Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Kultur Regional Jakub Hruša und Behzod Abduraimov zu Gast beim Leipziger Gewandhausorchester
Nachrichten Kultur Kultur Regional Jakub Hruša und Behzod Abduraimov zu Gast beim Leipziger Gewandhausorchester
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:28 22.03.2019
Der Dirigent Jakub Hruša Quelle: MADERYC
Leipzig

Ein merkwürdiges Programm hat dieses Große Concert, das auf den ersten Blick mit seinem „Fokus Böhmen“ so fabelhaft gut passt zum Buchmesse-Gastland Tschechien. Im Prinzip geht Leoš Janáceks Dostojewski-Oper „Aus einem Totenhaus“ ebenso gut wie Sergej Prokofjews Tolstoi-Musiktheater „Krieg und Frieden“ zusammen mit den politischen Implikationen des Lese- und Debatten-Festes. Bei näherem Hinsehen allerdings taugen beide kaum für den Konzertsaal, weil die beiden sinfonischen Suiten nicht geeignet sind, auch nur einen Bruchteil der musikalischen Substanz und dramatischen Wucht zu transportieren.

Eine Art Potpourri

Bei Janácek, aus dessen in den späten 20ern entstandener Oper František Jilek 1990 erst die Suite generierte, die Jakub Hruša beim Gewandhausorchester dirigiert, fallen die Fehlstellen noch stärker ins Gewicht, weil die Reduktion auf eine Art Potpourri dem Proto-Minimalismus dieser Musik nicht den Raum lässt, den er braucht, um seine aus Sprache geborenen Phrasen aufzufächern.

Souverän kapellmeisternd

Und dennoch: Was das Gewandhausorchester unter dem im besten Sinne souverän kapellmeisternden Hruša, Chefdirigent der fabelhaften Bamberger Sinfoniker, und um die beiden sensationellen Konzertmeister-Solisten Andreas Buschatz und David Wedel aus den beklemmend herben Silbenketten herausholt, sagt unmissverständlich: Dieses Orchester sollte häufiger Janácek spielen. Auf beiden Seiten des Augustusplatzes. Denn die sinnliche Dringlichkeit dieser Musik findet selbst aus der harmlosen Konzert-Suite heraus ihren Weg an die Kehle des Zuhörers.

Gebrochener Ex-Neutöner

Prokofjew liegt dem Orchester selbstredend auch. Beim gebrochenen Ex-Neutöner der späten sowjetischen Jahre liegt der Fall allerdings etwas komplizierter. Denn anders als Schostakowitsch gelang es dem Rückkehrer aus dem US-Exil kaum noch, doppelte Böden in seine Musik einzuziehen. Und so feiert seine späte Tolstoi-Oper „Krieg und Frieden“ allzu offensichtlich Stalins Sieg im Großen Krieg, der im Jahr der Uraufführung 1946 noch in Köpfen und Herzen weitertobte.

Soundtrack-Best-of

Noch komplizierter ist dies in Christopher Palmer gut 40 Jahre später entstandener Konzert-Suite, die die schönsten, die gefälligsten, die wirksamsten und leider auch die harmlosesten Episoden der Oper aneinanderreiht, als sei es ein Soundtrack-Best-of. Auch das klingt im Gewandhaus unter Hrušas uneitlem, präzisem und sinnlichem Schlag schön und eindrucksvoll vom ersten bis zum letzten Ton. Aber eben auch ein wenig hohl in seinem allzu selbstgewissen Pathos. Und so kommt ausgerechnet Sergei Rachmaninows zweites Klavierkonzert in diesem Konzert die Aufgabe des sinfonischen Zentrums der Großen Concerte dieser Woche zu.

Meisterstück des Genres

Die Substanz dieses über alle Maßen populären Konzertes gibt es her. Denn halbseiden ist an diesem Werk nur die Rezeptionsgeschichte. Für sich genommen ist dieses am Anfang des letzten Jahrhunderts entstandene Konzert ein Meisterstück des Genres wahrhaft sinfonischer Klavierkonzerte.

Auftrumpfend üppig

Der Tscheche Hruša am Pult und der Usbeke Behzod Abduraimov am Klavier gehen es auftrumpfend bis üppig, sinnlich bis beinahe sentimental an, überschreiten aber, obschon ihre gemeinsame Ästhetik sehr viel plüschiger ausfällt als beispielsweise die Rachmaninows und Stokowskys mit dem Philadelphia Symphony Orchestra in den 40ern, in keinem Takt die Grenzen des Schicklichen. Weil Abduraimovs grandios farbsatter Anschlag weder im virtuosen Nahkampf-Getümmel noch beim Griff nach dem Taschentuch Details unterschlägt oder Strukturen.

Mehr Geläut als Glöckchen

Und weil Hruša und das Gewandhausorchester mit seinen prachtvoll satten Streichen und den herrlichen Bläsern diesem pianistische Rausch ohne Reue nichts schuldig bleiben, fällt der Jubel zur Pause angemessen gewaltig aus. Abduraimov bedankt sich dafür mit einer ebenso gewaltigen Liszt-Etüde: La Campanella auf den Spuren Paganinis beeindruckend virtuos aber eher als Il Campanone gespielt, mehr Geläut als Glöckchen.

Von Peter Korfmacher

Kommentare 0 Nutzungsbedingungen
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

„Schöpferisches Talent“ und „ein scharfkantiger Roman“ – am Donnerstag sind die Preise der Leipziger Buchmesse an Anke Stelling, Harald Jähner und Eva Ruth Wemme verliehen worden.

21.03.2019

Tag eins in der LVZ-Autorenarena: Unter anderem mit Feridun Zaimoglu, Ingrid Noll und Pavel Kohout startete die Leipziger Buchmesse 2019.

21.03.2019

Sie ist längst eine Institution der Buchmesse. Weil so viele Autoren für die Lange Leipziger Lesenacht in Frage kommen, zieht sie sich dieses Jahr zum zweiten Mal über zwei Abende. Zum Auftakt am Mittwoch hatte mal wieder Lokalmatador Clemens Meyer seinen Auftritt.

21.03.2019