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Kultur Regional Katia und Marielle Labèque mit Strawinsky, Debussy und Glass im Gewandhaus
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00:54 13.04.2019
Katia und Marielle Labèque im Gewandhaus. Quelle: André Kempner
Leipzig

Der Anfang ist atemberaubend: Wie Katja Labèque da die archaischen Arabesken des Sacre-Beginns aus dem Steinway streichelt, Marielle sich alsbald mit ihren Quartgängen hineintastet, da fehlt kein Fagott, fehlt kein orchestraler Raum, sind Farben satt auf der Bühne des anständig besuchten Gewandhauses. Da reichen wenige Töne, um zu sehen, zu hören, zu fühlen, dass Strawinskys Transkription seines „Sacre du Printemps“ für zwei Klaviere kein Klavierauszug ist, sondern Klaviermusik. Nicht nur schwer, weil sie verdammt viele Töne auf vier Hände und 176 Tasten verteilt, sondern weil sie pianistisch vertrackt ist und gekonnt mit den Möglichkeiten der Instrumente spielt.

Keine Ersatz-Notlösung

Das ist auf den ersten Blick nicht weiter erstaunlich, weil das perkussive Moment des Klaviers einem Werk, das auch die Emanzipation des Rhythmus feiert, natürlich zupass kommt. Aber dass auch die weiten Strecken komplex verschachtelter Koloristik, die Reflexe und Schemen, die Nebelschwaden und der schwüle Dampf dieses Frühlingsopfers auf Klavieren darstellbar sind – und keineswegs nur als Notlösung, weil gerade kein Riesenorchester zu Hand ist –, das überrascht dann doch.

Blindes Einverständnis

Doch sind die französischen Klavierschwestern hier am allerbesten. Wenn sie Linien spannen und Mixturen ausbalancieren, Lehm und Schweiß, gleißendes Licht und Halbschatten in Töne gießen, ist das großes sinfonisches Klavierspiel. Weil dieses Klavierduo denkt und atmet und vibriert, als wären die 20 Finger allesamt mit einem Kopf verbunden und mit einem Herzen. Das ist gar nicht so sehr eine Frage der Präzision. Über die verfügen Katia und Marielle natürlich und ganz selbstverständlich in erheblichem Maße. Und wenn es im Sacre mal klappert, dann liegt das an den Zumutungen, die dieses Schlüsselwerk der klassischen Moderne rhythmisch, metrisch, motorisch bereithält. Wichtiger ist, wie die Schwestern Klänge über die Instrumenten-Grenzen hinweg durchfärben, wie sie in blindem Einverständnis und ohne sichtbare Kommunikation – beide bleiben die gute halbe Stunde tief in die Noten versenkt – aufeinander reagieren. Und dadurch ihren Sacre mit einer Dichte und Konsequenz sozusagen aus einer Hand gestalten können, die mit dem Orchester in dieser Klarheit nur schwer zu erreichen ist.

Monument der Moderne

Die Defizite der Transkription zeigen sich dagegen da, wo die Labèques normalerweise ihre Stärken ausspielen können. Denn gerade die kraftstrotzenden, die lärmenden, die brutalen der Szenen aus dem heidnischen Russland leiden an ihrer dynamischen Begrenztheit. Zu schnell erreichen die Schwestern den Gipfel ihrer Lautstärke-Möglichkeiten. Und er ist zu niedrig – zumal der Anschlag dennoch verhärtet und undifferenziert ins Lärmige kippt. Was indes nichts daran ändert, dass dieser übers Ganze immer noch spektakulär gut gespielte Sacre ganz neue Wege zu diesem Monument der Moderne ebnet. Weil Klarheit und Logik, die an die Stelle schierer Kraft und greller Farben treten, tiefe Blicke in die Struktur der Musik erlauben, ohne dabei zum klingenden Analyse-Aufsatz zu werden.

Heidnische Szenen

Strawinskys „Le Sacre du Printemps“ und Debussys nur wenig ältere Six Epigraphes antiques, sind bei näherem Hinschauen nicht so weit voneinander entfernt wie die gegensätzliche Faktur glauben macht. Denn die Szenen aus dem heidnischen Russland und die rund ums heidnische Mittelmeer nutzen den gleichen Mechanismus zur Legitimation ihrer musikalischen Ungeheuerlichkeiten: Ferne – historische, geographische und kulturelle. Und beide Klavierwerke haben anders, größer besetzte Wurzeln.

Zurückhaltend sinnlich

Bei den sechs alten Inschriften des Franzosen ist der Satz allerdings zerbrechlich, sparsam, reduziert. Wo Strawinsky als Action-Painter wie ein Berserker die Leinwand traktiert, graviert Debussy mit dem Silberstift oder aquarelliert sparsam mit sanften Farben. Und doch sind seine sechs Miniaturen kein Jota weniger intensiv und suggestiv. Katia und Marielle Labèque spielen diese Musik, eigentlich gehört sie an ein Klavier, ohne Sentimentalitäten, ohne nostalgisches Seufzen, sondern klar, durchsonnt, elegant und zurückhaltend sinnlich. Was ebenso für die erste lautstark erjubelte Zugabe gilt, den letzten Satz von Maurice Ravels bezaubernden Märchenbildern „Ma mère l’oye“. Beinahe naiv klingt diese überirdische Schönheit unter den Fingern der beiden.

Komponiermaschine

Naiv klingen zunächst auch Philip Glass’ Vier Sätze für zwei Klaviere. Aber diese scheinbare Naivität entlarvt sich alsbald als Kalkül. Denn diese vier Sätze sind nichts anderes als das völlig seelenlose Ergebnis, das halt herauskommt, wenn Glass’ seit Jahrzehnten ununterbrochen laufende Komponiermaschine was für zwei Klavier ausspuckt: minimale Kadenz-Zirkel mit minimalem Aufwand in maximal überflüssige Bewegung gebracht. Von der rohen Magie der frühen Minimal-Jahre bleibt da nicht einmal mehr ein Rest, auch nicht unter den 20 Labèque-Fingern.

Die adeln immerhin die zweite Zugabe noch mit feinen Nuancen und Schattierungen: Thom Yorkes so unerhebliches wie charmantes „Don’t Fear the Light“

Von Peter Korfmacher

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