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Kultur Regional Junge Wilde in alten Hallen: Monumenta kommt in die Pittlerwerke
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11:05 03.08.2018
Wollen die Pittlerwerke mit Kunst bespielen: Producer Niklas Jedovski, Kaspar Hepp vom Eigentümer Montis Real Estate und Kurator Jan Fiedler (v.l.) in einer der alten Fabrikhallen.
Wollen die Pittlerwerke mit Kunst bespielen: Producer Niklas Jedovski, Kaspar Hepp vom Eigentümer Montis Real Estate und Kurator Jan Fiedler (v.l.) in einer der alten Fabrikhallen. Quelle: André Kempner
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Leipzig

Es gibt sie immer noch, die morbiden Fabrikhallen, in denen irgendwann die Uhren stehengeblieben sind. Als Leipziger Journalist kennt man diese Termine: Neue Eigentümer spazieren durch kahle Hallen, von denen der Putz bröckelt, und erzählen, was hier und dort geplant sei. In der Regel dauert das dann Monate, eher Jahre, bis wirklich etwas passiert, manchmal wird es nie etwas. In den 1889 gebauten und 1997 in Konkurs gegangenen Pittlerwerken in Wahren ist der Zeitabstand zwischen Vision und Eröffnung fast ein Wimpernschlag: In einem Monat soll hier die „Monumenta“ zu sehen sein, eine Ausstellung, ein Festival mit zahlreichen Veranstaltungen drumherum. Street Art soll auf zeitgenössische Kunst, Graffiti, Performance, Diskussionsrunden, Konzerte, Gastronomie und Sport treffen.

„„Zwischennutzung ist sehr spontan“

Rund 6000 von insgesamt 32 000 Quadratmetern sollen bespielt werden – Teile der riesigen Hallen und Freiflächen. Eine Herausforderung. „Zwischennutzung ist sehr spontan, aber das ist eigentlich genau unser Steckenpferd“, sagt Niklas Jedowski, Producer der Monumenta und Gründungsmitglied von Wandelism, einer Gruppe von Berliner Kulturaktivisten mit einem Künstlernetzwerk im Hintergrund. Im März hatten sie eine ehemalige Autowerkstatt in Berlin-Wilmersdorf mit Streetart für einige Wochen zum Leuchten gebracht, Zehntausende kamen.

Jetzt also Leipzig-Wahren. Immerhin, Kreissägen kreischen, Stellwände werden gebaut, an den Wänden lehnen Fahrräder, in einem Hinterhof sprühen Leute Farbe auf Wände. Es geht los. Im Fluss ist auch die Liste der Künstler, die an der vom 1. September bis 13. Oktober geplanten Monumenta teilnehmen. Allein 100 sollen sich an einem der Hauptwerke, dem „Monument-of-Many“ beteiligen. Gesucht wurden junge Künstler, die jeweils einen 75 x 36 x 24,5 Zentimeter großen Gasbetonblock bearbeiten – ein Maß, das drei Mal dem der Backsteine entspricht, aus denen die Pittlerwerke gebaut sind. Unter der Überschrift „Iconic City“ soll es um individuelle und gemeinsame Utopien der Stadt der Zukunft gehen.

„Dann machen wir lieber 180 km/h“

Die Nachfrage sei anfangs etwas schleppend gewesen, sagt Jan Fiedler, der die Monumenta gemeinsam mit Denis Leo Hegic kuratiert. Das dürfte an den Semesterferien in der Leipziger HGB liegen. Zum Hinweis, dass das ja alles auch ein bisschen knapp sei, meint er: „Ja, das ist die Frage: Machen wir Rock ’n’ Roll, oder machen wir gar nichts. Dann machen wir lieber 180 km/h, und wer einsteigen will, fährt mit.“ Und tatsächlich: Kurz vor Bewerbungschluss gingen zahlreiche Anfragen ein.

Seit gut drei Wochen ist der Kunsthistoriker in Leipzig. Eingestiegen sind laut Fiedler bereits namhafte Künstler, etwa Hans Peter Adamski, einer der wichtigsten Vertreter der „Jungen Wilden“, einer Malerei-Bewegung der 80er Jahre. Ihr Lebenswerk zeige die 1942 geborene US-Fotografielegende Martha Cooper, „beginnend mit dem ersten Foto bis zu dem letzten vor der Monumenta entstandenen Bild“, so Fiedler. Cooper hat Meilensteine in der Graffiti-Dokumentation gesetzt.

Der Slowake Viktor Frešo präsentiert seine dreieinhalb Meter hohe Skulptur „angry boy“. Sie wird in der Haupthalle – die Kuratoren nennen sie aufgrund der Architektur „Kirche“ – auf einem Podest mit Treppe und rotem Teppich inszeniert. Noch liegen da nur Holzlatten, die die Abmessungen des Kunstwerks anzeigen. Gleich nebenan soll die „WENU-Crew aus Berlin und Hong Kong“ rund 50 Meter breite Stadtansichten malen. Das Berliner Künstlerduo „Various and Gould“ zeigt vier Meter große Marx- und Engels-Skulpturen. Die Münchner Graffiti Writer Christian Hundertmark und Patrick Hartl kommen mit ihrem Versus-Projekt, bei dem Bilder um die ganze Welt von Künstler zu Künstler gehen und sich gewissermaßen fortschreiben. Für die Moderation der Talkrunden konnten Steven P. Harrington und Jaime Rojo, Gründer des einflussreichen Kunstblogs BrooklynStreetArt.com, gewonnen werden.

Basketbälle als Kunstobjekte

Hier dürfte so manches monumental aus dem Rahmen fallen. Jan Fiedler: „Wir sind keine zeitgenössische, keine Street Art- und keine Graffiti-Ausstellung. Wir sind ein Mischwesen. Wir versuchen, die Straße abzuholen und das Studio, Welten aufeinander treffen zu lassen – mit Kunst aus der ganzen Welt und Leipzig. Wir haben Künstler, die nur im Atelier malen, und Künstler, die ihre Sachen im Geheimen machen, die auf einmal da sind und dann wieder verschwinden, von denen keiner weiß, wer sie sind.“ Besucher der Ausstellung können sogar Kunst werfen, fühlen und hören: 100 Basketbälle sollen besprüht werden, es gibt Körbe und Boards. Eine Installation in Bewegung, die zur Teilnahme auffordert.

Wenn Kunst alte Industriehallen erobert, dann steckt zumeist nicht allein die Liebe zur Kultur dahinter. Eigentümer des Areals, auf dem sich einst eine der größten Werkzeugmaschinenfabriken Sachsens befand, ist seit Ende 2016 die Berliner Montis Real Estate GmbH. Bisher wurden Arbeiten am Dach und an den Mauern durchgeführt. „Jetzt wollen wir das Objekt aus dem Dornröschenschlaf holen, ins Bewusstsein zurückbringen.“ Mit der Monumenta solle ein Zeichen gesetzt werden – „dass wir da sind und neue Räume schaffen“, sagt Kaspar Hepp von Montis. Man sei „nicht der Standardinvestor, der hier Loft-Wohnungen einbauen will. Wir haben einen langfristigen Horizont, wir glauben an Leipzig und an Wahren – nahe am Flughafen, nicht ganz in der Stadt.“ Entstehen solle eine Art Campus – mit Arbeitsräumen, Ateliers, Gastronomie und Produktionsstätten. „Wir geben der Entwicklung Zeit.“

Davon haben die Monumenta-Macher gerade eher weniger. Schlafen Sie gut? „Gar nicht“, sagen Jan Fiedler und Niklas Jedowski. Und lachen.

Monumenta in den Pittlerwerken (Eingang Am Boernchen 2): Eröffnung 1. September, 12 Uhr bis open end; bis 13. Oktober, geöffnet Do–So, 12–20 Uhr (Eintrittspreise stehen noch nicht fest); www.monumenta.art

Von Jürgen Kleindienst