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Kultur Regional Jahresausstellung: Nach den Kontroversen steht die Kunst im Mittelpunkt
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18:31 12.06.2019
Ungewöhnliche Ausstellungsbesucher: Am Mittwoch machten sich Polizeibeamte ein Bild von der Sicherheitslage in der Ausstellung und nutzten die Zeit, um sich die Kunst anzusehen – zum Beispiel Werke von Carsten Goering. Quelle: Dirk Knofe
Leipzig

Nun kann man die Leipziger Jahresausstellung also doch noch nach rein ästhetischen Gesichtspunkten, nach der künstlerischen Qualität der Werke betrachten. Nach Protesten eingeladener Künstler, dem Ausschluss eines weiteren, der folgenden Ausstellungsabsage und dann der Absage der Absage hat die Werkschauhalle mit der 26. Jahresausstellung neuerer Zählweise seit Mittwoch geöffnet. Eine Vernissage gab es nicht, Preisträgerin oder Preisträger bleiben noch zu ermitteln.

Nach heftigen Kontroversen eröffnete die 26. Jahresausstellung am Mittwoch. Und sie ist sehenswert

Es geht schon stark los im ästhetischen Sinne. Die Bilder der in Neuseeland lebenden Britin Lisa Chandler zeigen Menschen im Aufruhr, wie sie heute täglich über die Bildschirme flimmern. Sie bleiben unpersönlich, auch das Thema ihres Protests wird nicht sichtbar. Die aufrechte Haltung wird in der Isolation zum reinen Sujet, inhaltsbefreit.

Querschnitt aktueller Kunst

Gesellschaftliche Positionen sind auch sonst eine Seltenheit in der Ausstellung. Darin unterscheidet sie sich aber nicht von den Vorauflagen. Es geht um einen kleinen Querschnitt aktueller Kunst in Leipzig inklusive einiger ortsfremder Gäste. Es geht nicht um Statements. Das Ausrufezeichen, das in diesem Jahr als räumlich bescheidenes, inhaltlich aber um Aufmerksamkeit gierendes Motto gewählt wurde, war offenbar nicht im Sinne einer politischen Standortbestimmung gemeint. Dazu ist es erst im Nachhinein geworden.

Wer häufig in Leipzig Galerien und Museen besucht, kennt manche der Vertretenen zumindest durch ältere Arbeiten. So Johannes Rochhausen mit seinen menschenbefreiten Atelierinterieurs. Oder Robert Seidel, dessen älteren Computergame-Oberflächen nachempfundene Malerei vor einiger Zeit in der G2 Kunsthalle zu sehen war. Auch der aus Paris stammende Dresdener Cyril Massimelli war schon mehrfach bei The Grass is Greener zu sehen. Sein Thema ist die Langeweile junger Vertreter des gutsituierten Bürgertums, dass er in altmeisterlich anmutenden Gemälden darstellt. Arno Bojak, ein Berliner, war sogar schon mal bei der Jahresausstellung vertreten. Doch sein Stil hat sich deutlich verändert, die Malerei ist linearer und flächiger geworden. Und Nelly Schmückings Tierplastiken kann man zur Zeit noch sogar im MdbK betrachten.

Zur Tradition ist es geworden, einen nicht mehr ganz jungen Künstler zu ehren. Das ist in diesem Jahr Dietrich Burger, Jahrgang 1935. Der frühere HGB-Professor malt in einem ruhigen, zurückhaltenden Stil, angelehnt an Meister der Klassischen Moderne.

Post-Internet-Art trifft historisierende Sujets

In diesem Jahr dominiert die Malerei, auch wenn die Abstraktion dabei – nicht überraschend für Leipzig – Seltenheitswert hat. Carsten Goering steuert immerhin einige Strukturen bei. Zu den fotografischen Positionen gehören zwei großformatige C-Prints von Björn Siebert, denen er den Titel „Remake“ gab. Die Aufnahmen nackter Menschen scheinen perfekt inszeniert, sind es auch. Doch die Vorlage bilden Schnappschüsse aus dem Netz. Post-Internet-Art also. Neben einer Plastik zeigt auch Otto Berndt Steffen zwei Fotos. Dabei geht es um den Abriss der Propsteikirche und den Neubau der Unikirche in Leipzig, aber mehr interpretierend als dokumentierend.

Carina Linge, vor Jahren durch eine fotografische Leonardo-Interpreation bekannt geworden, stellt ein mehrteiliges Tableau vor. Auch hier überführt sie heutige Sujets in eine historisierende Anmutung. Zu den räumlichen Installationen gehören Laura Eckerts Holzplastiken ebenso wie Lucy Königs kaskadenartig fließende weiße Wellen mit dem Titel „embedded“.

Ausgewogene Mischung der Genres und Handschriften

Wieder einmal haben die Organisatoren es geschafft, eine ausgewogene Mischung der Genres und Handschriften hinzubekommen, solides künstlerisches Können bestimmt den Gesamteindruck. Doch kann man die 26. Leipziger Jahresausstellung, die mit dem Ausrufezeichen, wirklich rein ästhetisch betrachten? Vier ursprünglich ausgewählte, auch im Katalog vorkommende Namen, fehlen in der Werkschauhalle. Der in Berlin lebende Moritz Frei zog seine Beteiligung zurück, als er erfuhr, dass der Leipziger Maler Axel Krause dabei ist. Er wollte Installationen aus Legoteilen zeigen, die so absolut nicht zusammen passen wollen und darum „Fuck the System“ heißen. Auch Maribel Mas mit ihren linearen Überlagerungen und Oskar Schmidt mit seinen reduzierten Fotoarbeiten verzichteten freiwillig auf die Anwesenheit. Nicht so Axel Krause. Er wurde letztlich vom Trägerverein von der Beteiligung ausgeschlossen. Die beiden Gemälde, die er zeigen wollte, sind unpolitisch. Eine Badszene mit überdimensionaler Taube in der Tür sowie eine kühl gehaltene surreale Landschaft.

Eine Arbeit setzt sich mit Axel Krause auseinander

Felix Leffrank, ein junger Leipziger, hat seine Teilnahme trotz Protests nicht zurückgezogen. Von ihm ist eine räumliche Installation zu sehen. In einem Holzkasten, äußerlich von etwas Ähnlichem wie Tapetenmustern dekoriert, wachsen Pflanzen unter künstlichem Licht. Seitlich ist ein Videoprojektor angebracht. In dem Film erzählen der Maler dieser Muster und sein „böser Zwilling“, wie Leffrank die zweite Person nennt, über die Entstehungsweise der Bilder, trinken zwischendurch aber auch gemeinsam Bier. Ganz normale Nachbarn, Menschen wie du und ich. Wie Axel Krause.

Nein, man kann diese 26. Leipziger Jahresausstellung nicht mehr rein ästhetisch, ideologiefern ansehen. Die Zeit der unbefleckten Empfängnis ist vorbei.

26. Leipziger Jahresausstellung: !; Werkschauhalle, Spinnereistr. 7, bis 30. Juni, Di–Fr 13–18 Uhr, Sa 11–16 Uhr, So 14–18 Uhr

Von Jens Kassner

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