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16:26 13.11.2019
Die Hongkonger Künstlerin Wen Yau vor ihrer Installation „Wir sind das Volk!" in der Halle 14 auf dem Spinnerei-Gelände in Leipzig. Quelle: André Kempner
Leipzig

Für eine Performance ist Wen Yau von Hongkong nach Deutschland gereist. Sie verbringt einige Tag in Leipzig, wo ihre Installation „Wir sind das Volk!“ als Teil der Ausstellung „Die Enden der Freiheit“ in der Halle 14 gezeigt wird. Wen Yau ist nicht nur Künstlerin, sondern auch in Hongkongs Demokratiebewegung aktiv.

Wen Yau, die Installation, die Sie in Leipzig zeigen, trägt den Titel „Wir sind das Volk“. Sie stellen in Ihrer Arbeit eine Verbindung zwischen der Friedlichen Revolution von 1989 und der Demokratiebewegung in Hongkong her. Wie kam es dazu?

Vor fünf Jahren besuchte ich Berlin und war sehr interessiert an der Geschichte der Berliner Mauer. Als ich dieses Jahr die Einladung für die Ausstellung in Leipzig bekam, recherchierte ich weiter zu diesem Thema und stieß auf die Montagsdemonstrationen in Leipzig. Auf einer Fotografie sah ich ein Plakat mit der Aufschrift „Wir sind das Volk“. Genau dieser Spruch, „We are the people“, wurde in Hongkong während der Regenschirm-Revolution von 2014 gerufen. Und dieser Spirit ist auch in den jetzigen Protesten zu spüren – wir haben keine Anführer, wie es in der Friedlichen Revolution der Fall war. In Hongkong spüre ich eine starke kollektive Kraft. Viele verschiedene Menschen bringen sich auf sehr unterschiedliche Art und Weise in die Proteste ein.

Ihre Installation vereint Flyer, Aufrufe und Poster rund um die Demokratiebewegung in Hongkong auf einer riesigen Wand. Was hat es damit auf sich?

Die Flyer und Aufrufe sind größtenteils anonym veröffentlicht, und ich habe sie gesammelt. Das ist eins der Kennzeichen der Proteste: Die meisten Menschen bleiben anonym. Meine Installation ist eine Hommage an all diese Anonymen, die ihre kreative Energie in die Proteste einbringen.

Sie bezeichnen die Installation als „Lennon Wall“ - was ist das?

Der Name nimmt Bezug auf die Graffiti-Wand in Prag. In Hongkong sind die Leute sehr sauber und ordentlich - Graffiti wäre hier undenkbar. Deshalb entstand eine Wand mit Zetteln, auf denen die Menschen ihre Wünsche und Forderungen aufschrieben – erstmals bei den Protesten 2014. Jetzt wurde diese kreative Protestform wieder aufgegriffen, und es gibt in allen Bezirken HongkongsLennon Walls“. Ich habe meine Installation daran angelehnt, um zu zeigen, wie es in Hongkong aussieht und welche kreative Energie in den Protesten steckt. Denn ich habe das Privileg, meine Arbeit hier zu zeigen und verpasse keine Gelegenheit, um der ganzen Welt mitzuteilen, was gerade in Hongkong passiert.

Sie sind Künstlerin und Aktivistin. Wie verbinden Sie ihre künstlerische Arbeit mit ihrem politischen Aktivismus?

Das ist kompliziert. Meine Installation würde ich nicht als Protest bezeichnen, sondern als Kunst. Aber ich verwende künstlerische Ausdrucksformen auf Demonstrationen. Protest ist für mich immer schon performativ, aber ich mache ihn mit Aktionen wie dem „Blind Walking“ noch performativer. Ich wollte in dieser Performance erfahren, was Protest für mich bedeutet und machte die Erfahrung, dass mir sehr viele Menschen ihre Hilfe anboten, als ich mit verbundenen Augen an der Demonstration teilnahm. Sogar die Polizei führte mich auf den richtigen Weg zurück. Ich war verwundbar mit verbundenen Augen – gleichzeitig setzte ich auch ein starkes visuelles Statement gegen die Macht Chinas.

Muss Kunst für Sie politisch sein?

Ich denke nicht, dass Kunst immer politisch sein muss. Politisch bezieht sich für mich in erster Linie auf Machtverhältnisse und -strukturen. Die Ausstellung in Leipzig heißt „Die Enden der Freiheit“ und in diesem Zusammenhang führt kein Weg an Politik vorbei. Ich habe eine politische Botschaft in meiner Kunst, aber ich betrachte sie nicht als Protest, sondern sehe sie klar in einen Kunst-Kontext. Aber ich kann den Menschen in Hongkong mit meiner Kunst eine Stimme geben.

Kann Kunst Veränderungen bewirken?

Ich denke, wir können Dinge nicht in einer Sekunde oder in einer Minute verändern. Aber wenn ich beispielsweise meine Performance aufführe, kommen hinterher manchmal Leute zu mir, die mir sagen, dass sie davon berührt wurden. Wir können nicht die ganze Welt verändern, aber einen Butterfly-Effect auslösen. Wenn ich eine Person ändere, ändert sie eine andere und so weiter ...

Als Aktivistin haben Sie in den letzten fünf Monaten an den Protesten in Hongkong teilgenommen. Wie ist die Situation im Moment? Gibt es Verbesserungen?

Aus Sicht der Regierung sind die Proteste gewaltsamer geworden. Aber für mich wird diese Gewalt von der Polizei ausgelöst. Die Polizei missbraucht ihre Macht. Menschen können ohne Grund festgenommen, zusammengeschlagen oder sogar getötet werden. Gleichzeitig sehe ich, wie wir uns in den Protesten weiterentwickeln. Wir glauben noch immer an den friedlichen Protest. Die Menschen in Hongkong sind sehr folgsam und räumen nach Demonstrationen immer auf und sorgen für Ordnung. Das ist wirklich verrückt. Mittlerweile haben sich die Proteste aber verändert. Es gibt auch Vandalismus gegen Geschäfte, die offen die Regierung unterstützen. Das ist keine ganz einfache Situation. Denn es gibt auch Gruppen, die keine gewaltfreie Linie vertreten. Obwohl das schwierig zu vereinen ist und es unterschiedliche Protestformen gibt, herrscht eine große gegenseitige Unterstützung und Solidarität unter den Protestierenden.

Haben Sie die Hoffnung, dass es eine Veränderung in Hongkong geben wird?

Das ist wirklich sehr schwer zu sagen. Ich habe die starke Überzeugung, oder Hoffnung, dass eine Veränderung kommen wird. Nicht nur eine Veränderung in der Regierung, sondern ich sehe die Veränderung in den Köpfen der Menschen, die eine andere Gesellschaft schaffen wollen. Ich erlebe unter den Protestierenden eine große Solidarität und viel selbstloses Verhalten. Die Menschen passen in brenzligen Situationen und in Konfrontationen mit der Polizei aufeinander auf. Durch solche Erlebnisse habe ich Hoffnung. In einer Tragödie lernen wir aufeinander aufzupassen. Wir lernen jeden Tag etwas Neues dazu.

Wen Yau, die Proteste in Hongkong und ihre Ausstellung in Leipzig

Ausgangspunkt für die Proteste in Hongkong war das umstrittene Auslieferungsgesetz an China, das mittlerweile zurück genommen wurde. Seit bereits fünf Monaten halten die Proteste an und haben sich zu einer regierungskritischen Demokratiebewegung entwickelt. Gewaltvolle Zusammenstöße zwischen Polizei und protestierenden nehmen zu.

Wen Yau nimmt als Künstlerin und Aktivistin an den Protesten teil.

Die Leipziger Ausstellung „Die Enden der Freiheit“ mit ihrer Installation „Wir sind das Volk!“ ist noch bis zum 7. Dezember in Leipzig zu sehen.

geöffnet Di–Sa 11–18 Uhr, Halle 14, Spinnereistraße 7

Von Lilly Günthner

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