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Kultur Regional Katja Ebstein verzaubert mit Engagement
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14:13 23.09.2018
Katja Ebstein beim Konzert am Freitag im Leipziger Anker. Quelle: Dirk Knofe
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Leipzig

„Älter werden ist nichts für Weicheier, kann aber spannend sein, solange man im Kopf jung bleibt!“ Wenn es einen Beweis dafür gibt, dass Singen jung hält, dann ist das Katja Ebstein, die diesen Satz am Freitag mit schelmischer Freude ins Mikro haucht. Schon optisch kann sie mit ihrem charakteristischen Mädchen-Pony ein paar Jahre wegmogeln, aber es ist vor allem ihre Erscheinung, die von künstlerischem Engagement angetrieben ihr Geburtsjahr 1945 Lügen strafen möchte.

Schade, dass sie ihr Konzert im Leipziger Anker fast ausschließlich vor deutlich ergrauter Stammkundschaft gibt, kann sie doch ein kreatives Opus vorweisen, das Leidenschaft, Variantenreichtum und nimmer müde werdendes sozialpolitisches Engagement vereint.

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Ebstein, die ihrerzeit das gut dotierte Angebot, die Evita zu singen, ablehnte, weil sie damit „3 Jahre lang jeden Abend eine Faschistin hätte spielen müssen“, ist mehr als eine der erfolgreichsten deutschen Eurovision-Songcontest-Teilnehmerinnen, mehr als Schlager-, Pop-, Chanson- und Musical-Sängerin, Schauspielerin, künstlerische Ikone der Friedensbewegung und Bundesverdienstkreuz-Trägerin. Katja Ebstein ist vielleicht die einzige gesamtdeutsche Künstlerin von Dekaden umfassender Aktivität und internationalem Rang.

„Gestern, heute, morgen“ heißt folgerichtig ihr aktuelles Programm, mit dem sie zahlreiche Stationen ihrer Karriere in intimen Rahmen auf die Bühne bringt: Nur sie und ihr Pianist Stefan Kling und der Umstände halber in bequem-privater Garderobe, da der Koffer im Zug verschollen ging. Selbst der seit 50 Jahren Vollblutkünstlerin verlangt dies ein wenig Verlegenheit ab, weswegen der Abend mitunter auf sympathische Weise wie die Probe zum eigentlichen Auftritt wirkt. Aber Ebstein betont, es komme ja auf das an, „was raus kommt und nicht, was außen ist“. Im frisch renovierten Saal des Anker auf der Bühne zu stehen freue sie sehr, auch wenn sie das „schön Vermuffte“ des alten ein wenig vermisst.

Zusammenhänge und Gefahren

Zweieinhalb Stunden lang birgt sie in jazzig chansonesker Art zahlreiche Schätze aus ihrem Œuvre und garniert diese mit theatraler Verspieltheit. Dazwischen erzählt sie mit ihrer zwischen weich und rau changierenden Berliner Schnauze fast lyrisch von den 60ern bis heute. Dies geschieht in freiem Assoziationsfluss nicht immer historisch trennscharf, aber mit merklicher Leidenschaft dafür, Zusammenhänge und Gefahren, besonders durch kapitalvernebelte oder rechte Umtriebe, aufzuzeigen. Dass einige Protestlieder aus den 70ern klingen, als würden sie heutige Zustände besingen, mag einen beklemmen, mehr noch, wenn Ebstein auf ihren Wahlverwandten Heine zurückgreift und sein Ringen um eine Liebe zur Heimat, den politischen Umständen zum Trotz, ins Jetzt trägt.

Natürlich dürfen auch Evergreens wie „Theater“ und „Wunder gibt es immer wieder“ nicht fehlen, aber “gestern, heute, morgen“ ist mehr als ein Best-of. Bei Ebstein wird in und zwischen den Zeilen stets deutlich: Eine gehörige Portion Misstrauen seinen Taten gegenüber bleibt bestehen, dem Menschen an sich aber gebührt Liebe.

Von Karsten Kriesel

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