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Kultur Regional Leipzigs Opernintendant Ulf Schirmer ist auf der Zielgeraden und auf dem Weg zum ganzen Wagner
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00:29 17.03.2019
Ballettchef Mario Schröder, Operndirektorin Franziska Severin, Intendant und Generalmusikdirektor Ulf Schirmer (Intendant) und Torsten Rose der Betriebsdirektor der Musikalischen Komödie (v.l.) bei der Jahrespressekonferenz der Oper Leipzig.
Ballettchef Mario Schröder, Operndirektorin Franziska Severin, Intendant und Generalmusikdirektor Ulf Schirmer (Intendant) und Torsten Rose der Betriebsdirektor der Musikalischen Komödie (v.l.) bei der Jahrespressekonferenz der Oper Leipzig. Quelle: Christian Modla
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Leipzig

Ulf Schirmer, Intendant und Generalmusikdirektor der Oper Leipzig, surft auf einer Welle enthusiastischer Zufriedenheit. Gerade von einem Hongkong-Gastspiel zurückgekehrt, wo sein Haus mit Mann und Maus, dem Gewandhausorchester und dem „Tannhäuser“ gefeiert wurde, kann er zur Spielzeit-Pressekonferenz für die Saison 2019/20 nicht anders, als auch mit ein paar Zahlen den Erfolg seiner Arbeit zu unterstreichen: 391 Vorstellungen bot die Oper Leipzig 2018 an, davon 263 auf den großen Bühnen am Augustusplatz und in der Musikalischen Komödie und vor 192 000 besetzten Plätzen. Zählt man Gastkonzerte, Silvesterparty, Vermietungen, Gastspiele und den großen Bereich von Christian Geltingers „Junger Oper Leipzig“ mit, kamen 270 000 Besucher. Als Schirmer 2011 das Intendantenamt antrat, waren es noch 155 000.

Auf der Zielgeraden

Bis zum 1. August 2022 läuft sein Vertrag, die Stelle war mittlerweile ausgeschrieben, es gab knapp 30 Bewerber, die die Auswahlkommission derzeit prüft. Schirmer biegt in der Oper Leipzig folglich auf die Zielgerade ein, und bei seinem monumentalsten Repertoire-Projekt kommt ebenfalls die Ziellinie ins Blickfeld: Am 5. Oktober feiert unter seinem Dirigat und in der Regie von Leipzigs Schauspielchef Enrico Lübbe Richard Wagners „Tristan und Isolde“ Premiere. Für Schirmer gibt es „kein anderes Werk des 19. Jahrhunderts, das die Kunst- und Kulturgeschichte so stark beeinflusst hat“. Darum sei diese Neuproduktion, die letzte besorgte 1997 Willy Decker und geriet ziemlich langatmig, „ein Meilenstein auf dem Weg zum ganzen Wagner“. Danach fehlen nur noch ein neuer „Lohengrin“ (kommt 2020) und neue „Meistersinger“ (2021), dann hat die Oper Leipzig als einziges Opernhaus der Welt alle elf vollendeten Opern Richard Wagners im Repertoire. Was sie 2022 in Wagner-komplett-Festtagen dokumentiert. Die Ticketpreise dafür liegen derzeit beim Stadtrat, sobald der grünes Licht gibt, beginnen Vermarktung und Vorverkauf.

Heiterer Spaghetti-Western

Der neue „Tristan“ ist die zweite Premiere der neuen Saison. Drei Wochen zuvor gibt es einen „Liebestrank“. Die hinreißende Donizetti-Oper inszeniert der einstige Wunder-Tenor Rolando Villazón, der damit sein Leipzig-Debüt als Regisseur gibt. Die musikalische Leitung liegt in den Händen von Giedre Šlekyte, die gerade sehr souverän „Schneewittchen“ am Haus dirigiert, und Operndirektorin Franziska Severin verspricht zum Saisonauftakt einen „heiteren Spaghetti-Western“.

Ullmanns kleiner Parsifal

Heiter wird die dritte Oper der Saison eher nicht. Viktor Ullmanns, den die Nazis 1944 in Auschwitz ermordeten, „Der Sturz des Antichrist“. Ullmann begann die Arbeit an seinem „Bühnenweihfestspiel“ Mitte der 30er, die Uraufführung war für die Wiener Staatsoper geplant – und dann kam der „Anschluss“ Österreichs. Schirmer entschied sich zum 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz bewusst nicht für Ullmanns viel bekannteren „Kaiser von Atlantis“, sondern will prüfen, „ob dieser kleine Parsifal, den Ullmann in einer für ihn noch unbelasteten Zeit schrieb, heute repertoiretauglich ist. Die Musik jedenfalls hat mich tief berührt.“ Premiere ist am 21. März, es inszeniert Balázs Kovalik (Frau ohne Schatten, Turandot), es dirigiert Matthias Foremny.

Repertoiretauglich – das ist Mozarts „Zauberflöte“ wie kein anderes Werk. Am 2. Mai 2020 kommt sie, inszeniert von Barbora Horáková, neu, es dirigiert David Reiland, mit Ausnahme der Königin der Nacht kommen alle Sänger aus dem Ensemble, und laut Severin soll sie „frischen Wind in die Zauberflöten-Geschichte bringen“.

Zarter eskapistischer Traum

Als letzte Eigenproduktion erfüllt sich Schirmer am 28. Juni einen weiteren Herzenswunsch: Richard Strauss’ 1942 uraufgeführte Oper „Capriccio“. Ein zarter eskapistischer Traum, der mitten im Zweiten Weltkrieg die Frage erörtert, ob die Musik wichtiger sei oder das Wort. Für die Regie zeichnet Jan Schmidt-Garre (Arabella) verantwortlich, Schirmer dirigiert selbst.

Zu diesen Eigenproduktionen kommt am 8. November die Oper der Partnerstadt Brünn mit Janáceks „Jenufa“ zu Besuch. Mit dieser Vorstellung aus Leipzigs Partnerstadt endet das deutsch-tschechische Kulturjahr, das bereits in der kommenden Woche die Leipziger Buchmesse entscheidend mitprägt.

Zu Gast im Westbad

Die Musikalische Komödie steht vor einer sehr besonderen Saison. Im Haus Dreilinden rücken die Bauarbeiter zum Totalumbau des Zuschauerraumes an, und das Haus schlüpft im Westbad unter, wo, wie MuKo-Direktor Torsten Rose ausführt, „jede Aufführung eine kleine Premiere ist, weil alle Stücke an den Raum angepasst werden müssen“. Echte Premieren gibt es natürlich auch – und zwar quer durch alle Genres von der Schlager-Revue („Spiel mir eine alte Melodie“, ab 27. September“) über das Ballett-Dyptichon („Zorbas“/„Balkanfeuer, 12. Oktober), die klassische Operette (Zellers „Vogelhändler“, Premiere am 1. November), Lehárs „Juxheirat“, 4. April 2020), das Musical („Kuss der Spinnenfrau“, 1. Februar 2020), die Kinderoper („Die kleine Meerjungfrau“, 10. April), die Wunschkonzert-Gala (15. Mai, konzipiert und moderiert von Thomas Hermanns) bis zur halbszenischen Rockoper („Jesus Christ Superstar“, 12. Juni 2020).

Acht Handschriften

Angesichts dieser Fülle und stilistischen Breite möchte auch Ballettchef Mario Schröder in der Saison 2019/20 mit „Vielfalt und Mut zu Neuem“ punkten. Seine Compagnie zeigt in vier Neuproduktionen „acht verschiedene Handschriften“. Den Anfang macht am 29. November Tschaikowskis „Dornröschen“, choreographiert von Jeroen Verbruggen, am 8. Februar folgt „Lamento“, ein zweiteiliger Ballettabend Schröders, der sich zu Musik von Udo Zimmermann und Henryk Górecki mit „großen Themen, großen Fragen, großen Ängsten“ auseinandersetzt. Im Schauspiel ist das Leipziger Ballett ab 8. April 2020 mit „Triple Bill“ zu Gast, einem Abend, der Choreographien von Didy Veldman, Iván Pérez und Martin Harriague verbindet. Und zuguterletzt finden für „Soto / Scholz / Schröder“ überraschenderweise Choreographien von Cayetano Soto, Uwe Scholz und Mario Schröder zueinander.

Chorsinfonisches Tristan-Äquivalent

Gegen Ende der Spielzeit schließlich geht ein weiterer Wunsch des Hausherrn in Erfüllung: Als Beitrag zum Beethoven-Jahr und zum Bachfest dirigiert Schirmer am 12. und 13. Juni 2020 zweimal Beethovens gewaltige Missa Solemnis mit den Solisten seines Hauses, seinem Chor und dem Gewandhausorchester – und stellt damit dem musikdramatischen Monument „Tristan und Isolde“ ein chorsinfonisches Äquivalent zur Seite.

Von Peter Korfmacher