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Kultur Regional Leipziger Jahresausstellung sorgt bereits im Vorfeld für Diskussionen
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20:32 22.05.2019
Renommierte Leipziger Institution: Blick in die Jahresausstellung des vergangenen Jahrs in der Werkschauhalle der Spinnerei. Quelle: André Kempner
Leipzig

Schlicht und klar ein Ausrufezeichen ist Titel der 26. Leipziger Jahresausstellung, die am 6. Juni in der Werkschauhalle der Leipziger Spinnerei eröffnet wird. „In diesen emotional wie politisch aufgeregten Zeiten soll es dafür stehen, dass wir Künstler allen etwas mitzuteilen haben“, sagt Rainer Schade, Vorsitzender des Vereins Leipziger Jahresausstellung.

In gewisser Weise und nicht unbedingt geplant ist das in diesem Jahr bereits vor der Ausstellung der Fall. Ein Künstler hat sich kurzfristig zurückgezogen, etwa 10 weitere Teilnehmer und Teilnehmerinnen von nun noch 36 haben sich in einem Brief an die Vereinsmitglieder und ihren Vorsitzenden gewandt. Für sie gibt es in diesem Jahr auch ein deutliches Fragezeichen: die Teilnahme Axel Krauses.

Trennung nach 14 Jahren

Im August des vergangenen Jahres hatte sich seine Galerie Kleindienst in der Spinnerei wie berichtet nach 14-jähriger Zusammenarbeit von ihm getrennt, weil sie seine politischen Ansichten beziehungsweise öffentlichen Äußerungen „weder teilen noch mittragen wollte“, wie Galerist Christian Seyde dem MDR sagte. Der Fall fand bundesweite Aufmerksamkeit. Krause, ein Vertreter der Neuen Leipziger Schule, unterstützt auf Facebook die AfD. Pegida, die AfD und die Identitären nennt er einen „zu begrüßenden Beitrag zur Gesellschaft“. Seine Seite ist voll von Empfehlungen neurechter Publikationen. Der 1958 in Halle geborene Künstler ist Mitglied des Kuratoriums der von der AfD gegründeten Desiderius-Erasmus-Stiftung. Krause gehört zu den Erstunterzeichnern der „Charta 2017“ der Dresdner Buchhändlerin Susanne Dagen, in der unter anderem vor einer „Gesinnungsdiktatur“ gewarnt wird.

Die Galerie, die sich die Entscheidung für die Trennung nach Aussage Seydes keineswegs leicht gemacht hat, erhielt daraufhin neben viel Zuspruch einen Shitstorm bis hin zur Morddrohung. Der Künstler, von dem gerade neue Arbeiten im Kunst-Kontor in Potsdam zu sehen sind, wiederum sprach von einem Rückfall in DDR-Zeiten. Auf seinem Facebook-Account schrieb er im August 2018: „Ich halte die illegale Masseneinwanderung für einen großen Fehler und die AfD für ein zu begrüßendes Korrektiv im maroden Politbetrieb. Das scheint ausreichend für ein Ende nach 14 Jahren des Miteinanders.“

„Wir können nicht die Gesinnung unserer Künstler recherchieren“

Für Rainer Schade ist die Teilnahme des Künstlers an der Jahresausstellung kein explizites Statement für Axel Krause, sondern eines für seine Kunst. Schade verweist auf das Verfahren, mit dem die Teilnehmer ausgewählt werden. Der Verein habe rund 120 Mitglieder, die jeweils bis zu fünf Vorschläge einreichen könnten. Anschließend filtere eine Auswahlkommission, bestehend aus Vereins- und Vorstandsmitgliedern sowie sachkundigen Gästen, eine möglichst stimmige Ausstellung heraus. Berücksichtig würden dabei alle Genres und Altersstufen. „Das einzige Kriterium ist die Qualität der Arbeiten, da lässt uns die Satzung keinen Spielraum.“

Natürlich sei man sich der Problematik bewusst, sei ihm die Diskussion um Krause bekannt, sagt Schade weiter. „Sie können uns glauben, dass wir da schon genau hingucken, was er einreicht, ob es Propaganda oder schlecht ist. Es gab den Vorschlag. Es wurde abgestimmt. Und wenn jemand die Mehrheit hat, ist er drin. Natürlich haben wir darüber diskutiert.“ Andererseits habe man sich aber auch gefragt: „Was wissen wir von anderen Künstlern, die ebenfalls in der Liste sind, was diese privat oder politisch tun? Es gibt ja nicht nur das rechte Spektrum. Wir können nicht die Gesinnung unserer Künstler recherchieren, um zu schauen, ob sie ausstellungswürdig sind.“

Kunst und Künstler zu trennen, sei für sie nicht möglich, schreiben dagegen etwa zehn an der Jahresausstellung beteiligte Künstler in ihrem Brief an den Verein. Es erfülle sie mit Unbehagen, dass die Einladung Krauses als politisches Statement der Jahresausstellung und auch der beteiligten Künstler gelesen werden könne, auch wenn dies vielleicht nicht beabsichtigt worden sei, heißt es in dem Schreiben weiter. Es gehe keineswegs darum, einen Künstler auszuschließen, sondern darum, mit einem Thema umzugehen, das viele bewegt, sagte einer der Unterzeichner.

„Kann es nicht mit meinem Gewissen vereinbaren“

Der Künstler Moritz Frei hat seine Teilnahme an der Schau abgesagt: „Kunstfreiheit ist mir ein hohes Gut (im Gegensatz zur AfD), und ich habe nichts dagegen, dass Axel Krause seine Bilder ausstellt. Ich kann es mit meinem Gewissen allerdings nicht vereinbaren, mit ihm zusammen an der Jahresausstellung teilzunehmen“, schreibt er an den Verein.

Axel Krause: Besser miteinander- als übereinander reden

Er sehe die Debatte um seine Teilnahme mit Gelassenheit, sagte Axel Krause. Gehört habe er davon bislang allerdings noch nichts. „Man kann doch eine Partei ablehnen, aber wegen so etwas würde ich nicht eine Ausstellung verlassen.“ Er sei jederzeit zu einem Gedankenaustausch bereit, auch im Rahmen der Ausstellung. Es werde zu viel über- und zu wenig miteinander geredet, fügte er hinzu.

Was im vorliegenden Fall vielleicht auch daran liegt, dass die Partei, für die sich Krause einsetzt, eine eigenwillige Auffassung von Kunstfreiheit vertritt: Die Freiheit, auf die die AfD pocht, wenn ihre Vertreter oder Sympathisanten öffentlich kritisiert werden, will sie anderen entziehen. Die AfD hinterfragt die Zulässigkeit von Fördergeldern für Kunstprojekte, die sich gegen Rassismus engagieren. Geklagt wird gegen Theaterinszenierungen, Parteivertreter fabulieren vom „volkspädagogischen Anspruch“ des Theaters oder der „Nationalbildung“. Stücke, die sich mit der AfD kritisch befassen – etwas, das sich auch andere Parteien seit Jahrzehnten gefallen lassen müssen – sollen verhindert werden.

Freude auf eine gute Ausstellung „gerne auch mit Kontroversen“

Besonders pikant: Die Leipziger AfD hat bei ihrem Wahlkampfauftakt die freie Kulturszene der Stadt indirekt unter Extremismusverdacht gestellt. Sie solle nur noch finanzielle Unterstützung erhalten, wenn sie sich zum Grundgesetz bekennt, hieß es wie berichtet. Auch die Jahresausstellung gehört zur freien Szene. Dazu Schade: „Dass die AfD idiotische Auffassungen vertritt, das ist uns doch bekannt, und die teilen wir nicht.“ Man könne aber jetzt nicht jeden, der sie unterstützt, unter Rechtsextremismusverdacht stellen, ihm die Opferrolle zuweisen. Wir bedauern, dass von 36 guten Beiträgen nun einem einzigen die große Aufmerksamkeit gilt.“ Schade freut sich auf eine gute Ausstellung „gerne auch mit Kontroversen“.

Einer der Künstler bringt diese in die Ausstellung. Wie – das will er noch nicht verraten. Aber er werde sein Unbehagen, seine Kritik in ein Kunstwerk übersetzen, kündigt er an.

26. Leipziger Jahresausstellung in der Werkschauhalle der Spinnerei (Spinnereistraße 7); Eröffnung: 6. Juni, 20 Uhr, bis 30. Juni; Di–Fr 13–18, Sa 11–16, So/Feiertage 14–18 Uhr

Von Jürgen Kleindienst

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