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Kultur Regional Gibt es gerechte Morde? Ein neuer Krimi sucht Antworten
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16:51 20.01.2020
Der Schriftsteller Ulf Torreck, der auch als David Gray veröffentlicht. Quelle: Erik Weiss
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Leipzig

Tote überall: In Träumen, auf Bildern, hingerichtet an Häuserwänden, in Kellern, Hinterhöfen und ungezählt auf den Schlachtfeldern. Wo es Tote gibt, sind die Mörder nicht weit. Auch sie bevölkern zahlreich den neuen historischen Roman des Leipziger Krimi und Thriller-Experten Ulf Torreck. Kaum einer unter den Protagonisten seiner Geschichte, dem nicht Blut an den Händen klebt in dieser „Zeit der Mörder“, so der Titel.

1947, die Aufarbeitung der Gräuel des Zweiten Weltkrieges steht noch am Anfang, da liegt wieder eine Leiche im Gras: Der junge Inspektor Dermot Lynch muss im beschaulichen irischen Dorf Doolin den Maler Claas Straatmann vernehmen, da dieser auf seinem Grundstück einen Fremden erschossen hat.

Zweite Identität

Von Anfang an liegen Zweifel über der vermeintlichen Notwehr-Tat. Allein schon die auf Wunsch Straatmanns angereisten Sachverständigen, Verteidiger und Zeugen sind allzu hohe Tiere für einen Provinzfall. Aber Straatmann ist auch nicht einfach ein niederländischer Maler im irischen Landidyll, sondern offenbart schnell: Eigentlich ist er der ehemalige SS-Obersturmbannführer Carl Friedrich von Maug, ein einstiger Beamter, der 1943 nach Paris versetzt wird.

Und so bleibt auch die Erzählung nicht bei der Zeugenaussage, sondern springt in die Kriegsjahre. Mit filmischer Bildlichkeit in Szenen voller Spannung, Action, Blut und Intrigen taucht Torreck ein in das mal verdeckte, mal offen blutige Kompetenzgerangel abseits der großen Schlachtenerzählungen im Verwaltungsdschungel der deutschen Besatzung. Wehrmacht, SS, Gestapo und Pariser Polizei arbeiten alle mehr gegen- als miteinander, auch die Résistance und das organisierte Verbrechen mischen mit.

Ein Rest Gewissen

In „diesem verdammten Knoten aus Mord, Korruption und purem Wahnsinn“ will sich von Maug eigentlich nur gepflegt totsaufen. Zwar nagt ein Rest Gewissen hinsichtlich des Schicksals der Juden an ihm, keine Illusion macht er sich darüber, dass jeder Deutsche zu dieser Zeit wissen konnte, was hier millionenfach im Gange ist.

Doch das „brüllende Schweigen“ hat ihn so fest im Griff wie so viele. In seiner bewussten Resignation erscheint er erstaunlich modern: Längst hat er erkannt wohin toxische Männlichkeit voller Kampfbegriffe wie Pflicht, Ehre und Tradition in der Geschichte immer wieder geführt hat.

Doch bald bekommt er eine Aufgabe: In den Deportations- und Besatzungswirren geht ein Serienkiller um, der seine Opfer zu morbiden Familienbildern und NS-Symbolen drapiert. Zusammen mit seinem zwielichtigen Assistenten Otto Heiliger, dem Französischen Kriminalpolizisten Bruno Perreau und der fast mystischen Psychologin Nathalie Burns de Beauharnais vom Roten Kreuz macht er sich an die, seltsamerweise immer wieder von der Gestapo behinderten, Ermittlungen. Als auch noch Liebe unter gesellschaftspolitisch schwierigen Bedingungen dazu kommt, wird es kompliziert.

Reales Vorbild

Allerdings nur für die Figuren: Torreck versteht es, seine vielschichtige Geschichte trotz der Zeitsprünge stringent und spannend bis zum Ende zu erzählen, immer im richtigen Moment den nächsten Clou zu präsentieren. Dabei merkt man ihm die Lust am Tiefgang und historische Detailverliebtheit an, ein Luxus, den er sich unter seinem Krimi-Pseudonym David Gray im deutlich Genre-verhafteten Selfpublishing-Gewerbe trotz anhaltendem Erfolg weniger leisten kann.

Genre-Enthusiast bleibt er dennoch und taucht in „Zeit der Mörder“ das historische Sujet in eine Thriller- und Krimihandlung, die auch über die Anfänge des Profilings und der Forensischen Psychologie phantasiert.

Der Killer basiert auf dem realen, 1946 hingerichteten Serienkiller Marcel Petiot, dem Torreck das Element hinzufügt, seine Opfer zu Tableaus zu inszenieren, wie man es aus Filmen wie „Sieben“ kennt.

Drastische Sensorik

Neben Historie und Spannung verwendet Torreck außerdem effektvolle Mühe auf möglichst drastische Sensorik: Man hat eigentlich immer das Gefühl es wäre laut und dreckig, vor allem stinkt es. Besonders nach Zigaretten, denn geraucht wird ununterbrochen.

Moralisch hält „Zeit der Mörder“ den ein oder anderen Zwiespalt bereit: Zwischen gut und böse zu unterscheiden ist schier unmöglich. Ein Dilemma, was neben den Kriegswirren ein allgemein menschliches Phänomen ist, mit der Frage: Woher kommt „das Böse“, wie schnell wird man zum Mörder? Wo liegt der Unterschied zwischen im Krieg legitimiertem, industriellem, individuellem und vielleicht sogar „gerechtem“ Mord?

Ulf Torreck: Zeit der Mörder. Roman. Heyne Verlag; 576 Seiten, 10,99 Euro

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