen der Saison.

In dieser Spielzeit gibt’s nur noch eine Aufführung: Samstag, 1. Juni, 17 Uhr; Karten (18–37 Euro) und Infos: www.anhaltisches-theater.e

Von Peter Korfmacher

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