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Kultur Regional Liebe und Obsession – Lukas Bärfuss stellt in Leipzig neuen Erzählungsband vor
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08:35 01.11.2019
Der Schweizer Schriftsteller Lukas Bärfuss. Quelle: Paula Ribas/telam/dpa
Leipzig

Die Gegenwart dieser Erzählungen ist das Erinnern. „Erinnerungen sind Fragmente einer größeren Wirklichkeit, doch in sich sind sie vollständig, es lassen sich keine Teile daraus lösen“, schreibt Lukas Bärfuss in der titelgebenden Erzählung seines Buches „Malinois“, das gerade erschienen ist, kurz bevor der Schweizer Schriftsteller am 2. November von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet wird. Am Montag ist er in Leipzig zu Gast.

Verglichen mit seinen Theaterstücken ist Bärfuss’ Prosawerk schmal – und da sind die beiden Essay-Sammlungen „Stil und Moral“ sowie „Krieg und Liebe“ schon mit drin. Mit „Hagard“, einem seiner drei Romane, war er 2017 für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. „Ich weiß alles, und ich begreife nichts“, heißt es dort gleich zu Beginn. Dem sich einbringenden Erzähler bleibt man gern auf der Spur.

Die Kugel im Lauf

Später wird er seinen Helden, „eben noch ein gesundes, tüchtiges Exemplar seiner Gattung, kräftig, schnell und wehrbar“, als „durch seine Idiotie waidwund“ beschreiben. Diese Idiotie ist Folge weniger der Liebe als einer Obsession, doch wie sie ineinander übergehen können, ist Gegenstand auch der nun vorliegenden Kurzprosa.

In „Malinois“, eine der raffiniertesten dieser Erzählungen aus mehr als 20 Jahren, geraten zwei Männer, eine Frau, ein sterbender Hund und eine geladene Waffe in eine Situation, in der offen bleibt, welcher Empfindung die Kugel „ein Ende bereiten soll, dem Zorn, der Verwirrung, dem Schmerz oder dem Begehren.“ Da Erzähler und Figuren das gleiche Wissen zu teilen scheinen, stehen sie einander auch im Ahnen nahe.

Misstrauisch bleiben

Beim Lesen wirkt vieles zunächst wie ein Geheimnis. Etwas bleibt immer unausgesprochen, während eine Beziehung aus den Schienen springt, weil sich ein Mann in den Schwager verliebt oder die Frau in einen neuen Fremden. Oder wenn ein Mann nur bleiben könnte, würde seine Frau sich selbst verlassen.

Und wenn jemand lacht, „als hingen Bleigewichte an seinem Zwerchfell“, verdichtet sich hinter dem Spot aufs Geschehen das Dunkel. Daraus wächst Spannung, und es ermöglicht eine Fiktion, die misstrauisch bleibt gegenüber der Zeit.

In Bärfuss’ Schreiben durchdringen sich, wie die Darmstädter Akademie es formuliert, „nervöses politisches Krisenbewusstsein und die Fähigkeit zur Gesellschaftsanalyse am exemplarischen Einzelfall, psychologische Sensibilität und der Wille zur Wahrhaftigkeit“.

Er forscht nach der Geschichte des Bewusstseins, klopft an die Pforten der Wahrnehmung. „Ohne Wahrheit gibt es keine Freiheit“ hat Bärfuss 2017 in seiner „Dresdner Rede“ gesagt, anspielend auf ’89 und Meinungsfreiheit. Eine Wahrheit liegt auch in seiner Sprache.

Lukas Bärfuss: Malinois. Erzählungen. Wallstein Verlag; 128 Seiten, 18 Euro

Am 4. November, 19.30 Uhr, ist Lukas Bärfuss im Festsaal des Alten Rathauses, es moderiert Frieder von Ammon; der Eintritt ist frei, es wird aber wegen begrenzter Platzzahl um eine Anmeldungen gebeten bis 3. November unter der Tel. 0341 30851086 (Literaturhaus Leipzig) oder per Mail: tickets@literaturhaus-leipzig.de

Dramatiker, Romancier, Essayist

Der Dramatiker, Romancier, Essayist Lukas Bärfuss wurde 1971 in Thun/Schweiz geboren. Seine Stücke werden weltweit gespielt, seine Romane sind in etwa 20 Sprachen übersetzt. Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung verleiht ihm am 2. November den Georg-Büchner-Preis und attestiert dem Erzähler wie dem Dramatiker eine „distinkte und dennoch rätselhafte“ Bildersprache, karg, „klar und trennscharf“. Mit „hoher Stilsicherheit und formalem Variationsreichtum erkunden seine Dramen und Romane stets neu und anders existenzielle Grundsituationen des modernen Lebens“. Der Preis ist mit 50 000 Euro dotiert und wird in Darmstadt verliehen.

Lukas Bärfuss: Malinois. Erzählungen. Wallstein Verlag; 128 Seiten, 18 Euro Quelle: Wallstein Verlag

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