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Kultur Regional „Kukułka“ im Westflügel: gute Ideen, aber zu langatmig
Nachrichten Kultur Kultur Regional „Kukułka“ im Westflügel: gute Ideen, aber zu langatmig
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10:36 23.06.2019
Koproduktion der Grupa Coincidentia mit den Duo-Ensembles Lehmann & Wenzel sowie Wilde & Vogel: „Kukułka“ im Lindenfels Westflügel.
Koproduktion der Grupa Coincidentia mit den Duo-Ensembles Lehmann & Wenzel sowie Wilde & Vogel: „Kukułka“ im Lindenfels Westflügel. Quelle: Michal Strokowski
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Leipzig

33 Grad. So heiß ist es kurz vor Ende, wie Charlotte Vogel hinter ihrem Musikpult mitteilt und die zweite kleine Pause einleitet, in diesem zwei Stunden und 20 Minuten langen Theaterabend, gemeinsam konzipiert von der polnischen Grupa Coincidentia, dem Duo Lehman und Wenzel und eben Wilde und Vogel, den Gastgebern im Westflügel. Zum zweiten Mal wird also Wasser gereicht, auf die Kartoffeln, eingelegte Gurken und hartgekocht Eier, die während der ersten Pause auf den polnischen Wald einstimmen sollten, wird diesmal verzichtet, stattdessen gibt es auf der improvisierten Leinwand Bilder aus Michael Vogels Puppenwerkstatt zu sehen, bevor ihn die Puppen im letzten Akt zum Verhör laden. Dann endet „Kukułka“ im erlösenden Applaus.

Kann man mit Pausen und letztem Akt in eine Theaterbesprechung einsteigen? In diesem Fall sicher, denn zuvor ist nicht wirklich viel passiert. Der erste Teil ist zunächst deutlich zu lang geraten. Um sich und ihre Zuschauer von der Ernsthaftigkeit des Unternehmens zu überzeugen, wird der (pseudo-) dokumentarische Charakter des Stücks herausgestellt. Charlotte Wilde leitet mit sanften Klängen durch eine meditative Reise vom Westflügel auf die Autobahn und dann gen Norden und lange Zeit Richtung Osten zum Theater Solniki 44 in einem Wald bei Białystok, wo die Recherche beginnt. Insgesamt 23 Objekte werden langatmig vorgestellt, um dann als Grundlage für den zweiten Teil, das eigentliche Spiel zu dienen.

Auch ohne Hitze wäre diese gedehnte Prozession der Dinge, die immer auch mit kleinen Themen verknüpft wird, die wiederkommen werden, nur schwer erträglich. Doch Paweł Chomczyk, Dagmara Sowa, Michael Vogel, Samira Wenzel, Stefan Wenzel und Regisseur Łukasz Kos, der als sanfter Conférencier durch den Abend führt, setzen im Spiel auf extensives Theater, das alle mögliche Spannung in Länge plattwalzt. Charlotte Wilde liefert dazu den Soundtrack. Manchmal wird gesungen, mehrstimmig und sehr schön.

Endlich: ein wahres Feuerwerk an Assoziationen

Nach beinahe unendlichem Prolog und Intermezzo geht es dann endlich zur Sache. In grotesken Kostümen mit Mega-Buckel, Mega-Brüsten oder Mega-Pferdeschwanz. Die Großmutter schneidet minutenlang Kartoffeln, aber diesmal zieht der Trick mit der Zerdehnung, und schon bald lebt auf der Bühne die schönste Sitcom und die versprochenen Anleihen an David Lynch und „Twin Peaks“, das Chomzyk auf seinem T-Shirt im ersten Teil ankündigte, werden eingelöst. Scheinbar eindeutige Objekte wie die Kuckucksuhr verwandeln sich in surreale Horrorhäuser, riesige Spinnen krabbeln aus den Ecken, und die Hinterbühne verwandelt sich in eine große Leinwand für Schattenspiele aller Art. Die Skizze einer Handlung, bei der ein Bruder seine Schwägerin im Vollsuff schwängert, läuft völlig aus dem Ruder und eröffnet so ein wahres Feuerwerk an Assoziationen, die sich munter überlagern und aufeinander stapeln. Ein Dreirad fährt kinderlos durch die Gegend, und am Ende gibt es gar einen Toten, natürlich mit Musik.

Doch dieses zwischenzeitliche Spektakel kann bei aller Kunstfertigkeit nicht über die großen dramaturgischen Schwächen des Abends hinwegtäuschen, zumal auch der Epilog, in dem die Puppen ihren Schöpfer Michael Vogel zum Verhör laden, ebenso sensationell im Sande verläuft.

Regisseur Łukasz Kos erzählt am Anfang, er habe nicht gewusst, was zu Beginn seine Aufgabe gewesen sei, und es bleibt bis zum Ende unklar, ob er dahinter gekommen ist. Wobei der Rest des Teams routiniert und erfahren genug sein müsste, Holzwege zu erkennen, zumal es hier eher eine Frage des fehlenden Rhythmus im Gesamttriptychon denn des Inhalts ist. Aber so scheitern sie alle an zu viel Gewolltem, anstatt die komponierte Anarchie einfach zuzulassen, die das Spiel von Wilde & Vogel ja sonst so ertragreich macht.

Weitere Vorstellungen von „Kukułka“: 23. Juni, 18 Uhr, 28./29. Juni, je 20 Uhr, Lindenfels Westflügel, Hähnelstraße 27, Eintritt 10 bis 20 Euro

Von Torben Ibs