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Kultur Regional Jugendtheaterclub bringt sein fünftes Stück auf die Bühne
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17:36 05.06.2019
Elektrische Geräte sind tabu: Wie gehen die Jugendlichen im Camp mit der filterlosen Realität um? Quelle: Dirk Knofe
Leipzig

Es sind die negativen Sachen, die mich interessieren“, sagt Christina Geißler. „Etwas Wunderschönes darzustellen wäre doch langweilig.“ Hinter der Theaterpädagogin erstrahlt die große Bühne der Musikalischen Komödie (MuKo) in giftgrünem Licht, wechselt auf Rot. Es ist die erste Beleuchtungsprobe für den Jugendtheaterclub der MuKo, der am Donnerstagabend seine mittlerweile fünfte Premiere feiert. „Sorry – not sorry“ heißt das Stück, es ist traditionellerweise eine Eigenproduktion. Thema: die Folgen von Cybermobbing.

2014 wurde der Jugendtheaterclub auf Geißlers Initiative hin gegründet. Sie arbeitet an der Oper Leipzig als Musiktheaterpädagogin und Dramaturgin für Kinder und Jugend, Leipzig ist ihre vierte Station und Deutschland eins von 16 Ländern, in denen sie bereits mit Jugendlichen zusammen gearbeitet hat.

Was beschäftigt die Jugendlichen?

„Ich kenne keinen Jugendclub, der so arbeitet, wie wir es an der MuKo tun“, sagt Geißler. Denn hier gibt es kein Casting und kein vorgefertigtes Stück. Auch in dieser Spielzeit hat Geißler Fragebögen an die 16-köpfige Gruppe ausgeteilt, auf denen die Spieler ab 17 Jahren ihre Sorgen, Gedanken und Ängste anonym zu Papier bringen konnten.

„Daraus haben sich verschiedene Themenfelder kristallisiert, unter anderem auch wieder das Thema gesellschaftlicher Druck, das wir im letzten Stück schon behandelt haben.“ Geißler nimmt die Gedanken der Spieler auf und schreibt basierend auf den Impulsen Szene für Szene ein maßgeschneidertes, brandaktuelles Stück – mit viel Liebe für die Figuren und einer gehörigen Portion Humor.

Digitale Entgiftung im Wald-Camp

Ging es in den letzten Produktionen noch um gesellschaftlichen Druck im Job oder in der Liebe, ist es nun das Phänomen Cybermobbing. Das Stück spielt im Wald: 14 Jugendliche begeben sich mit zwei Betreuern in ein Digital-Detox-Camp. Elektrische Geräte sind tabu und so beginnt die Auseinandersetzung mit dem realen und dem virtuellen Selbst, filterlose Realität und aufgehübschte Virtualität prallen dabei aufeinander. Jeder Campbesucher hat seine eigene Geschichte und seine eigenen Probleme.

Eine weitere Besonderheit des Jugendtheaterclubs: Die Jugendlichen bringen ihre eigenen Ideen ein, entwickeln selbst Konzepte für die Figur, die sie auf die Bühne bringen wollen. Christina Geißler stellt dabei immer sicher, dass die Rolle weit genug von den jungen Spielern entfernt ist. Sie spricht dabei von Rollenschutz. Und es wäre ja nicht der Jugendclub der Musikalischen Komödie, wenn nicht auch Musik eine Rolle spielen würde: Passend zu ihrer Figur können sich die Jugendlichen ein Lied suchen, das sie, im Stück eingebettet, singen.

Sogar aus Berlin pendeln die Spieler

Wer sich solistisch nicht sicher genug fühlt, kann auch bei den chorischen Nummern mitmachen. In der musikalischen Vorbereitung unterstützt seit der Spielzeit 2015/16 Korrepetitorin Kyung Hee Kim. Bei der Aufführung übernehmen die Spieler selbst die Begleitung auf dem Klavier. Insgesamt vier Pianisten sind es, darunter der 21-jährige Fabian Menzel. Er ist seit den Anfängen des Jugendtheaterclubs mit viel Herzblut dabei und nimmt für die Teilnahme an den Proben sogar weite Pendelstrecken auf sich, denn er studiert mittlerweile Theater- und Veranstaltungstechnik in Berlin.

„Sorry – not sorry“ ist für ihn jedoch in gewisser Weise eine Premiere: Er kümmert sich für ein Projektstudium um die Beleuchtung und hat dafür mit Geißler das Konzept ausgearbeitet. Auf die Frage hin, ob er sich auf die Premiere freue, lacht er kurz auf: „Es ist eine Mischung aus Freude und Angst, weil der Beleuchtungsaspekt dazu kommt.“ Aber man merkt: Der will das. In diesem Jahr zum ersten Mal dabei ist die 17-jährige Schülerin Klara Land, die Jüngste im Ensemble. „Anfangs habe ich mir ein bisschen Druck gemacht, wegen des Textlernens. Aber gleichzeitig habe ich mich auch immer auf die Proben gefreut“, sagt sie. Für Klara war es die perfekte Möglichkeit, Schauspiel und Singen zu verbinden.

Warteliste wird immer länger

Nur vier Proben hat der Jugendtheaterclub auf der großen Bühne, ansonsten proben sie immer montags im Venussaal der Musikalischen Komödie. Die Proben der nächsten Spielzeit werden sich im Westbad abspielen. Es gibt sogar schon eine Warteliste für interessierte Jugendliche.

Auch in diesem Jahr hat Christina Geißler wieder eine Assistentin an ihrer Seite, die ihr in organisatorischen Dingen zur Hand geht oder zur Stelle ist, wenn der Text mal hängt: Julia Mueller-Thuns ist 20 Jahre alt und kam für das Jura-Studium nach Leipzig. „Ich wollte mich neben dem Studium unbedingt beim Theater engagieren und wurde gleich an den Jugendtheaterclub verwiesen“, erzählt sie. Während der Proben souffliert sie, macht sich Notizen dazu, was noch besser laufen könnte und tippt außerdem die besprochenen Regieanweisung in das Textbuch, um den Spielern Hilfestellung zu geben.

Und Flugmodus aus!

Und wie läuft es am großen Tag ab? Am frühen Nachmittag treffen die Spieler in der Musikalischen Komödie ein und begeben sich in die Maske, die bekommen sie von den professionellen Maskenbildnern der MuKo. Ungewöhnlich ist, dass die Generalprobe am Nachmittag vor der Premiere um 19.30 Uhr stattfindet. Davor ist noch ein Soundcheck nötig, damit die Mikroports auch richtig sitzen und funktionieren. Zwei Stunden ist der Jugendtheaterclub offline und kehrt auf der Premierenfeier beim ganz realen Sekt aus dem Flugmodus zurück.

„Sorry – not sorry“: Aufführung am 6. Juni, 19.30 Uhr, Karten (10 Euro) gibt es an der Abendkasse der Musikalischen Komödie.

Von Katharina Stork

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