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Kultur Regional Kristjan Järvi dirigiert sein letztes Konzert als Chefdirigent des MDR-Orchesters
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15:43 22.06.2018
Schwerpunkt Minimalmusic: Kristjan Järvi und Steve Reich im Gewandhaus. Quelle: André Kempner
Leipzig

Mein Ziel ist es“, verkündete Kristjan Järvi im September 2012, das MDR-Orchester „zum besten, zum interessantesten unter den Rundfunkorchestern zu machen“. Damals stand er als 40-Jähriger unmittelbar vor seinem Antrittskonzert als Chefdirigent der MDR-Klangkörper. Heute Abend dirigiert er sein letztes Konzert im Amt. Bereits im März des vergangenen Jahres hatte er bekanntgegeben, seinen nun auslaufenden Vertrag nicht mehr verlängern zu wollen.

Zeit also für eine Bilanz, die, was die erste Hälfte seines Ziels anbelangt, recht kurz ausfallen kann: Zum besten unter den Rundfunkorchestern hat er das älteste nicht machen können. Doch war das im Angesicht der Konkurrenz in München oder in Köln wohl auch nicht so ganz ernst gemeint. Wie also sieht es mit dem zweiten Halbziel aus? Besser! Denn mit seinen wild die Epochen und die Stile, die Genres und die Kontinente durchmessenden Programmen hat er das Repertoire seines Orchesters radikal umgekrempelt und die Funker konsequent aus dem Schatten des Gewandhausorchesters manövriert. Zudem wurden die Auslastungszahlen besser, das Publikum jünger. Und weil er charismatisch ist und unprätenziös, am Pult eine gute Figur macht und schlagtechnisch überdies ungeheuer begabt ist, hat er mittlerweile eine regelrechte Fan-Gemeinde.

Deren Mitglieder folgten ihm bereitwillig durch Abende und Matineen mit bemerkenswert viel neuer Musik – die zum größten Teil von der dem Pop zugewandten Seite der Avantgarde stammt. Problematisch allerdings ist der Umstand, dass die Minimalmusic eines Steve Reich oder Phil Glass, all die mehr oder minder lohnenden Entdeckungen aus Järvis baltischer Heimat, all die mal mehr, mal weniger ambitionierten Crossover-Projekte nichts mit dem MDR-Orchester zu tun haben, mit seiner Identität nicht – und auch nicht mit seinen Stärken. Aber Järvi hatte eine Vision: „Dieses Orchester bekommt ein neues Image. Ein anderes als das doch sehr stereotype fast aller anderen Orchester in der Welt. Denn wir spielen eben nicht nur Klassik, wir musizieren sozusagen ganzheitlich und können damit ganz andere Zusammenhänge aufzeigen.“ Könnten, müsste es heißen. Denn obschon Järvi dem Orchester tatsächlich ein einzigartiges Image übergeholfen hat, war es bis auf wenige Ausnahmen mit dem „ganzheitlichen Musizieren“ bei näherem Hinhören so weit dann doch nicht her.

Das hängt zusammen mit der schieren Menge der Projekte, die er vor allem in Leipzig und anderswo verwirklicht hat. Vor allem in den letzten seiner sechs Spielzeiten, in denen er jedes Konzert im Gewandhaus mit Kristjan-Festivals in der Schaubühne Lindenfels oder dem UT-Connewitz flankierte, hat er wohl öfter am Pult seines Orchesters gestanden, als jeder andere Chefdirigent der Welt. Mehr geprobt allerdings hat er nicht. Nicht aus Faulheit, sondern aus Prinzip. „Heute haben wir geprobt, gab er 2016 schon zu Protokoll, „unter anderem Berlioz’ Römischen Karneval und Respighis Pini di Roma. So etwas erarbeiten wir in einer einzigen Probe. Dieses Orchester schafft es einfach.“

Nein, schafft es nicht. Denn von „erarbeitet“ konnte allzu oft im Ernst die Rede nicht sein. Järvi hat in der Probe grobe Abläufe koordiniert und sich dann auf seine Begabung verlassen. An die Stelle der Arbeit am Detail, an die einer ästhetischen Idee trat sein wohl häufigster Satz: „It’s all about energy“ – es ist alles eine Frage der Energie. Dass die seinen Konzerten gefehlt hätte, kann man nicht behaupten. Und wenn sie sich rhythmisch Bahn brach, im Tänzerischen, im Groove, im Brachialen, gelangen Järvi große Momente. Aber in Werken, in denen mit pauschaler Energie kein Blumentopf zu gewinnen ist, führte dieses sorglose Al-fresco-Musizieren, bei dem die erste Verständigungs- die Funktion der Generalprobe gleich mit übernehmen musste, zu höchst unbefriedigenden Ergebnissen. Järvi betrieb derlei aus Überzeugung. „Orchester müssen“, sagt er, „so arbeiten, wenn sie eine Zukunft haben wollen. Dann müssen sie schnell sein und flexibel“. Das mag tendenziell sogar stimmen – aber wenn die Qualität auf der Strecke bleibt, ist es mit der Zukunft so eine Sache.

Stellt sich also die Frage: Wie steht es nun, nach sechs Jahren Kristjan Järvi, ums MDR-Sinfonieorchester? Nicht so schlecht. Denn schnell und flexibel ist er tatsächlich geworden, dieser Klangkörper. Und hätte Järvi seine Ansätze vertieft, es hätte was werden können mit ihm. Aber dafür fehlte neben der Einsicht wohl auch schlichtweg die Zeit. Denn der Este mit Hauptwohnsitz in Miami/Florida ist ein viel beschäftigter Mann: Er ist Chef der von ihm gegründeten Baltic Sea Philharmonic und des Gstaad Festival Orchesters, überdies steht er nach wie vor dem ebenfalls von ihm mitbegründeten Klassik-Hip-Hop-Jazz-Kombinat „Absolute Ensemble“ vor. Er betreibt die eigene Produktionsfirma „Sunbeam Productions“ und ist seit 2016 auch Mitglied des Estnischen Olympischen Komitees. Für all das hat er ab morgen wieder mehr Zeit.

Und was bleibt beim MDR? Wenig. Vielmehr schaut man in der Dreiländeranstalt nach vorn: Nach Järvi, der das Orchester „modern, experimentierfreudig und dennoch traditionsbewusst hinterlassen hat, brauchen wir nun einen Dirigenten oder eine Dirigentin mit einem künstlerischen Konzept für das 21. Jahrhundert“, sagt Programmdirektorin Nathalie Wappler. Bis der oder die gefunden ist, werde man „die Schwerpunkte verschieben“, kündigte Orchestermanagerin Karin Kopp bei der Vorschau auf die kopflose Saison 2018/19 an. Es gebe „einen klaren Fokus auf die Klassik, vor allem auf Haydn, ein in den letzten Jahren ein wenig vernachlässigtes Programm“. Das ist mit Blick auf die Orchester-Politur gewiss ebenso klug wie die Idee, in der kommenden Saison gute alte Orchester-Erzieher wie Marek Janowski als Gast ans Pult zu holen, birgt aber die Gefahr, auch Järvis unbestreitbare Repertoire-Verdienste zu missachten und die Programme wieder so austauschbar zu machen, wie sie es zu Zeiten Jun Märkls waren.

Samstag, 23. Juni, 20 Uhr, Gewandhaus: Kristjan Järvi verabschiedet sich mit Werken von Sibelius, Tüür und Nielsen. Karten (17–42,50 Euro) für das sehr energetisch „Naturgewalt“ überschriebene Konzert gibt’s unter anderem in der Ticketgalerie (Hainstr. 1), in allen LVZ-Geschäftsstellen oder an der Gewandhauskasse.

Von Peter Korfmacher

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