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Kultur Regional „Lord of the Toys“: Filmemacher kommen für Diskussion nach Leipzig
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17:19 04.06.2019
“Lord of the Toys“ auf Kino-Tour im Passage-Kino: Filmemacher André Krummel (l.) und Pablo Ben Yakov stellen sich im Gespräch mit Ada Kaufmann den Zuschauerfragen. Quelle: Dirk Knofe
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Leipzig

„Wer von euch findet es eigentlich witzig, wenn jemand ‚Heil Hitler‘ sagt? Oder davon spricht, Juden zu vergasen?“ Die Stimme der Zuschauerin klingt vehement, lässt das Rascheln im vollen Kinosaal verstummen. Das sind die beiden Fragen, die wahrscheinlich nicht nur ihr nach der Vorführung von „Lord of the Toys“ in den Leipziger Passage-Kinos am Montagabend unter den Nägeln brennen.

Der Dokumentarfilm gewann beim vergangenen Dok-Festival im Herbst 2018 die Goldene Taube in der Kategorie Langfilm und löste schon vor der ersten Vorführung Proteste aus. Die Filmemacher André Krummel und Pablo Ben Yakov begleiteten über drei Monate eine Dresdner Youtube-Clique, die immer wieder mit Nazi-Symbolik und Ausfällen gegen Minderheiten provoziert. Dem Film wurde vorgeworfen, die gewaltverherrlichenden Szenen und rechten Symboliken nicht ausreichend einzuordnen und kontextlos zu erzählen. Anführer der Clique ist Max Herzberg, zum Drehzeitpunkt 20 Jahre alt. Sein Youtube-Kanal heißt Adlersson.

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Warum die Clique um Max Herzberg?

Der Film ist derzeit auf Kinotour nach seiner Premiere am 23. Mai in Berlin. Krummel und Ben Yakov, die beiden Filmemacher, stehen nach der Vorführung für eine Diskussion mit dem Publikum bereit, in Leipzig gemeinsam mit Ralph Eue, Leiter der Auswahlkommission des Dok Leipzig.

Moderatorin Ada Kaufmann von den Passage-Kinos reagiert beschwichtigend auf den ersten Einwurf der Zuschauerin. „Vielleicht ist das nicht die geeignete Frage, um in die Diskussion einzusteigen“, sagt sie. Daraufhin fragt ein anderer Zuschauer: „Wie kam es zu dem Film, warum die Clique um Max Herzberg?“ Ben Yakov und Krummel verständigen sich mit Blicken, wer die Antwort auf diese erste Frage übernehmen soll. Die Wahl fällt auf Ben Yakov. „Wir sind keine Youtube-Bingewatcher“, sagt er. „Aber der Algorithmus hat uns ein Video von Max vorgeschlagen und dann sind wir aus Neugier losgezogen.“ Herzberg habe auf die Anfrage überraschend teilnahmslos reagiert, seine einzige Antwort sei gewesen: „Kein Problem, dass ihr mir den ganzen Tag am Arsch klebt. Solange ihr das aushaltet.“

Überbordendes Unverständnis für Jugendkultur

Hat man gerade den Film hinter sich, ist dieses Aushalten schwer vorstellbar. Die ganze Dokumentation gleicht einer nicht enden wollenden Eiswasserdusche, jegliches Gefühl im Körper weicht einer klammen Taubheit. Vor allem die Eingangsszene geht an die Grenzen des Erträglichen, wenn Max seinem betrunkenen Kumpel minutenlang Deodorant in das Gesicht sprüht und dabei sagt „Ich vergase dich“. Noch bedrückender jedoch wird das Gefühl dadurch, dass dabei vereinzelte Lacher durch den Saal schallen.

„Auf einmal war da eine Jugendkultur, die wir nicht mehr verstehen. Und dieses überbordende Unverständnis hat uns zu dieser Doku bewogen“, erklärt Ben Yakov. Und dabei fühlten sich weder er noch Krummel wirklich alt, mit ihren Jahrgängen 1986 und 1989.

Dresden wird nicht zum Thema

Das Unverständnis und das Verstehen-Wollen beherrschen in erster Linie auch die Fragen, die die Zuschauer an die Filmemacher stellen. Der erste Zwischenruf kommt nicht mehr zur Sprache, die Fragerin hat den Saal inzwischen längst verlassen. Interessanterweise ist der Ort des Geschehens, Dresden, nicht Thema. Inhalt und Geografie verknüpfen die Zuschauer nicht, das Interesse an der Arbeit der Filmemacher ist größer. Ein jüngerer Zuschauer lobt die beiden für ihre augenscheinliche Objektivität: „Ich finde es gut, dass ihr den Film wertfrei gezeigt habt. Ihr habt nur die Gruppe gefilmt, jeder kann sich seine eigene Meinung dazu bilden.“ André Krummel reagiert unverzüglich: „Das sehe ich nicht so. Wir haben unsere Sichtweise nur komplexer durch filmische Mittel sichtbar gemacht. Natürlich soll der Zuschauer seine eigenen Schlüsse ziehen, trotzdem ist unsere eigene Haltung da.“

Der Film ist ein Gesprächsangebot

Ralph Eue unterstützt ihn dabei, auch wenn er sich ansonsten in der Diskussion zurücknimmt. „Wir in der Jury haben gesehen, dass der Film souverän mit filmischen Mitteln umgegangen ist und dabei große Bewusstheit über das eigene Tun hat. In der Kommission waren nicht alle Fans von dem Film, aber wir sehen ihn als Gesprächsangebot.“ An dieser Stelle dringt spontaner Applaus aus dem Publikum.

Krummel erklärt noch zum Wunsch nach der stärkeren Einordnung: „Die Kritiker wollen, dass wir die Jungs als Nazis bezeichnen.“ Aber das sei nicht das Kernproblem. Die Frage, ob die Youtuber es ernst meinen, wenn sie Judenwitze machen, wird auch bei der Diskussion nicht restlos geklärt. „Da steckt auch sehr viel Kalkül dahinter“, sagt Ben Yakov. „Wenn sie auf einmal alle lieb zueinander wären, würden die Klicks ausbleiben.“ Und die Klickzahlen sind erschreckend hoch. Der Kanal hat mittlerweile über 400 000 Abonnenten. „Und trotzdem haben wir schon mehr mit dem Film erreicht, als gedacht. Wir haben junge Menschen dazu gebracht, für einen Dokumentationsfilm ins Kino zu gehen“, sagt Ben Yakov. Bleibt nur zu hoffen, dass der erwünschte Gedankenprozess auch in Gang gesetzt wurde.

Von Katharina Stork