Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Kultur Regional Leipzig als Sitz einer Europäischen Union? Ein Buch stellt „Europas vergessene Visionäre“ vor
Nachrichten Kultur Kultur Regional Leipzig als Sitz einer Europäischen Union? Ein Buch stellt „Europas vergessene Visionäre“ vor
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:00 07.12.2019
Die Europa regina (lateinisch für Königin Europa) in Heinrich Büntings Itinerarium Sacrae Scripturae, 1582. Das kartografische Motiv mit Europa in Gestalt einer jungen Frau war zeitweise populär unter Kartografen. Quelle: Wikimedia Commons
Leipzig

Bartolus de Saxoferrato (1313/14–1357), Dietrich Hermann Hegewisch (1740–1812) oder Charles Lemonnier (1806–1891), schon mal gehört? Vermutlich nicht. Ihr Denken, ihre Haltungen und ihre Ideen zu einem Friedensprojekt Europa – zum Teil Jahrhunderte bevor es die EU gab – werden in dem jetzt erschienenen Band „Europas vergessene Visionäre“ beschrieben. Insgesamt 61 dieser Vordenker vom ausgehenden Mittelalter bis heute stellt das im Nomos Verlag erschienene chronologisch sortierte Lexikon vor – die Autoren sind Historiker, Juristen, Sozial- und Sprachwissenschaftler aus 16 europäischen Universitäten.

Von der Gegenwart verstellter Blick

Das Wichtige an diesem von dem Politikwissenschaftler Winfried Böttcher (83) herausgegebenen Band: Es ist keineswegs eine museale Rückschau, sondern ein Plädoyer für die Rettung Europas, die nach Ansicht Böttchers nur mit der Überwindung der Nationalstaaten möglich ist. Natürlich lassen sich diese höchst unterschiedlichen „vergessenen Visionäre“ mitnichten für eine einzige These heranziehen, für den so dringlichen Diskurs aber helfen sie, den von der Gegenwart verstellten Blick zu weiten.

Faszinierend ist beispielsweise allein schon die Biografie des Franzosen „Pierre André Gargaz (1728–1801), von dem es keinen Wikipedia-Eintrag gibt. Ein Autodidakt, der wohl aus bäuerlichem Milieu stammt. Für einen Mord, den er zeitlebens bestritt, wurde er 1761 zu 20 Jahren Galeerenhaft verurteilt. Während der Haft entwickelte er seine humanistischen Ideale, die er in einen Plan über einen allgemeinen und ewigen Frieden münden ließ. Er empfahl darin unter anderem, wie der Historiker Wolf D. Gruner ausführt, einen permanenten Europäischen Kongress einzurichten, in den jeder europäische Souverän einen Mediator entsendet.

Projekt eines immerwährenden Friedens

Ein „Projekt, einen immerwährenden Frieden in Europa zu unterhalten“ hatte auch der in Greifswald geborene Jurist, Übersetzer und Dichter Franz von Palthen (1725–1804) im Sinn. So ist sein 1758 erschienener Essay überschrieben, in dem er die Errichtung eines Europäischen Parlaments beziehungsweise Friedensgerichts vorschlägt, dessen Urteilen sich alle europäischen Staaten zu folgen verpflichteten, so der Historiker Martin Espenhorst. Der Sitz dieser Institution sollte nach Ansicht von Palthens in der Mitte Europas sein – und zwar in Hamburg, Nürnberg oder Leipzig.

Der Kieler Geschichtsprofessor und Kulturhistoriker Dietrich Hermann Hegewisch, ebenfalls von Espenhorst vorgestellt, ging noch weiter. In seinem 1787 erschienenen Artikel „Ueber einen in Europa einzuführenden allgemeinen Münzfuß“ sprach er sich für eine europäische Währungsunion aus. Zudem konnte er sich einen auf freiwilligen Verträgen beruhenden multinationalen Staatenbund europäischer Mächte mit einer gemeinsamen Regierung vorstellen. Hegewisch, darf man vermuten, hätte den Brexit heftig kritisiert. Espenhorst: „Den Austritt eines Staates aus einem gemeinschaftliche multinationalen Verbund kritisierte er als kulturellen Rückschritt.“ Nationalistische und separatistische Bestrebungen lehnte er ab. So schwingt schon sehr lange vor der Gründung der EU die Sorge um ihren späteren Bestand mit.

Nicht nur Gegenwart verlängern

Eine prophetische Sorge. Der Untertitel klingt für einen wissenschaftlich angelegten Band fast schon alarmistisch: „Rückbesinnung in Zeiten akuter Krisen“. Der österreichische Schriftsteller Robert Menasse konstatiert in seinem Geleitwort „eine gefährliche Situation“. Ohne eine Idee von der Zukunft könne man sie nicht gestalten, sondern bestenfalls Gegenwart verlängern. „Wenn diese Vermittlung nicht gelingt, dann stockt die Geschichte, bockt gegenüber der Herausforderung, Logik in ihr Walten zu bringen, dann sinkt das Visionäre eben in die Vergessenheit, und in der Realität wächst die Stimmung der Krise – und die Sehnsucht der Rückkehr in eine Geschichte, die es nie gab.“

Der Epilog des Herausgebers zieht die von Menasse gezogene Linie weiter: „Der Hauptstörenfried für eine grundlegende Reform der EU ist der Nationalstaat. Er ist die eigentliche Ursache für die Systemkrise der EU, weil er selbst in der Systemkrise steckt“, schreibt Winfried Böttcher. Der Nationalstaat stehe von innen und außen unter Druck. Einerseits verdichte sich bei den Bürgern das Gefühl, es gehe in der Gesellschaft nicht gerecht zu, andererseits könne er durch die Globalisierung seine politische und ökonomischen Ordnungsvorstellungen nur noch bedingt durchsetzen. Seine Schluss: „Das Europa der Zukunft wird föderal, regional, humanistisch, rechtsgleich, kurz republikanisch, oder es wird gar nicht sein.“

Eine verwegene Idee

Und vielleicht wirken die von ihm dem Vergessen entrissenen Visionäre weiter, wenn Böttcher vorschlägt, die EU neu zu gründen. Seine Idee ist verwegen: Frankreich und Deutschland verlassen die EU, deren Rest zunächst als Freihandelszone existieren kann, und begründen in einem Gesellschaftsvertrag die „Europäische Republik“.

Eine Idee, die bereits der nicht ganz so unbekannte Ludwig Börne (1786–1837) hatte. Auch er wird in dem Buch als Europäer vorgestellt.

Winfried Böttcher (Hrsg.): Europas vergessene Visionäre. Nomos Verlag;521 Seiten, 58 Euro

Von Jürgen Kleindienst

Anfang Dezember gab Sunrise Avenue bekannt, dass sich die Wege der Bandmitglieder im kommenden Jahr trennen werden. Daraufhin war die Nachfrage für die Konzerte so groß, dass die Band auch in Leipzig ein Zusatzkonzert veranstaltet.

06.12.2019

Mit Songs vom aktuellen Album „Junkies & Scientologen“ sowie seinen älteren Hits gastierte Thees Uhlmann am Donnerstagabend im fast ausverkauften Werk 2. Dabei bekannte er sich zu seiner Liebe zu Leipzig.

06.12.2019

Das Gewandhausorchester unter Andris Nelsons gedenkt im Großen Konzert seines Mentors Mariss Jansons’ mit Werken von Wagner, Bruckner und Gubaidulina. Bei der deutschen Erstaufführung von deren drittem Violinkonzert ist Vadim Repin der Solist

06.12.2019