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Kultur Regional Kultur als Standortfaktor beim Klassikfestival in Mecklenburg-Vorpommern
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16:00 25.07.2019
Für Kinder und Familien gibt es bei den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern das Programm „Mäck & Pomm“. Quelle: Oliver Borchert
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Leipzig

„Gefällt es Ihnen?“ Die Augen der Mitarbeiterin im rost-orangenen T-Shirt leuchten, als ihr Blick durch die große Werkshalle der Eisengießerei Torgelow schweift, Stolz schwingt in ihren Worten mit. „Geiler Sound hier, oder?“ Zugegeben: Der Klang kann sich hören lassen, nicht minder eindrucksvoll sind die Bilder, die sich den fast 1000 Konzertbesuchern bei den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern (FMV) bieten.

Sie gehören mit mehr als 180 Konzerten und über 90 000 Besuchern im Jahr zu den größten Klassikfestivals in Deutschland. Seit 15. Juni und noch bis 15. September spielen Orchester, Stars der Klassikszene und Nachwuchsmusiker aus aller Welt in Schlössern, Gutshäusern, Kirchen, Scheunen, Fabrikhallen oder unter freiem Himmel.

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Metal-Musik mit dem Ukulele-Orchester

Dazu gehört das Kinder- und Familienprogramm Mäck & Pomm. Und dazu gehört das erste „Detect Classic Festival“, bei dem vom 26. bis 28. Juli die Hallen des einstigen Panzerreparaturwerks in Neubrandenburg zum Kreativraum werden. Beteiligt sind die junge norddeutsche philharmonie, das Jazz-Ensemble deep strings, Burnt Friedman, Pulsar Collective, Baba The Knife, Schlagzeuger Alexej Gerassimez sowie das STEGREIF.orchester.

In der Eisengießerei Torgelow nehmen am Konzertabend die acht Frauen und Männer des Ukulele Orchestra of Great Britain auf einer Bühne am Ende der Halle Platz. „Wenn wir schon hier sind, sollten wir etwas Metal-Musik spielen“, sagt George Hinchliffe, und dann rockt das Mini-Orchester mit AC/DCs „Highway to Hell“ die Halle, feiert das Publikum die Briten mit stehenden Ovationen.

„Kultur ist kein Gedöns“

Patrick Dahlemann lächelt zufrieden: „Stolz und Selbstbewusstsein müssen in die Köpfe und Herzen der Menschen hier – und für solch eine gesellschaftliche Entwicklung ist Kultur kein Gedöns, sondern ein wichtiger Baustein.“ Als parlamentarischer Staatssekretär für Vorpommern im Kabinett von Ministerpräsidentin Manuela Schwesig muss der SPD-Politiker natürlich solche Sätze sagen, und doch ist es mehr als nur Wunschdenken, wenn der 31-Jährige feststellt: „Die Festspiele räumen mit alten Stereotypen über unsere Region auf.“

Auf der Anfang Juli erstmals angebotenen dreitägigen Vorpommern-Tour eröffnete sich den Menschen tatsächlich ein anderes Bild dieser Region, die sonst eher durch die höchste Arbeitslosigkeit und das schwächste Bruttoinlandsprodukt aller Bundesländer oder durch Rechtsradikalismus Schlagzeilen macht. Naturlandschaften und Biosphärenreservate, Idyllen wie der Botanische Garten in Christiansberg oder eine wildromantische Peene-Schifffahrt, Kulturinitiativen wie auf der Burg Klempenow oder historische Spuren in dem 200-Seelen-Dorf Stolpe, wo Heimatdichter Fritz Reuter literarische Erinnerungen hinterlassen hat.

Glücksmomente im Garten

Hier könen Gäste zwischen dem deftigen Mahl im über 300 Jahre alten „Fährkrug“ und der Sterneküche im benachbarten Gutshaus wählen. „Uns ist es ein Herzensanliegen, diese ländlichen Räume zu entdecken und zu bespielen“, sagt FMV-Intendant Markus Fein. „Doch was diese Region alles zu bieten hat, erschließt sich unserem Publikum nicht über Einzelkonzerte – daher haben wir diese Idee der Vorpommern-Tage entwickelt.“

Sonst hätte sich wohl kaum ein Festspiel-Besucher in den Botanischen Garten von Walter Kapron und Manfred Genseburg verirrt, den die beiden Gärtner hier nahe des Stettiner Haffs seit 1982 auf rund 30 000 Quadratmetern geschaffen haben: Pfingstrosen, Funkien- und Magnoliensorten blühen zwischen Rosen, Azaleen und Rhododendren. Zischen Laub- und Nadelbäumen funkelt ein von Seerosen bedeckter Teich im Sonnenlicht, auf Bänken und in Pavillons haben sich die Besucher niedergelassen.

Glücksmomente, die musikalisch ihre Fortsetzung mit dem Arcis Saxophon Quartett in der Ueckermünder Marienkirche finden – so wie in der durch die Bilder Lyonel Feiningers berühmt gewordenen Kirche in Benz, wo nach dem nachmittäglichen Besuch des Wasserschlosses Mellenthin Seong-Jin Cho sich voller Leuchtkraft und Leidenschaft des formalen Beziehungsgeflechts von Liszts berühmter h-moll-Sonate annimmt.

Beim Bauern übernachten

„Was können wir abseits der Metropolen für die Region tun?“, fragen sich der Intendant und sein Team. Mögen hier auch die großen Spielstätten fehlen, so wecken die Festspiele doch mit Veranstaltungen wie den Vorpommern-Tagen oder der Reihe „Stars im Dorf“ Interesse und Begeisterung der Menschen vor Ort, wenn etwa die Preisträgerin in Residence Harriet Krijgh für einen Tag in die Dorfgemeinschaft des 300-Einwohner-Ortes Golchen aufgenommen wird: beim Bauern übernachtet, mit den Menschen ins Gespräch kommt und deren eigens für ihr Konzert organisiertes Kulturprogramm verfolgt, um am Abend dann mit ihrer Pianistin Magda Amara in der spätgotischen Saalkirche zu spielen.

„Mit Kultur werden diese kleinen Orte ganz anders wahrgenommen, ja erschließen sich vielen Besuchern erst, die so ein anderes Bild von Vorpommern bekommen“, stellt Michael Sack, Landrat in Vorpommern-Greifswald, anerkennend fest. Was sich für die Menschen vor Ort nicht zuletzt auch wirtschaftlich auszahle: „Die Festspiel-Gäste haben Zeit, erkunden das eine oder andere auf eigene Faust, was wiederum Gastronomie wie Hotellerie hilft.“

Oder eben Walter Kapron in Christiansberg: Binnen zwei Stunden kamen so viele Konzertbesucher in seinen Botanischen Garten wie sonst an einem ganzen Tag – „und obendrein ist es eine gute Werbung, denn die Hinweise auf unsere Anlage finden sich in den Programmen und auf der Webseite der Festspiele“.

Bizarrer Ort im Niemandsland

Es ist Werbung für den Ort – wie in Stolpe, wo ein Naturparadies mit Biber, Eisvogel und Seeadler begeistert und den Landrat von der „Work-Life-Balance“ schwärmen lässt, die vermehrt Fachkräfte überlegen lasse, diese Region als Wohnort zu wählen.

Ein Gewinn, den auch Staatssekretär Dahlemann sieht, der sich für die finanzielle Unterstützung der Vorpommern-Tage durch Mittel aus dem Vorpommern-Fonds der Landesregierung stark gemacht hat. Wohl wissend, dass Kultur inzwischen zu einem harten Standortfaktor geworden ist, der am Ende selbst bei Investoren den Ausschlag für eine Entscheidung geben kann.

Ein Beispiel ist die Burg Klempenow aus dem 10. Jahrhundert im Tollensetal, einst Stammsitz der Pommern-Herzöge und heute ein vom Keller bis zum Burgfried ebenso abenteuerlicher wie bizarrer Ort im Niemandsland, den ein Kulturverein zu neuem Leben erweckt hat mit Ausstellungen, Festivals, Workshops und Seminaren. Oder wie an diesem Festspiel-Nachmittag mit Beethovens Opus 130 und dem jungen Amsterdamer Dudok Quartet.

„Im Zentrum des vermeintlichen Nichts“ prangt auf einer großen Tafel der benachbarten Galerie Subitow. Ein Nichts, das ziemlich viel zu entdecken bietet: für den Großstädter ebenso wie für das Selbstwertgefühl der Menschen vor Ort.

Detect Classic Festival: 26. bis 28. Juli, Augustastraße 16 in Neubrandenburg, www.dcfmv.com; Festspiele MV: bis 15.9., Infos/Karten: 0385 5918585

Von Christoph Forsthoff