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Kultur Regional Kein Regen, nur Wölkchen beim Konzert von Iron & Wine
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12:39 28.06.2018
Ein Sommermärchen der ruhigen Sorte: Sam Beam alias Iron & Wine im Arthur-Bretschneider-Park. Quelle: André Kempner
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Leipzig

Sam Beam ist ein anständiger, ein rücksichtsvoller Mann. Er selbst habe ja auch gar nicht damit anfangen wollen, sagt er mit entschuldigender Geste. Etwas Britisches liegt in den Zügen des Amerikaners, etwas Amüsiertes und Aufrechtes in seinen dunkel funkelnden Augen. Zur langen Stirn trägt er noch längeren Bart. Nein, ihn trifft wirklich keine Schuld. Es ist das Publikum, das am Mittwochabend damit anfängt: Als Beam sich mitten im Konzert über die große Aufmerksamkeit, das fast schon andächtige Lauschen der Leute mehr wundert als bedankt, platzt es aus einem der rund 400 Gäste heraus: Wegen des Spiels vorhin sei man so still. Beam versucht Verständnis zu zeigen und sagt etwas, das ein Brite nienienie sagen würde: Fußball ist ja nur ein Spiel.

Gerade das Konzert von Beams Band Iron & Wine auf der Parkbühne Geyserhaus (sein erstes in Leipzig) hat aber gezeigt, dass der Sommer soviel mehr sein kann als kollektive Schnappatmung – zum Beispiel kollektives Sichfallenlassen in so schöner wie abseitiger Musik, in so schönen wie abseitigen Parks, auf Bänken, Decken und Liegestühlen. Nur du und die Musik und die ziehenden Wolken am Himmel. Aber halt mal, die Wolken bewegen sich ja gar nicht! Über der Bühne hängen dreizehn Wattewölkchen, sie sehen herrlich gebastelt aus in diesen Zeiten der Riesenvideoleinwände und Superlichtshows. Aber weich und leicht wirken sie nicht, eher wie diese Hotelkopfkissen, die einem das Kinn auf die Brust pressen. Oder wie diese Wolken mit den vier Füßen, wie heißen sie doch gleich ... die, die manche Leute zum Einschlafen zählen ... Schafe, genau.

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Vom Blitz getroffen

Seit mehr als 15 Jahren veröffentlicht Sam Beam nun schon Alben unter dem Namen Iron & Wine. Im Jahr 2018 steht die Band als Quintett auf der Bühne, drei bärtige Männer an Gitarren, Bässen und Cello sowie zwei bis zur Zugabe bartlose Frauen an Tasten- und Schlaginstrumenten, die außerdem immer wieder die zweite Stimme geben. Dazwischen steht ein Glas Rotwein auf einem Barhocker (sitzen kann es ja nicht). Mit „Thomas County Law“ und „Wolves (Song of the Shepherd’s Dog)“ geht es los. Da ist Beams sanfter Gesang und da ist eine großartige Liveband, die den Groove, aber auch die Brüche und Abgründe in die Musik bringt. Dunkel heult die Gitarre mit den Wölfen, sphärisch kratzt das Cello, die Schlägel bringen die Becken in bedrohliches Schwingen. Auf Sebastian Steinbergs schwarzem E-Bass klebt ein Sticker, wie er in Frankreich eindrücklich vor Stromschlägen warnt. Nicht nur ein steriler schwarzer Blitz auf gelben Dreieck ist darauf zu sehen, sondern ein Mann, der gerade vom Blitz getroffen wird und nach hinten einknickt.

Ungefähr diesen Effekt erzeugt Steinberg aber ausgerechnet dann, als er für „Dearest Forsaken“ erstmals zum Kontrabass greift, der immer wieder prächtig mächtig dummdumm macht. Dann ziemlich betont auffälliges Augenkontaktsuchen von Beam zu jedem Bandmitglied. Belustigte und gespielt böse Blicke zurück. Arme nach oben und eingesprungen nach unten – und fünfmal Krach. Oder Free Jazz, wer weiß das schon. Die Akustikgitarre groovet es jedenfalls weg und Beam klingt hier in „Last Night“ immer mehr nach Jack Johnson.

Ein Schluchzen und Grinsen

Doch während dieser Gedanke aufploppt, bricht schon wieder mindestens eins der Instrumente in Dissonanzen auf – und so werden alle eventuellen Singer/Songwriter-Seichtheiten von zwar oft eingängigem, stets aber auch brüchigem Folk mit hörbarer Freude an Jazzausflügen vertrieben. Schluchzt Beam vorn übertheatralisch das Wort „cry-y-y-y“, grinst hinten der Rest der Band vor sich hin. Wie sie überhaupt viel Spaß zu haben scheinen, Teddy Rankin Parker, Eliza Hardy Jones, Beth Goodfellow, Sebastian Steinberg und eben Sam Beam, der die Band als seine „Assassin Ninjas“ vorstellt.

Auch sonst erweist sich der Kopf der Band als verschmitzter Zwischentöner: Das textlich wie musikalisch wunderbar ausufernde „Grace for Saints and Ramblers“ kommentiert er in den Applaus hinein trocken: „That’s a lot of words.“ Mitten in „Uptown Monkeys“ unterbricht er nach der Zeile „Everybody owes something to everybody else.“ „I wish I could say that in German.“ Aus der ersten Reihe kommt Übersetzungshilfe, man ist ja längst zur Einheit geworden.

Was für ein schöner Abend das sei, sagt Beam immer wieder, und wie fein die Leute hier. Er nippt am Rotwein und lässt den Blick schweifen. Ja, doch, ein guter Tropfen. Viel schöner hätte es nicht beginnen können, das ruhige „Sommermärchen danach“ 2018.

Von Benjamin Heine