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Kultur Regional Kunst macht Arbeit: HGB- Meisterschüler zeigen ihre Kunst in der Spinnerei
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13:15 18.10.2019
Mit ihrer Installation „POW The Power of We“ hat Luise Marchand den Meisterschülerpreis gewonnen – zu sehen in der Ausstellung in der Werkschauhalle der Spinnerei. Quelle: André Kempner
Leipzig

Es sieht nach einer Fleißarbeit aus. Da hat jemand unzählige Ziffern aufgeschrieben, durch kurze Striche mehr oder weniger in ein Ordnungssystem gebracht. Schon im Eingangsbereich der Werkschauhalle hängen etliche dieser Blätter, sauber gerahmt, im Verlauf der Ausstellung findet man weitere. Benjamin Kunath heißt der Zeichner. Es sind Fahrplanaushänge der Leipziger Straßenbahn, die er akribisch abgeschrieben hat. Der Grund dafür war nicht Langeweile. Kunath fährt seit fünf Jahren selbst Straßenbahnen, um den Lebensunterhalt zu finanzieren. Zur Abschlussparty der Meisterschüler dieses Jahres wird er nicht allzu viel gefeiert haben, denn schon am nächsten Tag steuerte er die Linie 14 Richtung Plagwitz.

Bis 2. November sind in der Werkschauhalle der Spinnerei die Arbeiten der HGB-Meisterschüler zu sehen. Hier ein Blick in die Ausstellung.

Einen Nebenjob hat auch Hanna Stiegler visualisiert. Dem Zwang, als Produktfotografin für einen Onlinehändler die Waren verkaufsfördernd abzulichten setzt sie mit ihren freien Verfremdungen der gleichen Objekte einen Kontrast entgegen und stellt damit zugleich ihren Brotjob in Frage.

Netzwerken und Strippenziehen

Die Reflexion von Arbeit in der Kunst wie auch das Begreifen von Kunst als Arbeit kehrt mehrfach in der Ausstellung wieder. Gleich am Eingang behauptet Yong Jae Choi „I’m a business man“. Eine Holzkugel wird durch eine Vielzahl von Stricken, die in verschiedene Richtungen streben, in der Schwebe gehalten. Das Netzwerken als Voraussetzung eines erfolgreichen Business wird dabei ebenso veranschaulicht wie die Anstrengung des Strippenziehens.

Für diese Leistungsschau der Studentinnen und Studenten, die ihr reguläres Studium um zwei Jahre verlängern durften, ist die Hochschule aus sich herausgegangen. Mit der Werkschauhalle in der Spinnerei wird nicht nur ein Umfeld geboten, das auf die nun endgültige Ankunft im rauen Markt verweist, sondern es gibt auch viel mehr Platz als in der hauseigenen Galerie. So können umfangreiche Werkkomplexe gezeigt werden, nicht nur kleine Ausschnitte. Zum Beispiel hat Marlet Heckhoff eine ganze Wand mit ihren Malereien gestaltet, indem sie diese untereinander optisch verbindet. Im Katalog verweist sie auf das Prozesshafte ihrer Bilder, womit wir wieder bei der Arbeit wären.

Zweites großes Thema: das Verhältnis zur Natur

29 Studentinnen und Studenten sind es, die sich nun zwar nicht als Meister, aber dauerhaft als Meisterschüler bezeichnen dürfen. Überdurchschnittlich stark ist in diesem Jahr die Medienkunst vertreten. Auch Malerei/Grafik und Fotografie sind gut aufgestellt. Doch die angewandten Bereiche sind lediglich mit einem Namen dabei. Zane Zlemešas Bilderbuch wirkt unbekümmert und etwas naiv, doch sie illustriert das andere große Thema, das sich durch die Ausstellung zieht – das menschliche Verhältnis zur Natur.

Manchmal bedarf es der Erläuterung. So sieht man den Radierungen von Soenecke Thaden nicht unbedingt an, dass sie sich mit invasiven Pflanzen- und Tierarten beschäftigt. Christina Mamczur hingegen hat ein Labor aufgebaut, kein steriles wie heute üblich, eher eine Hexenküche, wo die zufälligen Verunreinigungen die wichtigste Rolle spielen. Ebenso raumgreifend und ebenso von Bruno Latours Theorien beeinflusst ist Lisa Kottkamps Installation. Ausgehend von der Annahme einer „Postnatur“ entwirft sie synthetische Pflanzen für die Zeiten des Erdbebens.

Auffällig politische Ausstellung

Diese Meisterschülerausstellung ist auffällig politisch. Mandy Gehrt betreibt Spurensicherung. Ihre Untersuchungen zum jüdischen Leben sind hochaktuell. Sie hat sowohl in Leipzig als auch in der amerikanischen Partnerstadt Houston geforscht. Selbst die zunächst skurril und fast wie Karikaturen wirkenden Malereien Marten Schädlichs erweisen sich als ein Sezieren gesellschaftlicher Verhältnisse. Und Lina Ruske geht mit ihrer Gruppe „A greater Form“ direkt an die Basis. In einer improvisierten Bude sind Videos zu sehen, die Jugendliche im Plattenbaugebiet Grünau selbst gedreht haben.

Den mit 10 000 Euro dotierten Meisterschülerpreis erhält Luise Marchand, die bei Peter Piller und Peggy Buth Fotografie studiert hat. Keine Überraschung ist, dass auch sie sich mit der schönen neuen Arbeitswelt auseinandersetzt. In der Begründung der Jury heißt es: „Der Künstlerin gelingt ein komplexer wie kalkuliert humorvoller Kommentar auf eine überpositivistische Office-Kultur, in der Wir-Gefühl, Wohlbefinden am Arbeitsplatz sowie die viel zitierte Work-Life-Balance zelebriert werden.“ Sie hat Details in Unternehmen fotografiert, die ihre Modernität in einer bewusst lockeren Atmosphäre mit Freizeitangeboten und zeitlicher Flexibilität darstellen, aber dennoch an einer Optimierung der Leistung interessiert sind und so die Individualität in einer ritualisierten Community aufgehen lassen.

M19 / Ausstellung der Meisterschüler*innen der HGB; Werkschauhalle, Spinnereistr. 7, bis 2. November, Mi–Sa 12–18 Uhr

Von Jens Kassner

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