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17:26 07.06.2019
Zugehörigkeit, Identität und Tradition: Das und die Tracht machen Heimat konkret. Hier für die bayerischen Gebirgsschützen am Patronatstag Benediktbeuern. Quelle: Angelika Warmuth/dpa
Leipzig

Heimat ist ein beladenes Wort. Es trägt Erwartungen und Missverständnisse. In der DDR gab es das Unterrichtsfach Heimatkunde und das Lied „Unsere Heimat“. In der Bundesrepublik kümmerten sich beizeiten Heimatfilme um die Sehnsucht nach Zugehörigkeit, Identität und Tradition. Und was bedeutet Heimat heute? Für wen? Und wo genau?

Der Heimat-Krimi boomt, die Oper Leipzig hat ihren ersten Kompositionswettbewerb unter das Motto „Wie klingt Heimat?“ gestellt. Und in dieser Woche fand im Bundesinnenministerium ein Dialogforum statt, das unter dem Titel „Heimat im Herzen, Heimat in Deutschland“ stand, um sich über die Integration von Deutschen aus Russland auszutauschen.

Folklorisierung der Politik

Das Bundesministerium ist inzwischen auch für Heimat zuständig und hat mit Horst Seehofer einen Chef an der Spitze, der sich als langjähriger Leiter eines riesigen Heimatmuseum, als Ministerpräsident nämlich, zumindest dafür qualifizieren konnte. Bayern steht exemplarisch für alles Tümelnde. Und so ist es eine gute Einstimmung, die 198. Ausgabe der Kulturzeitschrift „Kursbuch“ (200 Seiten; 19 Euro) mit Georg Seeßlens Text „Bayern als Mythos, Ideologie und Ware“ zu eröffnen – mit Beispielen für Folklorisierung der Politik und Politisierung der Folklore.

Dieses aktuelle „Kursbuch“ steht unter den dem Titel „Heimatt“ – mit tt für „Das ganze Gerede um Heimat ermattet uns langsam“, wie Herausgeber Armin Nassehi im Editorial schreibt. Feuilletonist Seeßlen bringt das Wesentliche auf den Punkt, wenn er „Nation“ und „Heimat“ als zwei „Supermythen“ bezeichnet, die „das Geflecht der fabrizierten Identitäten“ zusammenhält.

„Endlos neu erfunden, beschrieben, gefeiert“

Zu deren Erscheinungsformen gehöre das Heilige und das Karnevalistische, die ohne einander beinahe nicht denkbar seien, in deren Dualität Faschisierung lauere. „Wenn eine soziale Erfahrung verloren geht“, schreibt Seeßlen, „entsteht eine unerfüllbare Sehnsucht, ein hungriges Loch in der Seele“. Das wolle gefüttert werden. „Da es das Volk als konkrete soziale Erfahrung und tragfähigen Mythos nicht gibt, wird es, links wie rechts, klug wie dumm, endlos neu erfunden, beschrieben, gefeiert.“

Das Zusammenwachsen der beiden deutschen Gesellschaften habe als gemeinsame Kultur nur das Volkstümliche hervorgebracht. Seeßlen zeigt Zusammenhänge zwischen volkstümlicher Musik, Heimatsound und der „mehr oder weniger alpenländischen Heimat-Popkultur“ der 80er und 90er Jahre als „Experimentierfeld der neonationalistischen und neurechten Semantik in der Berliner Republik“.

„Ortloser Ort“ Internet

Neben dieser Einordnung von Heimat als Mythos, Zeichen und Ware stehen Texte, die den Begriff in andere Richtungen weiten, Erfahrungen einordnen, den der Heimat-Renaissance zugrunde liegenden Unsicherheiten auf der Spur bleiben. Schriftsteller Maxim Biller erzählt von „Max in Palästina“, Nassehi führt in „Sieben Exkursionen in eine Soziologie der Heimat“, Integrationsforscherin Naika Foroutan schreibt über ihr „kulturelles Code-Switching“, Religionslehrer Levi Israel Ufferfilge über ein „jüdisches Nachhause“, Gourmetkritiker Jürgen Dollase über „das Verschwinden der ,Heimatküchen’“ und Musikwissenschaftler Michael Hass über „Exilmusik und Rückkehr“, die Verinnerlichung von Heimat in der Fremde.

Ob das Internet so etwas wie Heimat bieten kann, fragt Politikwissenschaftler Adrian Lobe, oder ob „seine Distanzen und Raum aufhebende Wirkung nicht das Gefühl des Heimatverlusts verstärkt“. In Japan sei es völlig normal, dass junge Männe eine Beziehung mit künstlichen Personen führen – man könne also auch in der Virtualität heimisch werden.

Er zitiert den Journalisten und Internet-Versteher Dirk von Gehlen mit den Worten, Heimat sei da, „wo sich das WLAN automatisch verbindet“, ein „ortloser Ort“. Auch Dirk von Gehlen ist im „Kursbuch“ vertreten, sein Essay „Heimat hacken“ eine Hinführung zum Plural des Begriffs Heimat, die es gefühlt und gelebt geben kann: im Herzen und im Wohnland.

Alltägliche Ausgrenzung

„Irgendeinen Vorteil muss dieses Leben mit zwei Heimaten ja schließlich haben“, sagt Fotograf Firat Kara, der aus Mannheim kommt und in der Türkei geboren wurde. Seine Frau Kristina Kara und er sind Herausgeber des Buches „Haymat. Türkisch-deutsche Ansichten“, das bei suhrkamp nova erschienen ist (253 Seiten, 20 Euro). Menschen aus der deutsch-türkischen Community berichten von alltäglicher Ausgrenzung und Rassismus in Institutionen, sie sprechen über Integration und Stolz.

Während das „Kursbuch“ Cover in Dirndl-Rosa strahlt, knallt „Haymat“ mit sehr viel Rot zwischen nur schmalen Rändern in Schwarz und Gold. Auch das Buch „Haymatland. Wie wollen wir zusammenleben?“ (Ullstein Verlag; 160 Seiten, 16 Euro) der TV-Journalistin Dunja Hayali mag auf Nationalfarben nicht verzichten – in ihrem Fall in einer Jacke, die über ihrer Schulter hängt.

Verlorene Inhalte

Wenn nicht gerade Fußball-WM ist, spielt Schwarz-Rot-Gold als Statement ja lieber ins Ironische, so wie Heimat lieber Region genannt wird und Mutterboden vor allem für Biogemüse eine Rolle spielt. Hayali erinnert daran, dass Menschen ein Gefühl von Heimat geben können. Sie hofft, dass „wir es schaffen, unsere Heimat zu bewahren, indem wir ihre Veränderungen akzeptieren“. Heimatbegriff und Heimatempfinden benötigten „immer wieder ein Update“.

„Land / Of Lost Content“ heißt einer Preisträger-Kompositionen des Leipziger Wettbewerbs. Über verlorenen Inhalt wird noch viel zu reden sein. Eben auch 30 Jahre nach dem partiellen Heimatverlust der Ostdeutschen. Die Leerstellen ist ausgeschrieben.

Am 5. Oktober liest Dunja Hayali im Leipziger Kupfersaal (20 Uhr, Kupfergasse 2); Karten gibt es u.a. in der Ticketgalerie (LVZ-Foyer, Peterssteinweg 19; Barthels Hof, Hainstr. 1), unter Tel. 0800 2181050 (gebührenfrei), auf www.ticketgalerie.de

Von Janina Fleischer

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