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16:35 08.01.2019
Gottschalk liest, hier in seiner Autobiografie „Herbstblond“.
Gottschalk liest, hier in seiner Autobiografie „Herbstblond“. Quelle: Tobias Hase/dpa
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Leipzig

Es war etwas ruhiger geworden um Thomas Gottschalk. Dann ist sein Haus im kalifornischen Malibu abgebrannt, wofür er im November einen Trost-„Bambi“ bekam, denn das Feuer hatte all seine früheren „Bambis“ gefressen. „Letzte Woche war ich noch herbstblond, jetzt bin ich aschblond“, galgenhumorte Deutschlands blondester Entertainer daraufhin. So kennen und lieben ihn die Fernsehzuschauer: schlagfertig und dabei interessant gekleidet.

Eine Überraschung war es dann doch, als der Bayerische Rundfunk bekanntgab, Gottschalk (68) eine Literatursendung zu geben. Vier Mal im Jahr wird er ab Frühjahr „Gottschalk liest?“ moderieren. Das Fragezeichen im Titel steht fürs mitgedachte „Hä?“ und spielt mit den Vorurteilen, die interessant gekleidete Menschen oft begleiten.

Schwierige Beziehung

Ja, er liest! Und er schreibt sogar. „Herbstblond: Die Autobiographie“ ist 2015 erschienen. Im Übrigen sei sein Bücherschrank in Malibu größer gewesen als sein Kleiderschrank. 2008 gab es den hübschen Eklat, als Gottschalk die Verleihung des Deutschen Fernsehpreises moderierte, der von Format und Dauer genervte Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki jedoch den Preis für sein Lebenswerk nicht annahm: „Es ist schlimm, dass ich das erleben musste“, polterte der „Literaturpapst“.

Es ist keine leichte Beziehung zwischen Literatur und Fernsehen. Und das Fremdeln beruht offensichtlich auf Gegenseitigkeit, wie man an nächtlichen Sendezeiten für Denis Schecks „Druckfrisch“ (ARD) und das „Literarische Quartett“ (ZDF) sehen kann. „Lesen!“ hieß mal eine Sendung, „Die Vorleser“ eine weitere, abgelöst von „Das Blaue Sofa“ – ihnen waren im Zweiten nur wenige Jahre vergönnt.

Man kennt sich

„Germany’s next Topmodel“ hingegen hat schon zwölf Jahre auf dem Buckel und ein Ende ist nicht abzusehen. Damit das so bleibt, haben sich die Macher etwas Neues ausgedacht: wechselnde Juroren. Das sind Fachkräfte wie Modefotografinnen, Ex-Models und Designer. Und Thomas Gottschalk. Der ja nicht nur alles tragen, sondern auch alles kommentieren kann.

Vielleicht wird er, wenn nicht zum „Literaturpapst“, so doch zum „Literaturlagerfeld“ ernannt. Er werde, teilt ProSieben mit, die Kandidatinnen schulen und gemeinsam mit Zuchtmeisterin Heidi Klum entscheiden, wer rausfliegt, wer also die berühmten acht Worte hört: „Ich habe heute leider kein Foto für Dich.“ Die Klumin hat ja 2005 schon mal auf Gottschalks „Wetten, dass..?“-Couch gesessen, es gibt Kussfotos.

Was den Eindruck verstärkt, der sich bei Casting-Reality-Koch-Shopping-TV-Formaten aufdrängt: dass es einen Pool von etwa 23 Menschen gibt, die wechselseitig vor die Kameras laufen.

„Shopping Queen“ bei „Druckfrisch“

So wie im „Dschungelcamp“, dessen 13. Staffel am Freitag beginnt. Reden die da am Lagerfeuer eigentlich auch über Bücher? Lesen sie einander vor? Schreiben gar selbst ein Kapitel Fernsehgeschichte? War Denis Scheck schon dort? Er reist doch so gern. Auch hat noch niemand das „Literarische Quartett“ beim „Perfekten Promi Dinner“ gesehen, dabei gibt es einige Berührungspunkte.

„Bauer sucht Buch“? Hört man nie. „Deutschland sucht das Superbuch“? Nur zu den Buchmessen. Und wann stellt „Shopping Queen“ Guido Maria Kretschmer bei „Druckfrisch“ seine Bücher vor? Bevor alle anderen es tun, denn Promis und Buchmarkt wachsen immer enger zusammen. Hat schließlich jeder mal mit etwas eine Erfahrung gemacht.

Und da deutsche TV-Konsumenten gern anderen beim Leben zuschauen, beim Kochen, Verlieben, Tanzen, Trennen, Einkaufen ..., könnten sie das auch beim Lesen tun. Der Spannung wegen sollten es rund zwölf Lesende sein. Bis am Ende einer gewinnt und es für die anderen heißt: „Ich habe heute leider kein Buch für Dich.“ Tränen, Lächeln, Abspann.

Von Janina Fleischer