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Kultur Regional Liebesspiel beim Großen Concert
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17:41 21.09.2018
Tom Bergmann, Patricia Klages und Nicola Miritello (v.l.) vom Ballett der Musikalischen Komödie Leipzig tanzen zu Bernsteins Facsimile. Die Leitung hat Omer Meir Wellber. Quelle: Dirk Knofe
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Leipzig

Nein, sie haben sich nicht verlaufen: Die Tänzer des Balletts der Musikalischen Komödie Leipzig waren beim Großen Concert am Donnerstag ausnahmsweise mal im Gewandhaus auf der Bühne. Die erfrischende Abwechslung passte zum Programm, das mit vier sehr kontrastreichen Werken einem musikhistorischen Potpourri gleichkam. Gastdirigent Omer Meir Wellber und das Gewandhausorchester führten durch den Abend unter einem Motto, das vielleicht Verwunderung hervorrief oder aber auch gespannte Erwartungen: musikalischer Humor.

Solide und leichtfüßig gelingt der Einstieg mit Josef Haydns Sinfonie Nr. 88. Wellber haucht dem Wiener Urgestein erstaunlich viel Leben ein und eine energetische Dynamik, die sich von seiner beschwingten Körpersprache direkt auf das Spiel der Musiker zu übertragen scheint. Wellbers Haydn ist locker, knackig. Die musikalischen Witzeleien des Komponisten wirken aus heutiger Sicht zwar ein wenig harmlos: Da gibt es singende, springende Ohrwurm-Themen und hie und da eine ungewöhnliche Instrumentierung; der dritte Satz mündet nach spitzfindigen Akzent-Haschereien plötzlich in einem Trio mit durchgängiger Bordun-Quint-Begleitung, der die Sinfonie ihren Beinamen „mit dem Dudelsack“ verdankt. Das Gesamtamüsement des Werks besteht aber nach wie vor; es ist und bleibt zeitlos. Nach triumphal strahlendem Schluss erhalten Wellber und das Gewandhausorchester ihren ersten großen Applaus des Abends.

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Der harte Bruch folgt auf dem Fuß, wenn Leonard Bernstein mit seiner Ballettmusik Facsimile ins 20. Jahrhundert katapultiert. Sein „Choreographic Essay for Orchestra“ erzählt von einer problematischen Dreiecksbeziehung. Im Halbdunkel des Saals fällt das Spotlight auf eine Frau (Patricia Klages) – Eleganz wird begleitet von einer einsamen Oboe. Ein Mann (Tom Bergmann) kommt hinzu, und im leidenschaftlichen Paartanz bauscht die Musik sich auf, wird perkussiv, impulsiv.

Es ist keine Romantik, die Komponist Bernstein und Choreograf Mirko Mahr hier zeigen, es ist pure Erotik. Ein zweiter Mann (Nicola Miritello) beobachtet das Lustspiel, bringt sich ein zum Pas de trois. Das Orchester flirrt, betört, provoziert. Wellber wird zur Brücke zwischen Musik und Körperlichkeit. Am dramatischen Höhepunkt beendet die Frau den Rivalenkampf der Männer, ein orchestraler Aufschrei: Stopp! Und das Stück endet wie es begann: mit einer einsamen Frau und einer einsamen Oboe. Anerkennender Beifall belohnt die Leistung der Tänzer.

Hoher Unterhaltungswert

Nach der Pause sitzt der Dirigent am Klavier. Mit Bravour spielt Wellber in der kurzweiligen, für Sextett komponierten Ouvertüre über hebräische Themen von Sergej Prokofjew. Das Stück überzeugt durch volkstümlichen Charme – gemischt mit Prokofjev’scher Raffinesse und einer mitreißenden Kombination aus Tanz, Freude, Humor und rauschenden Melodien. Die Freude an dieser Musik ist dem Publikum anzumerken und reißt alle mit. Die traditionellen, schwungvollen Töne werden von den sechs Solisten mit blitzsauberer Präzision vorgetragen – es macht einfach Spaß.

Den Abschluss des Konzert bildet die erste Sinfonie von Dimitri Schostakowitsch, deren humorvolle Veranlagung kaum zu überhören ist. Von Beginn an gackern die Holzbläser in eine Folge musikalischer Finten hinein. Mit einem turbulent-launischen Karneval der Instrumente nimmt Schostakowitsch das altehrwürdige Image der Sinfonie auseinander.

Zusammen bilden die vier Sätze ein wildes Karussell zwischen zarten, säuselnd-träumerischen Tönen von Solostreichern und plötzlich aufbrausenden Böen mit donnernder Dramatik. Nach dem hämmernden Schlusston hält das Publikum den Atem an. Es ist mucksmäuschenstill im nicht ganz ausverkauften Gewandhaussaal. Dann bricht der Applaus zunächst wie eine Welle der Erleichterung los, wandelt sich aber schnell zu Begeisterung.

In diesem ungewöhnlichen Programm ist jedes Stück für sich ein Meisterwerk, die Umsetzung durch Dirigent, Orchester und Tänzer von höchster Güte. Jedoch sind die Werke so kontrastreich, dass die Zusammenhänge mitunter verschwimmen. Was nichts am hohen Unterhaltungswert ändert. Und warum nicht auch die Dramaturgie einfach mit Humor nehmen.

Von André Sperber

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