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Kultur Regional Les Balletts Trockadero de Monte Carlo kehren nach Leipzig zurück
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14:38 16.05.2019
 Maskuline Anmut: Les Ballets Trockadero de Monte Carlo. Quelle: Zoran Jelenic
Leipzig

Die Wurzeln liegen in dunkler Vorzeit: Anfang der 1970er war es, in New York, bei einer dieser zahllosen Hinterzimmer-Performances, die damals jeder machte, besuchte oder wenigstens verklärte, der zum kreativen inner circle gehörte. Fluxus war nah, Irrsinn nicht fern, heiliger Ernst traf auf Drogen, Erleuchtung auf Vernebelung – und dann stellte sich da einer in die Mitte des verrauchten Raums ohne Bühne und begann zu tanzen.

Anmut und Komik, Witz und technisches Können zeichnen den Tanz der Ballets Trockadero de Monte Carlo aus.

Doch nicht wie die verstrahlten Performer zuvor und hernach, sondern mit allem Pipapo, mit klassischer Musik, Tutu und mit Spitze. Der erstaunliche Auftritt machte schnell die Runde, fand erst Fans, dann Nachahmer – und gebar eine Idee: Die Trocks, Les Ballets Trockadero de Monte Carlo, gegründet im Jahre des Herrn 1974. Und vom 2. bis 7. Juli sind 15 tourende Herren, die 30 tanzende Damen und Herren verkörpern, wieder zu Gast in der Oper Leipzig.

Einfach witzig

Mit dem steuervergünstigten Fürstentum am Mittelmeer haben sie außer dem sperrig-wohlklingenden Namen nichts zu schaffen, auch nicht mit dem Pariser Weltausstellungs-Palast, der sich ohnehin ein wenig anders schreibt: Trocadéro. „Aber der Name klingt einfach witzig, nach guter Laune und nach schönem Wetter, nach Spaß und nach Nostalgie“, sagt Tory Dobrin. 1954 wurde er in Los Angeles geboren, mit 15 begann er seine tänzerische Ausbildung, 1980 stieß er als Tänzer zu den Trocks, mittlerweile ist er ihr Künstlerischer Direktor.

„Einfach fantastisch“

Seither hat sich viel verändert. Dobrin: „Mit unseren mittlerweile rund 4000 Auftritten rund um den Globus haben wir ein Bewusstsein für die Belange von Homosexuellen bei den Zuschauern geweckt. Ich bin stolz darauf, dass wir dazu beigetragen haben, dass sich die Gesellschaft zunehmend öffnet. Früher waren wir Kult oder Untergrund, je nach Standpunkt. Auf jeden Fall wurdest Du davor gewarnt, bei den Ballets Trockadero de Monte Carlo mitzutanzen, weil das deine Karriere ruinieren konnte. Heute stehen die Besten bei uns Schlange, weil es sich herumgesprochen hat, dass wir die Besten haben. Früher besuchte vor allem die Schwulen-Gemeinde unsere Shows, und Jugendliche wurden enterbt, bekamen die Eltern mit, dass sie sich bei uns herumtrieben. Heute kommen ganze Familien und amüsieren sich köstlich. Früher haben wir auch schon verdammt gut getanzt – aber die Jungs von heute sind einfach fantastisch.“

Maskuline Elfen

Dem ist nicht zu widersprechen. Das technische Niveau der Trocks ist schlichtweg atemberaubend. Das war beim ersten Leipzig-Gastspiel 2014 bereits so, das ist im neuen Programm wieder so, das die Company gerade im nordostitalienischen Triest dem staunenden Publikum präsentierte. Dieses technische Niveau ist die Grundvoraussetzung dafür, dass dieses Männerballett seine Wirkung entfalten kann. Denn die sehr spezielle Komik erwächst vor allem daraus, dass die Grenzen verschwimmen: Natürlich weiß ein jeder in jedem Moment, dass da ausschließlich Männer über die Bühne wehen. Und obschon die Maske alles, wirklich alles gibt, machen manche gar keinen Hehl aus ihrer recht maskulinen Erscheinung. Wie auch? Wer Spitzenschuhe in Größe 47 trägt und einen Tutu in XXL, hat eben eine andere Bühnenpräsenz als eine durchscheinenden Bolschoi-Ballerina. Doch die Anmut, mit der auch die Kleiderschränke unter den maskulinen Elfen sich bewegen, bringt die Wahrnehmung ein ums andre Mal ins Trudeln.

Choreographien aus der Goldenen Zeit

Tatsächlich zielen die Trocks nicht nur auf Komik, sondern auch auf Ballett-Liebhaber vom alten Schrot und Korn. Dobrin: „Wo kriegen Sie das denn heutzutage sonst noch zu sehen? Die originalen Choreographien aus der Goldenen Zeit?“ Marius Petipas „Raymonda’s Wedding“ beispielsweise zur Musik Alexander Glasunows oder Lew Iwanowitsch Iwanows kanonischen „Schwanensee“ zu den herrlichen Klängen Peter Tschaikowskis. Oder den unsterblichen Sterbenden Schwan zu Saint-Saëns’ zu Herzen gehender Cello-Kantilene.

„So erreichen wir alle“

Natürlich sind die Choreographien nicht eins zu eins original. Sie sind nach den Vorbildern modelliert. Doch die urkomischen Haken und Ösen, die die Trocks in die klassische Oberfläche einarbeiten, können nur greifen, weil diese Herren ihr Metier verstehen. Drum rührt das Geschehen am und auf dem Schwanenteich zwischen den Lach- auch immer wieder zu echten Tränen der Rührung. Dobrin: „So erreichen wir alle. Die ballettbegeisterte Ehefrau kann ihren Mann mitbringen, der sonst gar nichts mit Tanz anfangen kann, und selbst die Kinder und die Großeltern amüsieren sich prächtig.“

Für Conaisseure und Freunde groben Unfugs

Die Reaktionen im wunderbaren Saal des Theaters Politeama Rossetti geben ihm Recht. Schon die Vorstellung der Akteure, das Verlesen ihrer Fantasie-Namen zwischen Nina Immibiliashvili, Irina Kolesterolikova, Varvara Beaulemova und Innokenti Smoktumuchsky, Boris Dumbkopf, Nicholas Khachafallenjar ist für lautes Prusten gut, und im ganzen ersten Teil, der dem zweiten Schwanensee-Akt gehört, ändert sich daran nichts. Vom Tanz-Connaisseur bis zum engen Freund des groben Unfugs kommt da jeder zu seinem Recht.

Zurück zu den Performance-Wurzeln

Das Highlight der neuen Show, mit der die Trocks auch in Leipzig gastieren, wartet allerdings nach der Pause: „Patterns in Space“ nach Merce Cunningham – mit Musik nach John Cage, die zwei Trocks auf offener Bühne live produzieren. Damit schlagen die Ballets Trockadero de Monte Carlo den Bogen zurück zu den eigenen Wurzeln, zu den Performances in den Galerien und Hinterzimmern im New York der späten 60er und frühen 70er. Und auch diese Kunst zwischen Vision und Hurz taugt mittlerweile zur Parodie, die ihren Charme aus Perfektion gewinnt. Wer Tanz liebt, sollte das gesehen haben. Und wer nichts anzufangen weiß damit, der muss.

Les Ballets Trockadero de Monte Carlo in der Oper Leipzig: 2. bis 7. Juli, Karten gibt es u.a. in der Ticketgalerie Leipzig (LVZ-Foyer, Peterssteinweg 19; Barthels Hof, Hainstr. 1), unter der gebührenfreien Telefonnummer 0800 2181050, www.ticketgalerie.de

Von Peter Korfmacher

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