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Kultur Regional Wegen AfD-nahem Künstler: Leipziger Jahresausstellung abgesagt
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20:31 02.06.2019
Tür zu: In der Werkschauhalle der Spinnerei sollte am 6. Juni die 26. Leipziger Jahresausstellung eröffnet werden, am Wochenende wurde sie abgesagt. Quelle: Christian Modla
Leipzig

Ein Ausrufezeichen sollte sie setzen, die 26. Leipziger Jahresausstellung, schon im Titel. Nach Fragezeichen um die Teilnahme des AfD-nahen Künstlers Axel Krause, dem Rückzug eines beteiligten Künstlers, Protesten gegen den unreflektierten Umgang mit Krause in der Schau und überregionaler Aufmerksamkeit setzt die renommierte Leipziger Institution nun ein Leerzeichen. Die Schau, die am 6. Juni in der Werkschauhalle 12 der Spinnerei eröffnet werden sollte, findet nicht statt.

Vereinsvorstand: Politische Neutralität in diesen Zeiten unmöglich

In den vergangenen Tagen überschlugen sich die Ereignisse: In der Nacht zu Samstag teilte der Vorstand des Leipziger Jahresausstellung e.V. (LIA) mit, Axel Krauses Beitrag zur 26. Jahresausstellung auszuschließen. „Die öffentlichen Äußerungen Axel Krauses widersprechen den ethischen Grundsätzen unseres Vereins. Wir können an dieser Stelle nicht mehr die Kunst vom Künstler trennen. Die Ereignisse der letzten Tage haben uns die politischen Dimensionen der Auswahl der Bilder Axel Krauses vor Augen geführt“, heißt es in einer Pressemitteilung. Und weiter: „In Konsequenz dieser Einschätzung tritt der Vorstand des Leipziger Jahresausstellung e.V. zum 1. Juni 2019 geschlossen zurück. Politische Neutralität erweist sich in diesen Zeiten als unmöglich. Der Verein bekennt sich zur Freiheit der Kunst.“ Eine Absage der Ausstellung wurde zunächst nicht erwogen: „Die Eröffnung der 26. Jahresausstellung findet am 6. Juni 2019 um 20 Uhr statt.“

Am Samstag die nächste Kehrtwende. In einer weiteren Mitteilung sagte der kommissarische Vorstand die Jahresausstellung ab. „Der komplett ehrenamtlich arbeitende Verein sieht sich nicht in der Lage, einen Veranstaltungsablauf wie in den vergangenen 25 Jahren zu gewährleisten. Zudem ist Vereinsmitgliedern, ausstellenden Künstlern, Förderern und Besuchern die insbesondere in den letzten beiden Tagen stark politisierte und aufgeheizte Situation nicht zuzumuten.“ Der Verein werde sich nun neu konstituieren.

Mehrzahl der Künstler: Entscheidung erscheint überstürzt und unprofessionell

Die Mehrzahl der ursprünglich 37 an der Jahresausstellung beteiligten Künstler reagierte auf die Entscheidung des amtierenden Vorstands mit Verwunderung: „Die Entscheidung scheint überstürzt und unprofessionell. Wenn sich der zurückgetretene Vorstand aufgrund der politischen und medialen Aufgeregtheit im Vorfeld der Eröffnung außerstande fühlt, die Veranstaltung durchzuführen – was bedauerlich aber nachvollziehbar ist – ist er es doch den Künstler*innen, Vereinsmitgliedern, Förderern, Ehrenamtlichen etc. schuldig, dafür zu sorgen, dass die Veranstaltung, organisiert durch eine professionelle Vertretung planmäßig stattfinden kann“, heißt es in einer von 22 Künstlern unterzeichneten der LVZ vorliegenden Stellungnahme zur Absage der Schau. Man habe weder den Ausschluss Axel Krauses aus der Ausstellung, noch den Rücktritt des Vorstands gefordert, begrüße aber die Erklärung des Leipziger Jahresausstellung e. V. als „längst überfällige und ausstehende klare Positionierung gegen Hass und Intoleranz“.

Der Künstler Rainer Schade, langjähriger Vorsitzender des Vereins Leipziger Jahresausstellung, hatte zunächst auf das Verfahren verwiesen, mit dem die Teilnehmer ausgewählt werden. „Das einzige Kriterium ist die Qualität der Arbeiten, da lässt uns die Satzung keinen Spielraum“, sagte Schade vor knapp zwei Wochen.

Axel Krause Kuratoriumsmitglied in von AfD gegründeter Stiftung

Wie berichtet hatte sich Axel Krauses Galerie Kleindienst in der Spinnerei im August 2018 nach 14-jähriger Zusammenarbeit von ihm getrennt, weil sie seine politischen Ansichten beziehungsweise öffentlichen Äußerungen „weder teilen noch mittragen wollte“, wie Galerist Christian Seyde sagte. Die Galerie Kleindienst hatte daraufhin viel Solidarität aber auch wüste Beschimpfungen bis hin zur Morddrohung erhalten. Krause unterstützt auf Facebook die AfD. Pegida, die AfD und die Identitären nennt er einen „zu begrüßenden Beitrag zur Gesellschaft“. Der 1958 in Halle geborene Künstler ist Mitglied des Kuratoriums der von der AfD gegründeten Desiderius-Erasmus-Stiftung.

Der LVZ sagte er nach Bekanntwerden der Kritik an seiner Teilnahme am 22. Mai: „Man kann doch eine Partei ablehnen, aber wegen so etwas würde ich nicht eine Ausstellung verlassen.“ Er sei jederzeit zu einem Gedankenaustausch bereit, auch im Rahmen der Ausstellung. Wie der aussehen könnte, deutete Krause vor wenigen Tagen auf Facebook an, da war über die Absage der Schau noch nicht entschieden: „Der entartete Künstler Axel Krause ist in diesem Jahr bei der 26. Jahresausstellung Leipzig mit zwei auffällig unverfänglichen, apolitischen Arbeiten vertreten! Die Strategie des Volksschädlings, sich unpropagandistisch zu zeigen, ist die Maskerade des Wolfs im Schafspelz in Perfektion!“

Was vermutlich ironisch daherkommen soll, ist eine typische rechte Stilfigur: Wer auf Kritik und Protest trifft, stellt sich als Opfer einer angeblichen „Gesinnungsdiktatur“ dar. Sich in eine Linie mit den von den Nazis verfemten, mit Malverbot belegten, ins Exil gezwungenen oder in den Suizid getrieben „entarteten“ Künstlern zu stellen, kann nur als ahistorischer Zynismus bezeichnet werden. Zudem hat sich keiner der Kritiker zu Qualität und Inhalt von Krauses Malerei geäußert, sondern ausschließlich zu seiner politischen Haltung.

Künstler fordern: Schirmherr Burkhard Jung soll sich für Jahresausstellung einsetzen

Die Mehrheit der Künstler wollte die Teilnahme Krauses, dessen Werke gerade in Potsdam gezeigt werden, zum Anlass nehmen, zur Eröffnung und während der Ausstellung ein klares Zeichen für die Freiheit der Kunst und Weltoffenheit zu setzen: „Wir, ein Großteil der Künstler*innen der LIA stehen für Pluralismus, Diversität und Humanismus – wir positionieren uns klar gegen Xenophobie & Rassismus.“ Der Verein wird aufgefordert, die im Vorstand offenbar umstrittene Entscheidung zurückzunehmen: Der vom Verein als Begründung für die Absage angegebenen politischen Aufladung werde nur weiterer Raum gegeben, heißt es in der Mitteilung weiter. Gerade deshalb müsse die Jahresausstellung stattfinden. „Wir möchten alle und insbesondere den Schirmherrn der Veranstaltung Burkhard Jung dazu aufrufen: Unterstützt uns in unserem Anliegen.“

Dem Vernehmen nach ist der Jahresausstellung, die in der Werkschauhalle als Mieter auftritt, auch seitens der Spinnereigalerien eine Absage der Schau empfohlen worden. Man fürchtet sich um das Image des überregional bekannten Galeriestandortes. Er habe die Einladung Krauses zur Teilnahme als Affront und Provokation gegen die Galerie Kleindienst und die anderen Spinnerei-Galerien verstanden, sagte Galerist Jochen Hempel in einem Interview mit der Online-Ausgabe des Kunstmagazins „Monopol“. Man werde medial in eine Ecke gestellt, „in der wir nicht stehen“, sagte er.

Verein vor Selbstfindung in schwierigen Zeiten

Nun liegt viel zerschlagenes Porzellan herum. Die politische Großwetterlage mit einer Partei, deren Vertreter eine „Entsiffung des Kulturbetriebs“ anstreben, wirft ihren Schatten auf den internationalen Kunstort Spinnerei. Und ein Verein, der in den vergangenen drei Jahrzehnten unter prekären Bedingungen enorm viel im Leipziger Kunstleben bewegt hat, steht vor einer schwierigen Selbstfindung in schwierigen Zeiten. Die Zeichen haben sich geändert.

Von Jürgen Kleindienst

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