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Kultur Regional „Kunst für alle!“: Museumsdirektor Alfred Weidinger im Interview
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08:00 08.08.2018
Den Pulsschlag der Stadt annehmen: Seit einem Jahr ist der Österreicher Alfred Weidinger (57) Direktor des Museums der bildenden Künste in Leipzig. Quelle: André Kempner
Leipzig

Seit einem Jahr ist Alfred Weidinger (57) Direktor des Museums der bildenden Künste in Leipzig. Im Interview spricht der Österreicher über Yoko Ono, Ai Weiwei und einen SMS-Wechsel mit Udo Lindenberg. Außerdem zieht er eine erste Bilanz seiner Arbeit in Leipzig.

Sie kommen gerade aus New York. Wie geht es Yoko Ono, deren Kunst sie im Oktober in Leipzig zeigen?

Sie hat so eine Freude mit dieser Ausstellung. Sie hat übers ganze Gesicht gestrahlt, als ich reingekommen bin, sie ist so ein herzlicher Mensch. Zwei Tage lang hatte sie sich nur mit der Ausstellung auseinandergesetzt – wir haben besprochen, welche Werkgruppen wir zeigen.

Mal naiv gefragt: fällt in den Gesprächen mit ihr mal der Name John Lennon?

Er spielt schon eine Rolle, wobei wir versuchen, ihn aus der Ausstellung rauszuhalten – obwohl sich Lennons Werk auch auf ihr Schaffen ausgewirkt hat. Wir zeigen in Leipzig vornehmlich ihre frühen Fluxus-Arbeiten aus den 60er Jahren. Aber wir zeigen auch ihren mehrminütigen Film „Smile“, in dem John Lennon zu sehen ist – lächelnd.

Welche Größenordnung hat die Schau?

Es wird ihre größte Ausstellung, die es in Deutschland bislang gegeben hat, wie wir bei der Konzeption festgestellt haben. Wir zeigen sie in 15 Räumen im dritten Obergeschoss und auf sämtlichen Terrassen. Ihren klaren, minimalistischen Arbeiten erfordern Tageslicht – was wir zum Glück ja haben. Es entspricht ihrer Ästhetik und deswegen freut sie sich auch so auf die Ausstellung. In einer ihrer großen Arbeiten werden die Strahlen des Sonnenlichts durch weiße Seile imaginiert. Auf einer der Terrassen mit besonders viel Tageslicht werden dann 60 bis 100 Seile entlang der Sonnenstrahlen verlaufen.

Gibt es auch neue Arbeiten zu sehen?

Wie gesagt, wir konzentrieren uns auf die Fluxusarbeiten aus den 60er Jahren, aber es werden dennoch Werke aus fast allen Schaffensperioden zu sehen sein. Wenn alles gut geht, wird es zudem eine Arbeit zum Thema Friedliche Revolution geben. Das passt nicht nur zu Leipzig, das ist ja auch genau ihr Thema: friedliche Revolution, peace. Es ist ein sehr einfaches und gleichzeitig hochkomplexes Thema, das sich aus zwei entgegengesetzten Polen speist: es gehören immer zwei Seiten dazu – wie in Leipzig zum Beispiel diejenigen, die auf die Straße gingen und diejenigen, die nicht geschossen haben.

Wann kommt sie?

Am 13. Oktober eröffnen wir die Ausstellung.  Ich werde sie in Berlin mit dem Auto abholen und auch wieder zurückbringen.

Nicht schlecht: Mit Yoko Ono auf der Autobahn ...

Ich fahre sehr gerne mit Künstlern Auto. Mit Ai Weiwei bin ich schon durch halb Europa gefahren. Man spricht in diesen doch recht intimen Situationen ganz anders miteinander. 

A propos: Kommt Ai Weiwei nun nach Leipzig?

Ja, auch ihn konnte ich New York treffen. Es war purer Zufall, aber bei einem gemeinsamen Abendessen mit seiner Familie haben wir das fix gemacht. Er kommt 2020, und wir haben auch schon ein Thema gefunden: Porzellan. Wieder ein Thema, das sowohl für ihn als auch für die Stadt Leipzig von Bedeutung ist: In seiner Heimat als auch in Sachsen ist die Fertigung von Porzellan ein zentraler Wirtschaftszweig. Er wird sich das Museum bei nächster Gelegenheit ansehen.

Es heißt, es gebe Kontakt zu Udo Lindenberg ...

Ja, er hat gehört, Leipzig ist cool, hier gibt’s ein super Museum, da hat er sich bei uns gemeldet, wollte meine Nummer. Wir telefonierten, jetzt schreiben wir uns SMS, das ist katalogreif. Ich verstehe nicht immer sofort, was er meint, manche Wörter musste ich mir „übersetzen“ lassen. In jeder Message sind mindestens 15 Emojis, sehr witzig.

Was will Udo hier zeigen?

Das steht noch nicht fest. Sicher ist jedenfalls, dass wir nicht seine Likörbilder zeigen werden. Es wird Malerei sein, die ihm sehr wichtig ist, die er noch nie gezeigt hat – ich schaue mir die demnächst in Hamburg an. Ich habe noch keine Vorstellung davon, was mich erwartet und wann er kommt, aber wir sind fest entschlossen. Ich werde ihn fragen, ob er zur Eröffnung singt. Das wär’ doch cool. Dass wir hier am MdbK eine Freiheit haben, auf solche Möglichkeiten auch spontan reagieren zu können, das ist fantastisch. Ganz gleich, ob Udo Lindenberg oder ein junger Künstler, diese Flexibilität macht das Museum so spannend.

Kommen wir zu Ihnen: Sie sind jetzt ein Jahr im Amt. Gab es für Sie persönlich etwas ganz Besonderes in dieser Zeit?

Etwas, womit ich nicht gerechnet habe ist, dass ich in Leipzig sprichwörtlich in einem Geschichtsbuch lebe. Das mag ich, es bereichert mein Leben ungemein, die bewegte Geschichte eines für mich bislang wenig bekannten Landes kennenzulernen. Das ist ein Geschenk, das mich motiviert – auch in Bezug auf den Umgang mit Kunst.

Gibt es etwas, dass Sie ärgert?

Nein, es ärgert mich nichts. Natürlich regt man sich im Alltag mal über Kleinigkeiten auf, aber da ist nichts Grundsätzliches.

Das unterscheidet Sie grundsätzlich von vielen Menschen hier in Sachsen, in ganz Deutschland. Wie nehmen Sie die Stimmung im Land wahr?

Natürlich bekomme ich die Gewitterstimmung mit. Ich bin kein Politiker, aber als Österreicher bringe ich beim Thema Radikalisierung und Nationalismus leider einige Erfahrungen mit. Für mich ist die Entwicklung ein Déjà-Vu-Erlebnis – vor mehr als 20 Jahren haben wir das alles in Österreich durchgemacht – mit den gleichen Parolen. Die Umstände in Deutschland mögen andere sein, und auch die handelnden Personen, aber grundsätzlich sehe ich hier eine große Wiederholung.

Zurück zu Ihrer Arbeit, gibt es wirklich nichts, wovon Sie sagen würden, es müsse geändert werden?

Nein, wirklich nicht. Ich bin sehr zufrieden, wie sich das Haus entwickelt, ich fühle mich wohl in Leipzig und mit dem Team bin ich extrem zufrieden.

Wenn man mit Leuten aus der Kunstszene über Sie spricht, trifft man eigentlich nur auf Überraschung – darüber, was jetzt alles im Museum möglich ist, es geht ja Schlag auf Schlag ...

Es ist auch die Dynamik der Stadt, die das vorgibt. Ich wollte von Anfang an den Pulsschlag der Stadt annehmen und damit im Museum arbeiten. Ich habe das Gefühl, das funktioniert, und deswegen bin ich hier so zufrieden – und außerdem ist es ein Vergnügen, immer mal wieder einen kleinen Adrenalinschub zu geben – und zu erfahren. 

Wissen Sie aus dem Hut, wie viele Ausstellungen in Ihrem ersten Jahr im Museum zu sehen waren?

20 werden es schon gewesen sein. Aber ... so ist die Stadt – vielfältig, dynamisch, jung, neugierig. Es ist unglaublich, was hier alles passiert. Und dann haben wir ja noch den Vorteil, dass wir ein großartiges Gebäude haben, auch wenn es durch die Umbauung im letzten Jahr weitgehend verschwunden ist. Was die Bespielung anbelangt, sind wir zwar bei weitem noch nicht dort, wo wir gerne hin möchten, denn es ist auch ein herausforderndes Gebäude, aber wir kriegen das schon hin. Ich glaube mit Yoko Ono kommen wir unserem Ziel einen großen Schritt näher.

Es gibt auch Experimente, wie aktuell die Ausstellung mit dem Bühnenbild von Titus Schade ...

Als ich gehört habe, dass dieses tolle Bühnenbild nach Ende des Spielplans umgebaut und überstrichen werden soll, fand ich das einfach schade. Deswegen habe ich mich bemüht, es während der Sommerpause des Schauspiel Leipzig ins Museum zu holen. Eine schönere Kooperation zwischen zwei Leipziger Kulturinstitutionen kann ich mir gar nicht vorstellen.

Bei den Bayreuther Festspielen sind gerade Bühnenbild und Kostüme von zwei anderen Künstlern zu sehen – zu „Lohengin“, von Neo Rauch und Rosa Loy. Wäre das nicht auch ...

Sind wir schon dabei! Zumindest habe ich bereits den Wunsch geäußert: Gebt uns 25 bis 30 Kostüme und einen Teil der Kulisse. Dann haben auch die Leipziger die Chance, zumindest ein bisschen etwas davon zu sehen. Gerade in Bayreuth hat ja nur eine sehr kleine Elite die Chance das zu erleben. Dafür ist ein Museum da: Kunst für alle! Und es gibt ja einige Leipziger Künstler, die immer wieder für die Bühne arbeiten. Ich kann mir vorstellen, daraus ein Format zu machen.

Würden Sie gerne etwas am Eintritt ändern?

Ich würde gerne die Dauerausstellung, also das erste und zweite Obergeschoss, kostenfrei zugänglich machen. Aber das hängt nicht nur von unserem Willen ab, doch ich bin diesbezüglich sehr zuversichtlich. In Deutschland wäre das einmalig.

Wie sieht es bei den Besucherzahlen aus, gibt es schon eine Tendenz?

Wir sind besser als im vergangenen Jahr, so sieht jedenfalls die Prognose aus. Wir schauen uns die Zahlen am Ende des Jahres nochmal sehr genau an und prüfen, was wir besser machen können. Ich glaube, wir müssen noch mehr auf Veranstaltungen der Stadt reagieren, zum Beispiel das Wave Gotik Festival, das Bachfest – so wie diesen Sommer, in dem wir nun auch ein attraktives Sommer-Programm anbieten. Im Juli sind bereits doppelt so viele Besucher gekommen wie im vergangenen Jahr – und der Grund dafür war sicher nicht nur die Hitze.

Von Jürgen Kleindienst

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