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Kultur Regional Männertanztruppe „Les Ballets Trockadero de Monte Carlo“ in der Oper Leipzig bejubelt
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23:02 02.07.2019
„Patterns in Space“ nach Merce Cunningham und John Cage. Quelle: André Kempner
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Leipzig

Merkwürdig sieht es aus, dieses steifbeinig ausholende Staksen, das hölzerne Rudern der Arme, der Rhythmus dieser Bewegungen, die ihren Puls aus einer anderen Welt zu beziehen scheinen. „Patterns in Space“ tanzen Maria Clubfoot (Alejandro Gonzales), Mihail Mypansarov (Yeric Valentino) und Maya Thickenthighya (Haojun Xie) auf der riesigen Bühne der Oper Leipzig, eine Choreographie, die auf den Spuren des großen Merce Cunningham Bewegung aus Geometrie entwickelt, aus dem Raum. Oder aus dem Weltraum? Die Schwerkraft jedenfalls scheint eine andere.

Konzentration bis zur Verbissenheit

Es geht ernst zu bei dieser Körperlichkeit. Die Blicke verraten Konzentration bis zur Verbissenheit, bei den drei Tänzern wie bei den beiden Kollegen Alla Snizova (Carlos Hopuy) und Boris Mudko (Giovanni Ravelo), die sie im Geiste John Cages mit abseitigen Klängen versorgen. Und weil alles so ernst ist, so heiligmäßig in seiner rituellen Rätselhaftigkeit, ist auch diese Nummer der Ballets Trockadero de Monte Carlo, die seit Dienstagabend und noch bis Sonntag am Augustusplatz gastieren, umwerfend komisch.

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Klassiker aller Klassiker

Das ist insofern nicht außergewöhnlich, als alles, was dieses sehr besondere Männerballett anstellt, kein Auge trocken lässt. Aber bei den Klassikern des russischen und französischen Repertoires, denen die 1974 gegründete Compagnie ihren Siegeszug über die Bühnen der Welt verdankt, sind die Mechanismen klarer zu erkennen: Lew Iwanowitsch Iwanows „Schwanensee“, dessen zweiter Akt den Abend eröffnet, ist der Klassiker aller Klassiker. Zumindest szenenweise hat so ziemlich jeder die entsprechenden Bilder im Kopf – und dazu die unsterblich schönen Melodien des Peter Iljitsch Tschaikowski.

Glucksen wird Gelächter

Drum reicht es schon, wenn hier ein junger Schwan aus dem Takt kommt. Die Jungs mit Stammsitz in New York müssen nur ein wenig (oder noch ein wenig mehr) grimassieren, diese Drehung zu weit, eine andere nicht weit genug machen, schon steigert sich das Glucksen im Saal in rückhaltloses Gelächter. Zu komisch ist bereits der Abgrund, der sich auftut zwischen den zum Teil durchaus robust die Attribute ihrer Männlichkeit ausstellenden Körpern und der Schwerelosigkeit ihrer Bewegungen.

Verkehrte Welt mit System

Denn bei den Trocks hat die verkehrte Welt System: Da tanzen die Schmächtigen die Prinzen und die Wuchtbrummen das zarte Junggeflügel – mit allen Folgen bis in die allgegenwärtigen Hebe-Figuren. Denn auch die setzen die Trocks allen anatomischen Fährnissen zum Trotz mit der tänzerischen Perfektion um, die ihr Markenzeichen ist. Und so ist dieser zweite Schwanensee-Akt momentweise durchaus auch interessant für den Tanz-Nostalgiker, der versonnen in der guten alten Zeit des klassischen Handlungsballetts schwelgt.

Vor dem Hintergrund des Bekannten

Bei der Hochzeit aus Marius Petipas „Raimonda“ verhält es sich nicht anders. Zur überschäumenden Musik Alexander Glasunows spielen die virtuosen Trocks mit Seh-Gewohnheiten und den Gepflogenheiten des Genres, ihre Parodie mit staunenswerter Könnerschaft in die makellose Oberfläche ihres Tanzes schraubend. Beim Pas de Cinq „Trovatiara“ gibt es zur Musik Giuseppe Verdis der gleiche Befund. Und beim natürlich gesetzten Ableben des Überraschungs-Schwans in der Mauser zu Saint-Saëns sowieso. Hier überall finden Staunen und Lachen, Anmut und Derbheit, Akrobatik und Slapstick vor dem Hintergrund des Bekannten zu einer unwiderstehlichen Mischung zusammen.

Unbedingt auf Augenhöhe

Zurück zu den „Patterns in Space“, die ja auf wenig bis nichts aufbauen können, aber mindestens ebenso komisch sind. Obwohl oder weil die Trocks sich jeder allzu wohlfeilen Avantgarde-Parodie enthalten und auch diesem Klassiker, denn das ist er längst schon, die Würde des großen Kunstwerks belassen. Les Ballets Trockadero de Monte Carlo“ erheben sich nicht in sarkastischer Häme über dieses Tanz-Experiment, diese etwas spröde Zukunft von früher, sondern schließen sie liebevoll augenzwinkernd in die Arme. Ein liebevoller Spott unter Freunden sozusagen – und unbedingt auf Augenhöhe.

Folglich fällt auf nach den (leider zu kurzen) „Patterns in Space“ der Jubel in der bestens gefüllten Oper ähnlich aus wie beim Rest des rund zweieinhalbstündigen Programms.

Les Ballets Trockadero de Monte Carlo zu Gast in der Oper Leipzig – Vorstellungen: Mittwoch bis Freitag jeweils 20 Uhr, Samstag 14.30 und 20 Uhr, Sonntag 14.30 Uhr; Karten (32,90 bis 81,90 Euro) sind zu bekommen u.a. in der Ticketgalerie Leipzig (LVZ-Foyer, Peterssteinweg 19; Barthels Hof, Hainstr. 1), unter der gebührenfreien Telefonnummer 0800 2181050, auf www.ticketgalerie.de oder an der Opernkasse.

Von Peter Korfmacher

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