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Kultur Regional Kammerphilharmonie Bremen unter Wellber „Vollendet unvollendet“ in der Thomaskirche
Nachrichten Kultur Kultur Regional Kammerphilharmonie Bremen unter Wellber „Vollendet unvollendet“ in der Thomaskirche
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17:01 19.06.2019
Gewandhaus-Chor und Deutsche Kammerphilharmonie Bremen unter der Leitung Omer Meir Wellbers in der Thomaskirche. Quelle: Gert Mothes/Bach-Archiv
Leipzig

Heilige Schrift der heiligen Kunst der Stimmführung, Summe und Krönung abendländischer Polyphonie – an Superlativen besteht kein Mangel, wenn von Bachs „Kunst der Fuge“ die Rede ist. Vierzehn Fugen und vier Kanons über ein durchgehendes Thema umfasst dieses Sammelwerk, ein unerschöpflicher Fundus für Komponisten aller Zeiten und Länder. Und das gerade deswegen, weil sämtliche Angaben zu Reihenfolge, Besetzung, Tempi, Phrasierung, Dynamik fehlen – nacktes Material, das nur danach schreit, mit modernen kompositorischen und instrumentalen Werkzeugen bearbeitet zu werden.

Omer Meir Wellber, hauptamtlich Erster Gastdirigent der Semperoper Dresden, gab daher den Anstoß für ein reizvolles Experiment: Acht Komponisten aus sieben Nationen erhielten vom Gewandhaus den Auftrag, jeweils eine der vierzehn Fugen, im Original als Contrapunctus bezeichnet, für modernes Orchester einzurichten. Seltsamerweise ist es aber nicht das Gewandhausorchester, sondern die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen, die unter der Leitung Wellbers das Gemeinschaftswerk aus der Taufe hebt – in einer Thomaskirche, die während des Bachfests auch unter der Woche schon mal besser gefüllt war.

Aus dem Vollen geschöpft

Bei der Wahl der instrumentalen Mittel stand es den acht Bach-Bearbeitern frei, aus dem Vollen zu schöpfen, an Rhythmus und Stimmverläufen durfte jedoch der Wiedererkennbarkeit halber nicht gerüttelt werden. Maximilian Otto, 1998 geborener Dirigierstudent aus Dresden, scheint sich letzteres besonders zu Herzen genommen zu haben. Für ihn ist weniger mehr. Dem Contrapunctus I lässt er in seiner ganzheitlichen Schlichtheit unangetastet. Es beginnen die Streicher, den nächsten Stimmeinsatz übernimmt die Oboe, und nach behutsam vorbereitendem Paukenwirbel darf sich auch das Blech zu Wort melden. Der Studienanfänger orchestriert mit staunenswerter Sicherheit am natürlichen Fluss der Musik entlang – und gelangt so zu einem Ergebnis, das den Vergleich mit denen seiner arrivierten Komponistenkollegen nicht zu scheuen braucht.

Erst recht nicht, weil Péter Tornyai (31) mit dem Contrapunctus V einen weniger gelungen Gegenentwurf liefert. Die häufigen Instrumentenwechsel innerhalb der Stimmen stiften beim Hören mehr Verwirrung, als dass sie gefällige Abwechslung böten. Auch der Italiener Carlo Boccadoro (55), der sich den siebten Contrapunctus ausgesucht und ihn mit „Weitwinkel mit Bach“ betitelt hat, bedient das gesamte instrumentale Spektrum, findet aber zu einem alle Orchesterfarben weit schlüssiger vereinenden Mischklang.

Posthume Heiterkeit

Das gilt auch für den Schweden Sven-David Sandström und seinen „The Hidden Treasure“ überschriebenen Contrapunctus VIII. Im Programmheft ist nachzulesen, dass der Komponist am Pfingstmontag mit 76 Jahren gestorben ist. Die Uraufführung erfolgt auch im Gedenken. Seine Orchestrierung aber verströmt eine passagenweise divertimentoartige Heiterkeit.

Die Steigerung davon, festliche Opulenz, bietet Ferran Cruixent, Jahrgang 1976. Der Katalane, der auch Musik für Filme und Videospiele in seinem Werkkatalog vorzuweisen hat, beschließt den Contrapunctus IX mit Trompetenglanz und Paukenpomp.

Bernd Franke (60) erweitert danach die klassische Orchesterbesetzung um ein Akkordeon, das er zu Beginn und Ende der Nr. XI mit einer auf der Seitenempore platzierten Trompete dialogisieren lässt. Während Franke Raumeffekte durch kammermusikalische Reduktion erzielt, breitet die 1978 geborene usbekische Komponisten Aziza Sadikova eine mikrotonal schillernde Klangfläche aus, der nur mit einiger Mühe der Contrapunctus XII zu entnehmen ist.

Einige Längen

Gäbe es noch die unvollendete Nr. XIV. Diese zu orchestrieren, wurde der israelischen Komponistin Ella Milch-Sheriff (64) aufgetragen. Viel Respekt habe sie davor gehabt, und den hört man der orgelregisterartigen Behandlung der Instrumente auch an. Bis zum verschwebenden pizzicato-Abbruch bleiben einige Längen nicht aus.

Nach der Pause erhält die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen Verstärkung durch den Gewandhaus-Chor: Mendelssohns Fragment „Christus“ und der 42. Psalm stehen nun auf dem Programm.

Die Oratorienteile über Geburt und Passion Christi erstaunen durch ihre unverblümte Bach-Rezeption. Dass der evangelische Klassizist Mendelssohn stellenweise die gleichen Texte heranzieht wie Bach im Weihnachtsoratorium und in den Passionen, fällt umso mehr auf, als sie sogar ähnlich vertont sind. Fast ließe sich das Fragment also als komponierter Bach-Kommentar hören – freilich von allerhöchster Qualität.

Schroffe Klanggewalt

Der zweite Teil über das Leiden Christi ist ein von Werner Güra expressiv dargebotener Evangelisten-Rezitativ mit eingeschobenen Turba-Chören, denen es der Gewandhaus-Chor an schroffer Klanggewalt nicht mangeln lässt. Mit Heinrich Isaacs „O Welt, ich muss dich lassen“ endet das Fragment im dichten Männerchorsatz, mit jenem Choral also, den schon Bach in seiner Matthäuspassion von so vielen Seiten beleuchtet hat.

Herrlich gelingt auch die Psalmvertonung „Wie der Hirsch schreit“, ein Oratorium en miniature, bei dem die Kammerphilharmonie Bremen einen warmen, vollen und doch transparent aufgefächerten Streicherklang verströmt. Nur Sarah-Jane Brandons leuchtkräftigem Sopran hätte etwas weniger Vibrato im Dienst der Textverständlichkeit gutgetan. Und der Thomaskirche ein paar Besucher mehr.

Von Werner kopfmüller

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